Schneetreiben

Von Lorenzo Ravagli, Januar 2020

Im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts – das klingt heute schon so, als würde man eine Geschichte über das Mittelalter erzählen – pflegte ich mit meinen Kindern, die sich damals kurz vor der Pubertät befanden, hin und wieder zum Wintersport in die bayrischen Alpen zu fahren.

Foto: Borible. photocase.de

München mit seinem Umland bot damals eine Reihe von Skigebieten mit leichten, familienfreundlichen Pisten, wie das Sudelfeld bei Bayrischzell, das Brauneck oberhalb von Lenggries oder Christlum am Achensee. Möglich war das nur an den Wochenenden oder in den Weihnachtsferien, da die Kinder ja zur Schule gingen. Zwar war halb München zu denselben Orten unterwegs und man musste bei der Anfahrt und Rückfahrt lange Staus in Kauf nehmen. Die Alternative wären mehrtägige Aufenthalte mit Übernachtungen in einem Skigebiet plus Skipässen und Verpflegung für die ganze Familie gewesen – mit einem Waldorflehrergehalt schier unerschwingliche Abenteuer.

Hatte man einen Parkplatz ergattert, seine Ausrüstung angeschirrt und seine Tickets gekauft, konnte es endlich losgehen. Auf dem Sessellift wurde es mir selten langweilig – ich übte mit meinen Kindern Kopfrechnen. Das ging so: »Schätzt mal, wie viele Leute heute so auf den Pisten unterwegs sind.« Das konnten zwischen dreitausend und fünftausend sein. Wir nahmen den mittleren Wert. »Nun rechnet mal aus, wieviel die Liftbetreiber an einem Tag einnehmen. Nehmen wir an, die Hälfte der Leute zahlt den Tagespreis, die andere Hälfte den Halbtagspreis.« Da kam einiges zusammen, alles im Kopf, zum Beispiel 200.000 Euro. »Okay, jetzt rechnen wir das auf vier Wochenenden im Monat und vier Monate hoch«. Da brauchten sie schon etwas länger. »3,2 Millionen?« – »Super.« Die Kinder erstaunt: »Dann sind die Liftbetreiber ja Millionäre?« – »Naja, ihr müsst natürlich die Kosten erstmal abziehen: Personalkosten, Energiekosten, Unterhaltskosten, schließlich Steuern; sagen wir mal 50 Prozent.« – »Immer noch Millionäre.« So ging das weiter, zumal die Lifte ja nicht nur an Wochenenden, sondern auch unter der Woche betrieben wurden und die Bergstation war im Nu erreicht. Die Rechnungen kamen nie zu einem Abschluss und waren natürlich hypothetisch. Manchmal dauerten sie auch länger, wenn wieder irgend ein Unbedarfter den Lift verkehrt herum be­stiegen oder seine Skier verloren hatte.

Danach folgte einen ganzen oder meist einen halben Tag das Rauf- und Runterfahren, hin und wieder, wenn es besonders kalt war, auch ein Zwischenstopp auf einer Skihütte zum Jagertee oder einer heißen Suppe. Meistens verköstigten wir uns aber mit dem in Rucksäcken mitgebrachten Proviant, denn die Pistenpässe waren teuer genug. Aber das Vergnügen war beträchtlich, auch wenn wir alle keine Pistensäue waren. Manchmal landete jemand in einer Schneewehe oder einer Zwergkiefer; gravierende Unfälle gab es nie. Gleichmäßig verteilte Ungeschicklichkeiten gaben viel Anlass zu Gelächter und der Ehrgeiz, andere zu überholen, war nicht sonderlich ausgeprägt. Wir waren defensive Skifahrer, wie man heute sagen würde, und benötigten keine Helme. Einmal, das war sogar im Berner Oberland, waren wir in dichtem Nebel unterwegs, man sah kaum die eigenen Hände, ich fuhr gegen einen Pistenpfosten, der Schreck war groß und der Schmerz ging vorüber. Alles in allem schweißten die Abenteuer die Familie zusammen.

Nun, die Kinder wurden älter, entdeckten andere Freizeit-­Vergnügungen, zum Beispiel das Schlittschuhfahren auf zugefrorenen Seen, das nicht so mein Ding war, entweder wegen der falschen Schuhe oder der holprigen Eisfläche. Schließlich waren sie aus dem Haus und wir alle sind, aus unterschiedlichen Gründen, vom Skifahren gänzlich abgekommen.

Einige Gründe dürften die mit dem Spaß verbundenen horrenden Kosten und der unverhältnismäßige Aufwand sowie die fortgeschrittene Kommerzialisierung auch der letzten Skigebiete sein, die früher einen sympathisch-familiären Eindruck erweckten und heute zu der üblichen durchgeplanten Maschinerie verkommen sind, deren einziger Zweck die Massenabfertigung immer größerer Besuchermengen und die damit verbundene Steigerung der Einnahmen ist, ganz zu schweigen von den allgegenwärtigen Beschneiungs- und akustischen Beschallungsanlagen.

Schneeballschlacht und Schlittenfahren

Inzwischen sind schon eine Reihe von Enkeln in einem Alter, in dem sie den Winter, der angeblich vom Aussterben bedroht ist, bewusst wahrnehmen, und ich habe seine kleinen Freuden wiederentdeckt: das Herumtollen im Schnee, Schneeballschlachten, Schlittenfahren, Hinfallen und Aufstehen, mitunter sogar Einreiben – elementare Erlebnisse, die mit praktisch keinem Aufwand verbunden sind und vielleicht einen größeren Eindruck hinterlassen, als die früheren aufwendigen Unternehmungen. Ich selber bin auf Schneeschuhe umgestiegen, deren Vorteil darin besteht, dass man einen ganzen Tag unterwegs sein kann und häufig nur wenigen Exzentrikern begegnet, mit welchen man die unberührten, in der Sonne glitzernden Schneeflächen oder die bizarren Impressionen gefrorener Wasserfälle teilen darf. Man ist auch – abgesehen von den Schneeschuhen – auf keine künstlichen Hilfsmittel angewiesen, sondern kann Distanzen und Höhen mit seiner eigenen Körperkraft überwinden, was zwar mühsamer, aber auch weitaus befriedigender ist, als sich mit dem Lift auf den Berg fahren zu lassen. Am Abend, nach einigen hundert Höhenmetern und dem endlosen Stapfen im ungespurten Schnee, spürt man in den Muskeln und Gelenken, was man geleistet hat.

Wenn ich auf die Erlebnisse mit meinen eigenen Kindern zurückblicke und sie mit jenen vergleiche, die mir meine Enkel bescheren, dann beschleicht mich ein leises Bedauern, dass ich nicht schon früher konsequent auf den Irrsinn verzichtet habe, der mit dem sogenannten Wintersport verbunden ist, um die Andacht im Kleinen zu üben. Der Grundsatz »small is beautiful« gewinnt für mich zunehmend an Bedeutung, und ich muss nicht nach Nepal oder Denver jetten – was ich ohnehin nie getan hätte –, um das Wunder von Schneeflocken zu bestaunen, die im milden Licht der Wintersonne funkeln, oder von Eiskristallen, die vom Wind am Grat aufgewirbelt werden und wie Diamantenstaub ins Tal herabsinken. Ich vertrete mittlerweile die Auffassung, dass man sein ganzes Leben in den Alpen zubringen kann, ohne dass es langweilig würde und es hier Tausende von Gipfeln und Tälern gibt, die es sich aufzusuchen lohnt, auch immer wieder dieselben, denn sie verändern sich ständig, sehen morgens und abends anders aus, auch im Lauf der Jahreszeiten, die es immer noch gibt und geben wird, wenn ich längst gestorben bin. Das Ewige im Angesicht des Zeitlichen, das die erhabenen, schroffen, imposanten Gipfel ausstrahlen, die nach menschlichen Begriffen von grenzenloser Dauer sind, erinnert uns permanent an unsere eigene Vergänglichkeit und erfüllt uns mit jener Ehrfurcht, die früher, in einem weniger kritischen Zeitalter, die Majestät hervorrief. Überall am Weg begegnet uns aber auch das Liebliche in Gestalt von Alpenrosen, Enzian oder Kuhschellen und ihren Besuchern, die sie in Fülle umschwirren und umgaukeln. Von Insektensterben ist hier nichts zu bemerken. Deswegen führe ich auch meine Enkel, weniger anspruchsvoll als früher bei meinen eigenen Kindern, an das Bergwandern heran, und beobachte, wie ungemein belebend und beglückend die Natur für sie ist.

Zum Autor: Lorenzo Ravagli ist Redakteur der Zeitschrift Erziehungskunst.

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