Krisen im Märchen. Hilfe für Trennungs- und Patchworkkinder

Von Irina Schweizer, Juli 2015

Märchen können Kindern dabei helfen, Krisen und Umbrüche zu meistern. Die Waldorferzieherin Irina Schweizer zeigt dies am Beispiel des Märchens Aschenputtel.

Bild: Daniela Drescher aus: »Die 100 schönsten Märchen der Brüder Grimm«, Verlag Urachhaus

Aufgelöst und verzweifelt bat mich eine Mutter als leitende Erzieherin um ein Gespräch. Sie lebte getrennt vom Vater. Das Sorgerecht teilten sich die Eltern. Der Vater fand eine neue Partnerin, die nach kurzer Zeit mit ihren beiden Töchtern zu ihm zog. Das väterliche Haus wurde renoviert und die Kinderzimmer neu aufgeteilt. Nach diesem Ereignis kam die Tochter nach dem Besuch beim Vater weinend zur Mutter und wiederholte fortwährend nur diesen einen Satz: »Ich fühle mich wie Aschenputtel«. Offensichtlich konnte das Mädchen keine Worte für seine Gefühle finden, dennoch war es ihr möglich, sich in Form eines Märchenbildes verständlich zu machen.

Im Jahr 2012 wurden in Deutschland laut statistischem Bundesamt 387.423 Ehen geschlossen und 179.147 Ehen geschieden. Von diesen Scheidungen betroffen waren auch 143.022 Kinder. Genaue Erhebungen über die Anzahl von Patchworkfamilien fehlen. Schätzungsweise leben in Deutschland über zwei Millionen Patchworkfamilien. Nimmt man die Zahlen in Bezug auf Trennungs- und Scheidungskinder ernst, wird deutlich, dass auch Kindertageseinrichtungen herausgefordert sind, auf verschiedene Familienformen, wie zum Beispiel Patchworkfamilien, einzugehen.

Eine Möglichkeit könnte die Arbeit mit Märchen darstellen. Schon vor zweihundert Jahren beschrieben Jakob und Wilhelm Grimm in ihren Kinder- und Hausmärchen das schwierige Miteinander von Stiefmüttern, Stiefkindern und Halbgeschwistern. Wenn sich ein Trennungskind, wie in dem oben beschriebenen Beispiel, intensiv mit einem Märchen verbindet und sich dadurch artikulieren kann, kommt die Frage auf, ob in Volksmärchen Identifikationsmuster und Resilienzansätze für Kinder einer Patchworkfamilie enthalten sind. Kinder aus Patchworkfamilien stehen oftmals vor großen Herausforderungen. Einerseits müssen sie den Zusammenbruch der Kernfamilie verkraften, andererseits sollen sie die neuen Lebensbedingungen einer Patchworkfamilie bewältigen.

Kinder durchlaufen Krisen, die einer positiven Bewältigung neuer Situationen vorausgehen. Monika Kiel-Hinrichsen beschreibt in ihrem Buch »Die Patchworkfamilie« diesen Krisenverlauf in verschiedenen Stufen. Bert Voorhoeve beschäftigt sich mit den Krisen der Protagonisten im Volksmärchen. Auch er spricht von verschiedenen Phasen die vorausgehen müssen, damit eine Krise bewältigt werden kann. Verknüpft man diese beiden Erkenntnisse miteinander, so lassen sich bei den Märchenhelden viele Übereinstimmungen und Identifikationsmöglichkeiten für Patchworkkinder finden.

Verleugnen und Bagatellisieren

Betrachten wir das Märchen »Aschenputtel« näher, wird anfangs der Zustand einer Kernfamilie beschrieben. Der Vater ist reich, er hat eine kranke Frau, gemeinsam haben sie eine Tochter. Doch dann stirbt die Mutter und die Kernfamilie zerbricht. Aschenputtel ist traurig, sie weint jeden Tag. Auch Patchworkkinder sind zutiefst verunsichert und starken Emotionen ausgesetzt, wenn sich Eltern trennen und die Kernfamilie sich auflöst. Im Märchen nimmt sich der Vater nach einem Jahr eine neue Frau. Diese bringt zwei Töchter mit in die Familie. Für Aschenputtel beginnt eine krisenhafte Zeit. Die Stiefmutter und beide Stiefschwestern schikanieren das Mädchen, der Vater schaut tatenlos zu. Typische kindliche Verhaltensweisen können zum Beispiel Leugnung der Situation oder Bagatellisieren sein. Viele Kinder glauben zu dem Zeitpunkt noch, dass alles nur ein böser Traum war und sich Mama und Papa bald wieder vertragen.

Das Tal der Trauer

Nach dieser anfänglichen Krise kommt eine weitere Stufe, die als »tiefes Tal der Finsternis« beschrieben werden kann. Im Märchen wird Aschenputtel in ihrem alltäglichen Leben mit Grausamkeiten konfrontiert. Sie wird von der Familie verstoßen und als Dienstmagd missbraucht. In seinem Elend ist Aschenputtel ganz allein. Starke Gefühle wie Einsamkeit, Trauer, Wut, Misstrauen können auch heute bei Kindern in dieser Phase im Vordergrund stehen. Wie im Märchen ist eine beängstigende Wirklichkeit real geworden. Oftmals werden Kinder zu diesem Zeitpunkt auch mit neuen Partnern der Eltern konfrontiert, was ihnen deutlich macht, dass Vater und Mutter nun endgültig getrennt sind. Die starke Verunsicherung geht mit einem großen Verlustgefühl einher. Aschenputtel stellt sich ihrer Trauer. Sie ist auf der Suche nach neuen Wegen, die aus der Finsternis führen.

Dabei zeigt sie sich geduldig, indem sie täglich Erbsen und Linsen sortiert sowie lebenspraktische Tätigkeiten wie Feuer machen und Wasser holen verrichtet. Bei allen Prüfungen, die ihr die Stiefmutter auferlegt, erhält Aschenputtel Hilfe aus dem Tierreich. Sämtliche Vögel unter dem Himmel eilen herbei. Auch Aschenputtels Tugenden werden im Märchen benannt. Sie ist gut, fromm und geistesgegenwärtig. Als der Vater Aschenputtel fragt, was er ihr von der Messe mitbringen soll, antwortet sie schlicht: »Einen Haselreis«, den sie auf das Grab der Mutter pflanzt. Aschenputtel wird tätig. Dieser Haselreis wird mit Tränen begossen und wächst zu einem schönen Baum. Ein weißer Vogel, der Aschenputtel Wünsche erfüllen kann, beheimatet sich dort.

Auf der Suche nach neuen Wegen

Nach dem Trauerprozess suchen auch Trennungs- und Patchworkkinder nach neuen Wegen. Eine Hilfe ist, wenn Eltern Verantwortung für die Trennung übernehmen und ihrerseits einen Weg finden, mit ihren Schuldgefühlen umzugehen. Heilend ist es für die betroffenen Kinder, wenn auch ihre Eltern trauern können und dürfen. Trauern hilft bei der Bewältigung des erlittenen Leids. Erst dadurch können eigene Grenzen und Unfähigkeiten angenommen werden. Durch die intensive Auseinandersetzung mit ihren Gefühlen können für Eltern und Kinder neue Freiräume entstehen. Manche Kinder werden neugierig und experimentieren. Wie Aschenputtel werden auch sie tätig. Zum Beispiel werden neue Hobbys ausprobiert, neue Menschen kennengelernt und andere Orte erforscht.

Am Ende des Märchens, entsprechend der letzten Stufe im Krisenverlauf, erfährt Aschenputtel Liebe, Licht und Weisheit durch die Hochzeit mit dem Königssohn. Das Ungleichgewicht wird überwunden und Harmonie tritt auf einer höheren Stufe ein. Durch den Königssohn kann Aschenputtel ein Zukunftsmotiv aufbauen. Durch die Hochzeit wird die Heldin des Märchens zur Königin. Aschenputtel hat alle Prüfungen bestanden, ist sich selbst treu geblieben und hat im Bestehen aller Gefahren ihre Eigenpersönlichkeit errungen.

Übertragen auf die heutige Situation von Kindern aus Trennungs-, Scheidungs- und Patchworkfamilien könnte die Hochzeit mit dem Königssohn ein Bild für bewältigte Entwicklungsaufgaben sein, das heißt, neue Kompetenzen sind erworben worden und die Kinder fühlen sich wohl in der neuen Situation. Am Ende dieses Prozesses steht der Entschluss: »Das Leben geht weiter«. Monika Kiel-Hinrichsen betont, dass Kinder aus Patchworkfamilien zusätzlich zu den Aufgaben, die ihnen wie jedem anderen Kind auch die Entwicklung ihrer Persönlichkeit stellt, Strategien entwickeln müssen, um ihr Leben innerhalb komplizierter Familienstrukturen zu meistern, das heißt, sie erbringen höchste Anpassungsleistungen und müssen bereits heute üben, was später von ihnen verlangt wird: Mobilität, Flexibilität und Teamfähigkeit. Aus dem Blickwinkel der Resilienzforschung wird deutlich, dass sowohl Risikofaktoren als auch Schutzfaktoren in Bezug auf Aschenputtel beschrieben werden. Als Risikofaktoren gelten Krisen und Belastungen, die das Kind nachhaltig erschüttern, wie zum Beispiel der Verlust eines Elternteils.

Schutzfaktoren, wie zum Beispiel Selbstvertrauen, sichere Bindung zu Bezugspersonen und das Vorhandensein eines sozialen Umfeldes, helfen, die Situation positiv zu bewältigen. Aschenputtel besitzt solche persön­liche Eigenschaften: Sie hat ein gesundes Selbstwertgefühl (vertraut auf ihre Fähigkeiten, obwohl sie sozial ausgegrenzt wird) und besitzt Selbsthilfefertigkeiten (sucht selbst nach Lösungen für ihre Probleme). Schutz erfährt Aschenputtel in Form von Hilfe durch Andere wie z.B. die Vögel. Vögel verbinden Himmel (das Göttliche) und Erde (das Irdische). So erlebt Aschenputtel, dass sie nicht allein ist. Vögel und Tauben helfen dem Mädchen beim Sortieren der Linsen. Bildlich betrachtet geben sie Hilfestellung beim Ordnen des Lebens. Herauszufinden, was gut und was schlecht ist, ist Teil des Selbstfindungsprozesses.

Glaube – Liebe – Hoffnung

Diese Märchenmotive können positive Identifikationsmuster für Trennungs- und Patchworkkinder darstellen. Ist in ihnen doch bildlich alles enthalten, was zum Meistern einer Krise notwendig ist: Zum einen Stärkung des Selbstbewusstseins und zum anderen Hilfestellung von Außen. Krisen positiv zu bewältigen, benötigt Zeit, Geduld und es gibt dabei individuelle Abweichungen in den beschriebenen Phasen. Zum Beispiel kann die Verweildauer in den einzelnen Phasen je nach Kind unterschiedlich sein. Hilfreich in allen Phasen sind seelische Ressourcen, die vergleichbar sind mit Reisegepäck, das mich stets auf meinem Weg begleitet. Aschenputtel ist religiös. Im Gebet findet sie Trost. Sie ist trotz der widrigen Umstände optimistisch und trägt stets Hoffnung in sich. Das kleine Kind bis zu einem Alter von ungefähr sieben Jahren lebt noch in dem tiefen Gefühl, dass die Welt gut ist. Die Trennung der Eltern verunsichert das Kind zutiefst, weil es noch wenig Vorstellung von Ursache und Wirkung hat.

Es ist in seinem Gefühlsleben noch existenziell von Erwachsenen abhängig. Auf dieser Entwicklungsstufe sucht das Kind positive Vorbilder. Durch die Identifikation mit dem Märchen können Kinder ihre eigene Geschichte verarbeiten und sich selbst wiederfinden. Der Märchenheld gibt ihnen Stärke und Sicherheit, gibt ihnen Kraft, eigene Probleme zu lösen in einer Situation, in der alles im Umbruch ist.

Für Kinder, aber auch für Eltern aus Trennungs- und Patchworkfamilien kann die Arbeit mit Märchen sehr wohltuend wirken, weil sie in erster Linie keine intellektuelle, sondern eine künst-­ lerische Bearbeitung der relevanten (Entwicklungs-) Themen darstellt. Kindergartenkinder verfügen oft noch nicht über dialogische Fähigkeiten wie Erwachsene und haben nicht die Möglichkeit, bei sie belastenden Krisen das Gespräch zu suchen. Da jüngere Kinder diese Reife noch nicht haben, sind sie viel stärker auch auf spielerisch-künstlerische Hilfestellungen, wie sie beispielsweise im Märchen vorkommen, angewiesen.

Zur Autorin: Irina Schweizer ist staatlich anerkannte Erzieherin, Waldorferzieherin und Kindheitspädagogin BA.

Literatur: M. Kiel-Hinrichsen: Die Patchworkfamilie. Zusammenleben – Zusammenwachsen, Stuttgart 2014; B. Voorhoefe: Bilder als Quelle innerer Kraft. Phantasietraining durch Bildarbeit, Stuttgart 1995

Kommentare

Mayelin Guerrero, Dominikanische Republik, 15.07.15 18:07

Ich liebe Märchen. Ich bin Eurythmistin und auch Kindergärtnerin

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