Schlafen geht nicht auf Befehl

Von Birgit Krohmer, November 2018

Schlafen ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Babys und kleine Kinder schlafen von Natur aus eigentlich vergleichsweise viel. Warum ist dies dennoch ein schwieriges Thema? Warum gibt es so viele Ratgeber und Tipps? Selten fühlen wir uns als Eltern so machtlos und ausgeliefert. Schlafen kann man nicht befehlen!

Foto: © Charlotte Fischer

Wenn Sie abends noch etwas vorhaben, endlich einmal wieder ausgehen wollen, dann hat Ihr gesundes, sinneswaches Baby genau so viel vor wie Sie. Egal, ob Sie extra lange spazieren gehen, weil frische Luft müde macht, extra früh mit dem Abendritual beginnen, damit Sie nicht in Stress kommen, oder extra »alles wie immer« machen. – Ihre Vorfreude schwingt in Ihrer Stimme – das nennen wir Stimmung. Und Ihr Baby schwingt in Ihrer Stimmung mit und ist ganz gespannt darauf, was sich heute noch ereignen wird.

Da helfen dann tatsächlich auch keine Schlaflieder und kein Wiegen im Arm. Was nun? Verabschieden Sie sich zur geplanten Zeit und geben Sie weder dem Babysitter noch Ihrem Kind das Gefühl, dass Sie sich heimlich wegschleichen müssen. Schön, dass Sie etwas vorhaben. Je jünger Ihr Kind ist, umso unmittelbarer ahmt es nicht nach, sondern mit.

Was können wir tun? Oder, was sind wir bereit zu lassen?

Ein rhythmisch sich wiederholender Tagesablauf hilft dem Kind, sich zu orientieren und auf diesen Rahmen einzulassen. Die Dinge geschehen nicht »aus heiterem Himmel«, sondern zur gewohnten Zeit am gewohnten Ort. Gute Gewohnheiten vermitteln dem Kind, dass es sein Haus bewohnt, das gilt leiblich für seine Nahrungsaufnahme und Verdauung und auch für die Spiel- und Aufenthaltsorte im Tagesablauf.

So ist der Morgen am erfrischenden Waschen des Gesichtchens, der Abend am Schlafsack, einem Lied oder Gebet zu erkennen.

Jede Regelmäßigkeit ist heute eine bewusste Kulturtat. Leben und Alltag bestehen sonst aus Ausnahmen. So begründet diese jeweils sein mögen – versetzen Sie sich doch einmal in ein Kind, dessen Mittagspause am Montag ausfiel, weil es mit dem großen Bruder zum Kieferorthopäden musste, am Dienstag zu Omas Geburtstag, am Mittwoch war ein dringendes Treffen der Eltern, um etwas gemeinsam in der Mittagspause zu besorgen … und am Donnerstag hat dieses Kind mittags einfach nicht geschlafen.

So ein Stress, wenn am Freitag gleich mittags die Reise ins Wochenende beginnt. Wenn die Ausnahme die Regel ist, werden die Kinder in einer gewissen Spannung leben, was der heutige Tag wohl bringen mag.

Umso wichtiger ist es für Kinder, dass sie sich einschwingen dürfen zwischen Schlafen und Wachen und Zeit haben für die Übergänge. Ein genüsslich aufwachender Säugling, der sich reckt und streckt und räkelt und schmatzt und gurrt, ist eine wahre Freude. Jedes Gelenk wird absichtslos bewegt. Am friedlichsten erwachen Kinder und sie schrecken zwischendurch auch weniger auf, wenn sie im bekannten Bett einschlafen, einen kurzen »Plausch« mit uns halten und genau wissen, wo sie sind und welche Schlafenszeit jetzt ist. Ein schlafend abgelegtes Kind hat es da weniger leicht, sich zu orientieren.

Lebendiger Tagesrhythmus

Für-sich-Sein bedeutet, seinen Körper, dessen Fortbewegungs- und Gestaltungsmöglichkeiten zu erkunden und die eigene Selbstwirksamkeit zu entdecken. Dabei in Bewegung zu kommen, sich zu interessieren für die Welt und wieder zur Besinnung zu kommen, ein Päuschen zu machen, die Eindrücke und Erfahrungen zu verdauen und erneut in Aktivität zu kommen, sollte ein vom Kind selbstbestimmter Prozess sein.

Für ein Kind, das gerade lernt, abzubeißen und zu kauen ist eine Mahlzeit harte Arbeit und nicht die Pause wie bei Arbeitnehmern. Das Kind braucht Zeit, um sich zu sammeln, die Eindrücke sinken zu lassen, um sie zu verknüpfen und zu ordnen. Hier ist es die Aufgabe des Erwachsenen, aus der Wahrnehmung der kindlichen Bedürfnisse den Tagesablauf zu gestalten und – wenn nötig – zu modifizieren.

Diese Art von Selbstregulation im Wechsel von ganz Für-sich-Sein und ganz Zusammen-Sein kann von den Erwachsenen vorgelebt und nach und nach vom Kind verinnerlicht werden. Da ist kein Platz für normierte Erziehungsregeln. Und zwischen dem Für-sich-Sein und dem Zusammen-Sein ist Raum für die kleinen Rituale oder eben die Erziehungskunst – den Zwischen-Raum, den Augenblick des Übergangs.

Das Schlafbedürfnis ist individuell

Mittagspause ist zum Beispiel so ein altmodisches Ding … und dann schlafen die Kinder abends nicht. Manchmal ist es eine Frage der Rechtzeitigkeit. Überreizte Kinder finden nicht zur Ruhe, obwohl sie bereits übermüdet sind. Das Vormittags- oder frühe Mittagsschläfchen, wenn es nicht endlos dauert, stört den Nachtschlaf oft nicht und sicher weniger, als ein zu spätes Einnicken aus Übermüdung kurz vor der Schlafenszeit am Abend. So hängt das Einschlafen-Können auch vom Zeitpunkt des Aufwachens und den Tätigkeiten und Erlebnissen ab und kann nicht für sich betrachtet werden. Das Schlafbedürfnis ist individuell unterschiedlich und nicht manipulierbar. Die Verteilung der Schlafzeiten ist gestaltbar – und über die Wiederholung etablieren diese sich als Gewohnheit, in die ein Kind auch nach einer Ausnahme zurückfinden kann. Es lohnt sich, die Schlafphasen des Kindes zu beobachten. Dann können wir günstige Aufweckzeiten erkennen, der Tagschlaf sollte nicht den Nachtschlaf ersetzen.

Aber schlafen lässt sich nicht befehlen und wenn wir uns das wirklich klarmachen, können wir niemals die Verantwortung dafür übernehmen, dass unser Kind jetzt schläft. Je gelassener es uns gelingt, den Tag zu gestalten, umso mehr spürt ein Kind, dass alles gut ist. Es ist versorgt und kann schlafen, aber wach bleiben ist weder verboten noch ein Unglück. Wenn das: »Ich will, dass Du endlich einschläfst, das wäre ja gelacht, wenn mir das nicht gelingen würde …« in uns lebt, übernehmen wir etwas Unmögliches, sind in gewisser Weise übergriffig. Wenn uns das Nicht-Schlafen des Kindes stresst, fühlt es Anspannung, Aufregung, Ratlosigkeit oder Verzweiflung. Gut versorgt am sicheren Ort wach, aber für sich zu sein, ist schließlich nicht verboten und keine Vernachlässigung. Wir sind keine Versager-

Eltern, weil unser Kind nicht nach Plan funktioniert – es hat seinen eigenen.

Rudolf Steiner spricht davon, dass sich das Kind im ersten Jahrsiebt und ganz besonders in den ersten drei Lebensjahren »in das Erdenleben hineinschläft«. Auch wenn ein kleines Kind wach und aktiv ist, lebt es in staunend offener, träumender Hingabe an die Umgebung. Daher rührt die große Nachahmungs­fähigkeit, aus der heraus sich die Bewegung, das Sprechen und das Denken in so kurzer Zeit entwickeln. Insofern können Erklärungen und logische Begründungen die Kinder zu sehr im Kopfbereich, dem wachsten Körperteil, fixieren und aus dem wahrnehmenden Verinnerlichen der Tatsachen herausreißen und dann erst recht nicht einschlafen lassen. Rainer Maria Rilke hat es in ein Gedicht gebracht:

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
Ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: Sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Rituale für uns Eltern

Vielleicht wäre es noch hilfreicher, statt nur auf Rituale für die Kinder zu achten, sie als Erwachsene selbst zu pflegen. Wählen Sie Rituale, an denen Sie Freude haben. Diese müssen nicht endlos lang, sondern klar sein. Sie wirken dadurch, wie diese in Ihnen leben. Insofern ist es nicht damit getan, ein Sprüchlein zu sagen: Ein Gebet ist kein Zauberspruch und wirkt nicht magisch. Das, was wirkt, sind Sie. Kennen Sie aus Ihrer Kindheit ein Lied, das Sie beruhigt, bei dem Ihr Atem in Fluss kommt?

Eine alleinerziehende Mutter, deren Tochter abends immer noch einen Grund fand, nicht ins Bad zu gehen, berichtete, dass sie sich jetzt selbst die Zähne putzt und seitdem kommt Ihre Tochter ganz selbstverständlich ins Bad. Die Ausrichtung ist anders geworden – nicht »Geh jetzt endlich ...«, sondern: »Komm«. Die kleinen Zäsuren im Tagesablauf, das, was auch uns ausatmen und innehalten lässt, bereitet vor auf das Loslassen beim Einschlafen.

Ein Spaziergang in der Natur, die frische Luft und die absichtslose Bewegung können da ebenso wirksam sein wie eine in Ruhe genossene Tasse Tee. Welch tröstliche Weite hat so ein Text eines Kinderliedes von Wilma Ellersiek, ganz zu schweigen von der einhüllenden Wirkung der Quintenstimmung in der Melodie.

Alle die Sternlein am Himmelszelt,
Schauen hernieder auf unsere Welt …
Alle die Sternelein, die schau’n uns zu,
wie ich mein Kindlein leite zur Ruh.

Das Kind trifft im Schlaf eine Wahl

Vielleicht erleichtert es gerade den sehr wachen Kindern den Weg in die Nachtwelt, wenn wir uns damit auseinandersetzen, was im Schlaf geschieht: Wie wir zu unserem Ursprung zurückkehren und uns morgens wieder »er-innern«, warum wir uns eingelassen haben auf dieses Leben. Wie oft ist abends nicht nur Müdigkeit, sondern Erschöpfung und morgens ein erfrischtes Aufwachen mit Lebensmut und Tatendrang spürbar. Können auch unsere Meditationen oder Gebete dem Kind zunächst hilfreich sein und später Vorbild werden, weil wir uns nicht nur in der Erden-, sondern auch in der Welt jenseits des Tagesbewusstseins bewegen?

Unsere Kinder kennen uns, sie wissen sehr gut, auf wen sie sich eingelassen haben. Rudolf Steiner führt aus, dass das Kind während des Schlafens eine Wahl trifft, was es aufnehmen will in seinen Leib. Das, wozu es schicksals­mäßig vorbestimmt ist durch sein Karma, sendet es aus seiner Seele in den Körper hinunter. Es gibt also auch eine einordnende und aussortierende Instanz im Kind. Wir sind als Eltern die prägendsten Personen für unsere Kinder. Aber die Kinder sind zu uns gekommen und sie arbeiten mit an ihrem Schicksalsfaden. Vielleicht brauchen wir heute nicht nur das Vertrauen in eine höhere Instanz als unser Alltagsbewusstsein, sondern ein sich wirkliches Einlassen auf die geistige Welt, um mit unseren Kindern auch dort beheimatet zu sein.

Wie wichtig Schlafen für die Gesundheit und das Lernen ist, wird mehr und mehr erforscht und erkannt. Das sollte nicht zu noch mehr Leistungsdruck führen – schneller lernen, schneller schlafen –, sondern zu einem insgesamt vertrauensvolleren Umgang mit uns und unseren Kindern.

Zur Autorin: Birgit Krohmer ist Waldorferzieherin und Heileurythmistin. Langjährige Tätigkeit an Waldorfschulen und als Fachberaterin im Auftrag der Vereinigung der Waldorf-Kindertageseinrichtungen Baden-Württemberg, Dozentin am Seminar in Stuttgart und an verschiedenen Fachschulen und Ausbildungsstätten im In- und Ausland.

Literatur: R. Steiner: Menschenwesen, Menschenschicksal und Welt-Entwickelung, 4. Vortrag, Kristiania, 19. Mai 1929, GA 226; ders.: Die menschliche Seele in ihrem Zusammenhang mit göttlich geistigen Individualitäten, GA 224, Bern, 6. April 1923

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