Musikalische Früherziehung beginnt an der Wiege

Von Ingrid Weidenfeld, Juli 2010

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um mit musikalischer Früherziehung zu beginnen? Müssen Kinder mit spätestens drei Jahren an ein Instrument herangeführt werden? Und wie sieht diese Früherziehung aus? Ähnliche Fragen stellen sich heute fast alle Eltern, die sich für ihre Kinder einen Zugang zur Musik wünschen. Die Musikpädagogin Ingrid Weidenfeld gibt Antwort.

Musik erleben ist ein Tanz der Seele

Soweit man in die Geschichte zurückblicken kann, spielte Musik im Leben der Menschen eine wichtige Rolle. Ursprünglich ist sie wahrscheinlich aus religiösen Ritualen entstanden. Mit Instrumenten wurden Töne erzeugt, es wurde getrommelt, geflötet und gesungen und vor allem getanzt. Musik und Tanz waren untrennbar miteinander verbunden. Die Kinder eigneten sich selbst­verständlich über das Mitvollziehen der Bräuche die Spielfertigkeit auf Instrumenten und die Rituale der Erwachsenen an. Das scheint etwas Ur-Menschliches zu sein. Es begegnet einem bei allen Völkern der Welt.

Bis zum heutigen Tag sind für das kindliche Erleben Musik und Tanz eng miteinander verbunden. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Musik ein strömendes, sich stets bewegendes, verwandelndes Element ist. Musik ist körperlos, auf Luftwellen wird sie an das Ohr heran­getragen und entschwindet wieder. Dabei kann uns Menschen Musik innerlich so stark berühren wie kaum eine andere Kunst. Das Besondere der Musik ist, dass sie jeden, auch den musikalisch Ungeübten, ja Unerfahreren tief berühren kann. Unsere Seele beginnt zu schwingen, denn Musik zu erleben, ist wie ein Tanz der Seele. Wenn die Seele tanzt, weckt das mehr oder weniger stark das Bedürfnis, sich auch körperlich tanzend zu bewegen. Das gilt besonders für Kinder, denn bei ihnen wirkt sich seelisches Erleben noch viel unmittelbarer leiblich aus als bei Erwachsenen. Mit spon­tanen körperlichen Reaktionen antworten Kinder auf äußere Eindrücke, und sie beginnen oft ganz selbstverständlich zu tanzen, sobald Musik ertönt. Der Körper des Kindes erfüllt eine wichtige Doppelfunktion: Einerseits ist er Ausdrucksmittel für das Befinden, anderer­seits das wichtigste Lernfeld für das Kind. Ausgestattet mit seinen Sinnen nimmt das Kind in vielfältigster Weise die Welt um sich herum wahr. Durch die Vielzahl der Wahrnehmungen bilden sich die neuronalen Verbindungen im Gehirn aus, die uns später das intellektuelle Lernen ermöglichen. Körperliche Bewegung mit vielseitiger Anregung für die Sinne ist also basales Lernen im Vorschulalter. Wie kann diese eigentlich uralte, aber doch immer wieder neu entdeckte Erkenntnis für eine früh beginnende rhythmisch-musikalische Erziehung genutzt werden? Wann ist überhaupt der richtige Zeitpunkt, um mit musikalischer Früherziehung zu beginnen?

Die Bedeutung der Lieder für die frühkindliche Entwicklung ist heute nahezu unbekannt

Musikalische Früherziehung könnte gleich nach der Geburt beginnen, wenn nämlich die Mutter beim Pflegen und Versorgen ihres Kindes summen oder singen würde. Dazu braucht man keine geschulte, konzertreife Stimme. Nein: So wie einem der Schnabel gewachsen ist, ist es für das Kind gut und schön, denn es geht um die Tätigkeit des Singens und den für das Baby beruhigenden Klang der mütterlichen Stimme, am schönsten beim Wiegen auf dem Arm. Der Rhythmus des Wiegens zusammen mit dem Klang der Stimme sind urmusikalische Erfahrungen für ein Kind. Selbst mit einem schlichten Lied, auf einem einzigen Ton gesungen, werden dem Kind rhythmisch-musikalische Gesetzmäßigkeiten vermittelt: Da ist ein Anfang und ein Ende, da ist der Rhythmus, es erklingt ein Ton, mal leiser, mal lauter. Hat das Liedchen einen Text, wie beispielsweise »Kindlein mein, schlafe ein«, ist durch den Reim so etwas wie eine Harmonie erlebbar. Wiegenlieder sind also tatsächlich das erste sinnvolle musikalische Angebot. Sie sind nicht nur im Hinblick auf eine musikalische Erziehung, sondern auch für die körperliche Entwicklung des Kindes von unschätzbarem Wert, was den meisten Eltern heute nicht mehr bekannt ist. Dieses erste Umtönt- und Bewegtsein von und mit Musik ist eine rein leibliche Erfahrung. Es ist noch kein Wissen um den Rhythmus und die Musik damit verbunden und dennoch legt es den ersten wesentlichen Grund für alle weitere rhythmisch-musikalische Entwicklung.

Aber nicht nur im gesungenen Lied erfährt ein Kind Musik, sondern auch in gut artikulierter, gereimter und rhythmisierter Sprache. Für Kinder noch tiefer erfahrbar wird das Tönen, wenn es mit Bewegung oder Berührung verbunden ist. Je jünger die Kinder sind, desto stärker lernen sie über leibliche Eindrücke. Für viele Situationen genügt die einmalige leib­liche Erfahrung dem Kind nicht. Unzählige Male betastet und »begreift« es seine Umgebung, bis sich schließlich das Betastete als »Begriff« einprägt. Musikalisierte Sprache in Verbindung mit zarter Berührung ist schon für das Kleinkind ein eindrückliches Erlebnis. Betupft die Mutter die Kinderhand und spricht dazu ein kleines rhythmisches Sprüchlein, prägen sich die Laute und das Klanggeschehen dem Kind tief ein.

Kinder lieben die Wiederholung

Wer seine Aufmerksamkeit auf den schwierigen und langwierigen Prozess des kindlichen Spracherwerbs lenkt, erlebt, wie unermüdlich kleine Kinder üben können. Es langweilt sie kein bisschen, immer wieder den gleichen Laut zu formen, unablässig, bis endlich das ersehnte Wort erklingt. Aus diesem Grund wünschen sich Kinder auch immer wieder die gleichen Lieder und kleinen Geschichten. Wiederholung ist für Kinder in dieser Lebensphase absolut nicht langweilig, wie Erwachsene oft denken, im Gegenteil: Wiederholung ist Vertiefung, ist Lernen und Bestätigung und vermittelt ihnen in der großen und unbekannten Welt das Gefühl von Sicherheit. Kinder üben und wiederholen aus einem tiefen inneren Bedürfnis heraus. Oft gehen Erwachsene nur von ihrem eigenen Erwachsenenbewusstsein aus und glauben, dass das ewig Gleiche langweilig und nicht förderlich sei; deshalb meinen sie, den Kindern ständig Neues bieten zu müssen, und tragen damit stark dazu bei, dass es später den Schulkindern schwer fällt, konsequent zu lernen oder auch ein Instrument regelmäßig zu üben – eine folgenschwere Gedankenlosigkeit.

Ein Hauptmerkmal des Rhythmus ist gerade die Wieder­holung. In der »Wiederkehr des Ähnlichen«, wie Immanuel Kant den Rhythmus definierte, liegt das Geheimnis des Lebendigen verborgen. Rhythmus ist immer eine Schwingung zwischen Gegensätzen. Durch den ständigen Wechsel vom einen zum anderen Pol werden Grenzen erlebbar. Im Rhythmus leben heißt, sich in einem geordneten Gefüge zu bewegen. Rhythmus gibt Halt, Vertrauen und Sicherheit.

Rhythmische Spiele sensibilisieren die Sinne

In gut konzipierten rhythmischen Spielen, wie sie von Wilma Ellersiek entwickelt wurden, lernen die Kinder, ihre Sinne zu sensibilisieren. Sie lernen, ihren Bewegungsapparat zu differenzieren, sie lernen, ihre Stimme zu führen, ihre Sprache deutlicher zu artikulieren, sie lernen, rhythmische Grundmuster zu erkennen, und sie lernen die für das gemeinsame Musizieren so wichtigen Umgangsformen. Die Kinder bekommen durch diese kunstvoll komponierten rhythmischen Spiele ein sicheres Gefühl für Takt und Metrum, sie erleben die gesamte Breite der Dynamik vom zartesten Pianissimo bis zum intensivsten Fortissimo. Sie er­leben, dass Pausen nicht bloße Unterbrechungen des musikalischen Stromes sind, sondern dass gerade in den Pausen Spannung und Intensität lebt. Und sie bekommen eine Ahnung von der Qualität der Stille.

Wahrscheinlich sind noch nie so viele Kinder frühzeitig musikalisch so intensiv gefördert worden wie in den letzten vierzig, fünfzig Jahren. Die Genies unter ihnen bleiben aber so rar wie eh und je. Ein Mensch muss über sehr viele unterschiedliche herausragende Fähigkeiten verfügen, damit er zu einem bedeutenden Musiker werden kann. Doch auch wenn längst nicht aus jedem Kind ein Bach oder Mozart werden wird, ist die frühe, kindgerechte musikalische Förderung in jedem Falle ein unschätzbarer Gewinn für die Entwicklung der Persönlichkeit und eine Bereicherung fürs ganze Leben.

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