Neue Horizonte

Dezember 2022

Ausbildung zum Waldorferzieher oder zur Waldorferzieherin – drei Erfahrungsberichte.

Das Waldorferzieherseminar Stuttgart wurde 1975 gegründet und liegt im Osten Stuttgarts. Das Ausbildungskonzept versteht sich als ein Dialog zwischen der anthroposophischen Menschenkunde Rudolf Steiners und den allgemeinen pädagogischen Grundlagen. Aktuell studieren rund 200 Menschen aus über 30 Ländern am Waldorferzieherseminar in Stuttgart.

Die Ausbildung führt zur staatlich anerkannten Erzieherin oder zum staatlich anerkannten Erzieher mit zertifizierter Waldorfqualifikation, entweder in Form einer dreijährigen, praxisintegrierten Ausbildung oder einer vierjährigen Teilzeitausbildung. Auch die Weiterbildung zur Waldorferzieherin und zum Waldorferzieher wird in Stuttgart angeboten. Hier folgen drei persönliche Berichte von Studierenden, die ihre Ausbildung am Waldorferzieherseminar absolviert haben. (Annette Braun)

»Ich bin froh, dass ich es gewagt habe«

Ich heiße Sabine Frey, bin 55 Jahre alt, verheiratet und habe drei Töchter. Ich wohne in Süßen am Fuße der Schwäbischen Alb im Kreis Göppingen. Im Frühjahr 2019 habe ich mich entschlossen, die PiA-Ausbildung zur Waldorferzieherin zu machen. Davor war ich über zehn Jahre hauptberuflich Mama, mit einigen ehrenamtlichen Jobs, die alle mit Kindern zu tun hatten. Ich arbeitete dann in einem Naturkostladen und danach noch vier Jahre in einem Café. Das hat Spaß gemacht, aber war für mich auf Dauer doch nicht das Richtige. Ich wollte für meinen letzten beruflichen Abschnitt noch etwas Neues beginnen. Da mich die Arbeit mit Kindern schon immer sehr interessiert, war der Entschluss eigentlich einfach.

Ein Jahr lang habe ich in einem evangelischen Kindergarten bei uns im Ort als Aushilfe gearbeitet, da der Personalmangel damals schon sehr hoch war. Doch mir wurde leider wieder gekündigt, da ich keine ausgebildete Erzieherin war. Das war der entscheidende Moment, in dem ich den Entschluss fasste, die Ausbildung zu machen. Ich kenne die Waldorfpädagogik als Mutter durch den Kindergarten und die Schule. Nach meinem Jahr im evangelischen Kindergarten war mir klar, ich möchte nur mit der Waldorfpädagogik arbeiten. Sie entspricht meinem Weltbild und meiner Vorstellung, wie ich Kindern begegnen möchte. Außerdem interessiert es mich sehr, die Hintergründe der Waldorfpädagogik kennenzulernen, da ich in der Praxis zu Hause schon viel übernommen hatte, aber ohne genau zu wissen warum.

Die Zeit, kurz vor dem Beginn der eigentlichen Ausbildung, war auch schon ziemlich spannend. Ich musste mir einen Ausbildungsplatz suchen und mit meiner Familie einiges umstrukturieren. Wir waren es ja alle nicht gewohnt, dass ich in Vollzeit berufstätig bin und noch eine Ausbildung mache. Der Ausbildungsplatz war schnell gefunden und ich bin glücklich, dass ich dort gelandet bin. Ich werde auch dort weiterhin als Waldorferzieherin arbeiten. Zu Hause dauerte es einige Zeit, bis wir uns auf den neuen Rhythmus eingestellt hatten. Im Nachhinein war es für uns alle ein Gewinn. Jeder entdeckte neue Fähigkeiten an sich; den Haushalt organisieren kann schließlich jeder, der bereit dafür ist und wenn er den Raum dafür bekommt. Es läuft nun einiges anders bei uns und das ist sehr schön, es ist ein Miteinander. Die Zeit im Seminar und im Kindergarten war oft sehr anstrengend und verlangte mir einiges an Kräften ab, aber ich habe so viel Schönes erlebt und gelernt, dass ich keinen Tag vermissen möchte. Ich durfte mich ganz neu kennenlernen, im Seminar war ich in einer ganz neuen Rolle. Ich konnte mich öffnen für Dinge, von denen ich dachte, das kann ich nicht. Das gab mir sehr viel neues Selbstbewusstsein. In unserer Klasse waren wir eine bunt gemischte Gruppe, was eine große Bereicherung war. Unsere Altersspanne lag bei 19 bis 61 Jahren und wir kamen aus verschiedenen Kulturen zusammen. Wir schätzten und respektierten uns alle sehr, jeder konnte sein, wie er ist – und wird geschätzt dafür. Die verschiedenen Sichtweisen der Einzelnen öffneten meinen Horizont ungemein. Die Inhalte des Unterrichts waren sehr zeitgemäß und die Dozenten offen für neue Perspektiven und Erfahrungen aus der Praxis.

Meiner Meinung nach muss sich die gesamte Pädagogik auf einen neuen Weg machen. Für mich ist die Waldorfpädagogik dafür sehr geeignet. Sie sieht das Kind und was es braucht für seine freie Entwicklung. Ein wichtiger Punkt ist für mich die Selbsterziehung und die Selbsterkenntnis, denn nur dann kann ich mich auf die Kinder einlassen und ihnen als Vorbild dienen. Ich bin froh, dass ich es gewagt habe, noch einmal neu anzufangen. (Sabine Frey)

»Ich hatte das Ziel, die Sachen zu verstehen und sie in die Praxis umzusetzen«

Ich bin Tim Ellwein und 21 Jahre alt. Ich komme aus Vaihingen an der Enz und habe meinen Realschulabschluss an einer staatlichen Schule gemacht. Nach meinem Abschluss habe ich ein FSJ an der Freien Waldorfschule Vaihingen/Enz im Hort gemacht.

Während des Jahres merkte ich, dass mir das Arbeiten mit Kindern sehr viel Freude bereitet und ich das gern weiter machen würde. So entschloss ich mich für die Ausbildung. Meine Mentorin während der Hortzeit unterstützte mich sehr und zeigte mir auch das Waldorfseminar in Stuttgart, woraufhin ich mich dort bewarb. Immer noch bin ich froh, diesen Weg eingeschlagen zu haben.

Während der Zeit im Seminar merkte ich einen deutlichen Unterschied zum Unterrichtstil gegenüber meiner alten staatlichen Schule. Mir kam es so vor, als werde hier am Seminar kein Druck aufgebaut, was mir half, in den Unterricht einzutauchen und meinen Spaß daran zu finden. Ich hatte das Ziel, die Sachen zu verstehen und sie in die Praxis umzusetzen. Es wurde versucht, immer viel auf die Praxis einzugehen, ein Beispiel aus und für die Praxis zu verwenden, um uns ein Bild zu vermitteln, das wir einfacher verstehen konnten. Das Seminar war eine große Stütze, und bei Fragen und Anliegen wurde immer versucht, ein Weg zu finden, der für alle in Ordnung war. Ich bin froh, meine Ausbildung dort gemacht zu haben. (Tim Ellwein)

»Ja, so geht Pädagogik«

Ich heiße Lu Lin, komme aus China und bin 31 Jahre alt. Bevor ich die Ausbildung als Waldorferzieherin anfing, hatte ich Auslandsgermanistik studiert. Die Waldorfpädagogik lernte ich bereits mit 19 Jahren kennen. Damals las ich ein Interview mit Eckart Löwe, einem ehemaligen Waldorfschüler. Durch das Studium leitete mich die Motivation, einmal anthroposophische Texte auf Deutsch lesen zu können. So informierte ich mich bereits vor der Ausbildung viel über die Waldorfpädagogik.

Ich beschloss, nach dem Studium die Ausbildung als Waldorferzieherin anzufangen. Die praxisintegrierte Ausbildung am Waldorferzieherseminar in Stuttgart ermöglichte es mir, mich während der Ausbildung selbst zu finanzieren, da man bereits wochenweise in einem Kindergarten arbeitet.

Immer wenn ich Texte über die Waldorfpädagogik lese, ist eine Stimme in mir, die sagt: Ja, so geht Pädagogik, diese Pädagogik entspricht meinem Verständnis von Erziehung und meinem Bild vom Kind. Auch wenn die Waldorfpädagogik so ganz anders ist als die Erziehung, die ich in China erlebt habe. Und natürlich liebe ich es, mit Kindern zu arbeiten.

Über die Zeit am Seminar möchte ich gerne aus drei Perspektiven erzählen: der körperlichen, seelischen und geistigen. Die Ausbildung ist für mich sehr praktisch orientiert. In der Praxis im Kindergarten geht es sehr viel um das Tun und Umsetzen. Aber auch am Seminar haben wir viele künstlerische Fächer, wie das Arbeiten mit Holz oder Eurythmie. Durch dieses aktive Tun bin ich selbst viel wacher in meinem Körper geworden.

Auf der seelischen Ebene erinnere ich mich vor allem an die vielen wunderbaren Menschen, die ich kennen lernen durfte. Die Kolleginnen und Kollegen bei der Arbeit, die Dozierenden am Seminar und vor allem die anderen Auszubildenden in meiner Klasse. Wir haben uns gegenseitig getragen und gehalten. Ein bisschen fühlte sich unsere Klassengemeinschaft für mich wie meine Familie in Deutschland an.

Durch den Austausch mit den Dozenten und Dozentinnen im Theorieunterricht kam es mir so vor, als hätte ich eine geistige Dusche bekommen. Nach diesen Unterrichten bin ich wie erfrischt und wach im Geist. Es wurden mir vielfältige und tiefe Aspekte für die Begegnung mit Menschen eröffnet. Ich blicke anders auf Menschen und die Welt als zuvor. (Lu Lin)

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