Medien in der frühen Kindheit

Von Birgit Krohmer, November 2020

Kaum eine Frage polarisiert in unseren Kindergärten und Schulen so sehr wie die der Medien. Durch die Coronazeit sind diese noch stärker in den Vordergrund gerückt und selbstverständlicher geworden. Umso wichtiger ist es, danach zu fragen, was für eine Lebensumgebung wir für unsere Kinder schaffen wollen.

Foto: © vanda lay / photocase.de

Hinweis: Dieser Artikel erschien in der Herbstausgabe 2020 der Zeitschrift »Frühe Kindheit«. Das Heft können Sie hier bestellen. Hefte, die älter als ein Jahr sind, stehen in unserem Archiv zum Download für Sie bereit.


Sind wir als Waldorfpädagogin, als Mutter oder Vater für oder gegen Mediennutzung? Das zu beantworten ist zunächst scheinbar ganz einfach. »Medienfrei« in der frühen Kindheit ist die beste Vorbereitung für Urteilsfähigkeit und somit auch spätere Medienmündigkeit. Letztlich ist es aber die falsche Frage, wenn wir die Lebensrealität heute anschauen. Das Lebensgemäße, aber auch Unbequeme an einer sich mit dem Lebenslauf des Kindes verändernden pädagogischen Praxis ist, dass es eben kein Dogma gibt, sondern viele Faktoren und Parameter. Zu diesen gehören das Alter und die Konstitution des Kindes, die soziale und kulturelle Umwelt, die Lebensverhältnisse und Gewohnheiten der Eltern oder der Patchworkfamilie. Ein besonderes Merkmal der Waldorfpädagogik ist es, aus der Entwicklung des Leibes und der sich in diesen inkarnierenden Geistseele abzulesen, welche Lerninhalte anstehen (vgl. Rudolf Steiner: Allgemeine Menschenkunde). Somit ist jede pädagogische Frage komplexer als die Aussage: Das ist »waldorfgemäß« oder nicht. In der frühen Kindheit steht das Kind als nachahmendes Wesen im Zentrum und die Haupterziehungsarbeit liegt somit bei dem sich selbst erziehenden Vorbild. Rudolf Steiner war es wichtig, dass die Erziehenden Zeitgenossen sind. Sie sind die Vorbilder für die sich genau zu dieser Zeit in diesen Familien und in diesem speziellen Umfeld inkarnierenden Kinder.

Was tut Not?

Zwei der vier Tugenden, die Rudolf Steiner uns im Begründungskurs der ersten Waldorfschule 1919 ans Herz legt, möchte ich in diesem Zusammenhang nennen. Auch wenn Steiner vor Lehrern spricht, sind die Aussagen gültig für alle, die an der Erziehung beteiligt sind:

»Der Lehrer soll ein Mensch sein, der Interesse hat für alles weltliche und menschliche Sein« (aus: Allgemeine Menschenkunde).

»Der Lehrer soll ein Mensch sein, der in seinem Innern nie einen Kompromiss schließt mit dem Unwahren« (aus: Erziehungskunst – Methodisch-Didaktisches). Und zwei Jahre später äußerte er: »Für das Geistig-Seelische heißt, sich Verkehrsmittel oder anderer Mittel bedienen, ohne dass man die Grundelemente kennt – es heißt blind sein. Geradeso wie ein Blinder durch die Welt geht, ohne die Lichteffekte zu kennen, so gehen heute die Menschen blind durch die Kulturwelt, weil sie nicht sehen, nicht die Möglichkeit bekommen haben, die Dinge zu verstehen. Das ist ein seelisch-geistiger Defekt« (aus: Menschenerkenntnis und Unterrichtsgestaltung).

Erwachsene, die sich nicht wie blind in der Welt bewegen, sondern diese verstehen, sich auskennen und auch technische Geräte sicher handhaben können, vermitteln den Kindern das Gefühl der Lebenssicherheit. Sich dem Leben angstfrei zu stellen, ist ein Vorbild für selbstbewusstes Lernen und angstfreies Handeln.

Wahrhaftig sein und sich nicht fürchten

»Gegen den Bildschirm« zu sein, ist, seit es diesen gibt, ein berechtigter Bildungsansatz, um die Kindheit und das freie Spiel zu erhalten. Nur die sinnlichen Erlebnisse bilden die Grundlage für Erinnerung, Phantasie und Vorstellungsvermögen. Dennoch heißt es, Zeitgenosse zu sein und sich nicht zu fürchten vor der Welt. Ich erinnere mich gut an einen Knaben, der mir bei der Heileurythmie sein großes Geheimnis anvertraute: »Ich hab’ einen Fernseher auf dem Sperrmüll gefunden und den hab ich im Keller versteckt und der geht noch!«

 – »Und was sagen Deine Eltern dazu?« – »Die wissen doch gar nicht, wie ein Fernseher aussieht!«

Oder bei der Aufnahme in der Schule fragten immer wieder Kinder: »Warum darf ich nicht zu Dir in die Schule, wenn ich Dir sage, dass ich jeden Abend meine Lieblingsserie anschaue?«

Der offene Dialog mit den Eltern, die gelebte Erziehungspartnerschaft, ein ehrliches Einstehen für seine Lebensgewohnheiten sind wichtige Grundlagen einer Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Kindertageseinrichtung oder Schule.

Wenn hier zwischen den Erwachsenen Unwahrhaftigkeit lebt, ist dies der moralischen Entwicklung des Kindes unzuträglicher als die Medien, die Teil der uns umgebenden Welt sind. Durch den offenen Dialog unter allen an der Erziehung Beteiligten entsteht Vertrauen, dieses ist Voraussetzung für die Bindungssicherheit der Kinder.

Alles zu seiner Zeit

In der Waldorfpädagogik wird sehr differenziert auf die spezifische Entwicklung im jeweiligen Lebensalter eingegangen. Ich möchte dies anhand einiger Beispiele aufzeigen:

Mobiles sind sehr beliebt: über der Wiege, über dem Wickeltisch – für das Baby unerreichbar, nicht zu be-greifen, aber immer im Blickfeld. Ein Mobile schiebt sich in den Fokus des Kindes beim Wickeln und ist hinderlich beim Sehen des Gesichts der Eltern, beim Lesen der Mimik und der Gesten, bei den Handlungen, die mit der Stimme einen Gesamteindruck des gemeinsamen Tuns ergeben. Es stört beim Entwickeln der Hand-Augen-Koordination, beim Für-sich-Sein und beim Beziehungslernen im Zusammen-Sein. Das gilt selbst für in Planetenfarben pflanzengefärbte Seidenfeen. Deswegen sind aber nicht alle Waldorfpädagogen immer und lebenslänglich gegen Mobiles – nur beim Wickeln und über der Wiege sind sie ungeeignet.

Das Gleiche gilt für die Handpuppe. Bei Krippenkindern sorgt diese nur für Irritationen, da Sprecher und Puppe auseinanderfallen. Im Phantasiealter schlüpfen die Kinder voller Freude in die Handpuppe und erfinden dann auch selbst Geschichten. Mit der kognitiven Entwicklung im Vorschulalter werden Metaphern verstanden, eigene erfunden und es erwacht ein neuer Wortwitz.

Wann ist Medienzeit?

Hier gilt es, zwischen Elternhaus und Kindergarten zu differenzieren. Im Letzeren gilt: »Handyfrei für alle«.

Die Handy-Garage im Büro für die Mitarbeitenden und die Eltern bei der Eingewöhnung garantiert wirkliches Handyfrei im Gruppenraum. Denn der Stress, wenn das stumm geschaltete Handy in der Hosentasche vibriert, steht den Erwachsenen ins Gesicht geschrieben.

Dass ein Handy am Waldtag mitgenommen wird, um in Notfall Hilfe zu erhalten, muss eigentlich nicht erwähnt werden. Aber fast alle Kindergärten haben ein Sekretariat und einen Anrufbeantworter und nicht jede Nachricht muss in der Hauptbetreuungszeit sofort gelesen und bearbeitet werden. Wir waren auch vor den Zeiten der Handys gut organisiert und lebensfähig!

Und zu Hause, wie sieht es da aus? Ein Beispiel aus einer Familie zu Zeiten des Lockdown: Oma wollte in den Osterferien zu Besuch kommen. Sie lebt in den USA. Nun war sie isoliert in einem Altersheim und die Tochter lebt in Deutschland – alleinerziehend. Jeden Morgen hatte sie eine Videokonferenz im Home Office zur Abstimmung der Aufgaben mit den Kollegen. Gut, dass es zu Hause noch einen alten Laptop gab. Omi las vor und unterhielt sich mit der Enkelin über das Vorgelesene und über alles, was sie bewegte, per Videoschaltung. Ja, echter Kontakt ist besser, aber die Alternative wäre gar kein Kontakt gewesen. Vorlesen ist besser, als einen Film anzuschauen. Ein Gespräch über das Vorgelesene ist durch kein Hörbuch zu ersetzen. Und Mama in einer Videokonferenz im Hintergrund und allein spielen klappt eher selten … Und Oma und Enkelin hatten einen gemeinsamen Fixpunkt am Tag, auf den sie sich beide freuen konnten. Die Aktivitäten, zu welchen wir alle freudig ja sagen können, auch in der Freizeit, gilt es mitzuteilen, um sowohl eine reiche Umgebung, als auch ein friedliches Klima zu schaffen, in dem unsere Kinder aufwachsen. Ein in der Elternschaft gemeinsam beschlossenes »Nein« zu noch nicht altersgemäßem Medienkonsum stärkt und entlastet jede Familie. Wenn dann »Alle anderen dürfen, nur ich nicht!« kommt, kann souverän reagiert werden. So gilt es herauszufinden, wie viel an Medien in welchem Lebensalter unter Berücksichtigung der Lebensumstände wirklich notwendig ist und wie viele und welche Alternativen es gibt. Das wird aber nur erfahr- und besprechbar, wenn es einen ehrlichen Austausch gibt. Am besten für die Kinder ist es, wenn Eltern und Waldorfpädagogen das gemeinsame Anliegen aufrichtig bearbeiten. Wie die bestmögliche Umgebung für die Kinder gemeinsam gestaltet werden kann, können wir nur im offenen Dialog herausfinden. Insofern brauchen wir ein Medienschutzkonzept für die Kinder und Medienmündigkeit unter den Erwachsenen. Ein »Nein« oder ein »Ja« aus Sachkenntnis, nicht aus Angst, hat Überzeugungskraft und Medienmündigkeit wird den Kindern durch medienmündige Eltern und Pädagogen vorgelebt. Souveränität, die aus soliden Kenntnissen hervorgeht, strahlt Zeitgenossenschaft und Lebenssicherheit aus. Und sie wirkt überzeugend.

Zur Autorin: Birgit Krohmer ist Waldorferzieherin und Heileurythmistin. Langjährige Tätigkeit an Waldorfschulen und als Fachberaterin im Auftrag der Vereinigung der Waldorf-Kindertageseinrichtungen Baden-Württemberg, Dozentin an Seminaren, Fachschulen und Ausbildungsstätten im In- und Ausland, Vorstand der Vereinigung der Waldorkindergärten.

Literatur: R. Steiner: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik, GA 293, Dornach 1992 | Ders.: Erziehungskunst – Methodisch-Didaktisches, GA 294, Dornach 1990 | Ders.: Menschenerkenntnis und Unterrichtsgestaltung, GA 302, 16.6.1921, Dornach 1986

Links: P. Martzog, S. Suggate: Screen-time influences children‘s mental imagery performance | Kinderärzte im Netz

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