Schwangerschaft ist keine Krankheit

März 2022

Gabriela Stammer ist Ärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in einer Praxisgemeinschaft in Wennigsen bei Hannover. Die Gynäkologin war viele Jahre Vorstandsmitglied der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland (GAÄD). Seit Oktober 2020 ist sie Mitglied des Vorstands des Dachverbands Anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMiD). Ihr Leitsatz ist es, die Eltern in der Schwangerschaft sorgfältig, aber nicht aus Sorge zu begleiten. Ziel sollte es sein, Eltern so zu sensibilisieren, dass sie alle ihre Entscheidungen rund um die Schwangerschaft und die Geburt informiert und selbstständig treffen können.

Hinweis: Der Artikel ist in der Winterausgabe der Zeitschrift »Frühe Kindheit« (04/2021) erschienen. Einzelne Ausgaben können Sie hier bestellen. Hefte, die älter als ein Jahr sind, stehen in unserem Archiv zum Download für Sie bereit.


Frühe Kindheit | Schwangerschaft wird heute oft pathologisiert. Risiken und Gefahren werden in den Vordergrund geschoben. Das war nicht immer so. Wie kommt es zu dieser Veränderung?

Gabriela Stammer | Schwangerschaft an sich ist ja keine Krankheit, aber eben auch keine Normalität, sondern »andere Umstände«! Ein  Aspekt, der zur Pathologisierung führt, ist der, dass uns in der Medizin nicht mehr erlaubt ist, irgendetwas zu übersehen. Es herrscht die Erwartung, alle denkbaren Komplikationen, die eintreten könnten, so früh wie möglich zu entdecken, um ganz früh Abhilfe zu schaffen oder eine Konsequenz zu ziehen. Wenn dieser Anspruch von der Gesellschaft da ist, dann gibt es gar keine andere Möglichkeit mehr, als den Fokus immer schärfer auf das Pathologische zu richten, statt auf das Gesunde.

FK | Wird der Blick auf das Pathologische vor allem durch die Ärzte und die neuesten technischen Errungenschaften gefördert, oder ist die Situation komplexer?

GS | Wenn man sich im Fernsehen z.B. eine Sendung wie »Visite« ansieht, so kommen dort Fälle vor, dass z.B. ein Husten zwei Wochen nicht erkannt wird und er sich dann als böses Lungenkarzinom entpuppt. Schuld sind die Ärzte, die nicht recht-zeitig und richtig diagnostiziert haben. So gesehen ist es die Gesellschaft mit ihren Ansprüchen, die uns dazu drängt, mit der Diagnostik immer perfekter zu werden. Das geht natürlich mit unserem therapeutisch-ärztlichen Motiv einher, in jedem Fall, möglichst früh therapeutisch zu intervenieren. Es gibt aber auch das Problem, dass man sehr schnell angeklagt wird, dieses oder jenes nicht gesehen zu haben. Und in der Schwangerschaft etwas übersehen zu haben, ist ein Drama für die Familie und  auch ein unerfreuliches und existenzbedrohendes Thema für die Betreuenden – sowohl in der Geburtshilfe als auch in der Begleitung der Schwangeren.

Diese schwierigen Situationen führen zu dem Problem, dass man als Arzt die Resilienz der Eltern, das Können, die Zuversicht, das positive Signal nicht mehr benennt. Wenn wir den Fokus nur auf die Pathologie legen, auch aus Selbstschutz heraus, dann bleibt kein Raum für das Positive. Was aber stärkt und gesund macht, ist das Signal »Du bist richtig, so wie du bist! Du bist gesund, so wie du bist! Du gehst einen richtigen Weg, und ich habe Achtung davor, und ich stütze den Weg, den du gehst.« Ich glaube, wir müssen uns in der Medizin insgesamt trauen, den Fokus dahingehend zu wechseln.

FK | Sie überblicken eine lange berufliche Tätigkeit. Nehmen die Untersuchungen zu, gibt es immer mehr Tests?

GS | Ja, die Zunahme ist augenfällig. Einerseits will sich mit Recht niemand am Ende etwas vorwerfen müssen. Auch nicht die Eltern.  Die Eltern können heute nicht mehr aus einem Fundus des Wissens und der Normalität schöpfen, sie leben in großer Unsicherheit, was richtig und was falsch ist. Sie wollen aber unbedingt nichts falsch machen. Von daher schaukeln sich die Probleme gegenseitig hoch. Das andere ist, dass es uns in der Medizin und auch in der Gesellschaft schwerfällt, mit Krankheit, Leid und Tod umzugehen. Wenn es dazu nicht eine souveräne Haltung gibt, sondern Krankheit in jedem Fall vermieden werden muss, hat das schnell zur Folge, dass ein Schwangerschaftsabbruch als die einzige Lösung erscheint. Denn das Leid des kranken Kindes wird als unnötig angesehen und ist als solches nicht zu ertragen.

FK | Sie haben eine Art Leitsatz bei der Untersuchung: »Wir schauen sorgfältig, aber nicht in Sorge.« Was meinen Sie damit?

GS | Es ist eine Haltungsfrage, aber genau diese Formulierung ist für die Eltern wichtig. Wenn man feststellt, das Kind ist ein bisschen zu dünn, dann kann man das in verschiedenster Form kommunizieren. Man kann sagen: »Ihr Kind verhungert demnächst, da müssen wir aufpassen, dass das nicht passiert!« Oder: »Das kann mal jetzt eine Phase sein. Aus Sorgfalt schauen wir in einer Woche wieder, wie es dem Kind geht.« Dann entsteht bei den Eltern kein Schreck. Wir müssen ja immer bedenken, dass der Stress der Eltern im Sinne der Psycho-Neuroimmunologie eine nachhaltige Wirkung auf die Kinder hat. 

FK | Sie vertreten einen salutogenetischen Ansatz. Worauf kommt es Ihnen da besonders an?

GS | Ein wichtiger Punkt ist, die Menschen in ihrer Eigenkompetenz anzusprechen und zu unterstützen.  Es ist z.B. üblich und vorgesehen, dass schon bei der Planung der Schwangerschaft mit der Einnahme von Folsäure-Tabletten begonnen wird. Schon an dieser Stelle versuche ich, die werdenden Eltern darüber zu informieren, dass man das so handhaben kann, wenn man nicht ausreichend Vitamine über Obst und Gemüse zur Verfügung hat, aber ich versuche auch zu erklären, dass es möglich ist, über frisches Bio- oder besser noch Demeter-Gemüse genügend Folsäure zu erhalten. Es ist die Tabletteneinnahme dann kein Automatismus, sondern gegebenenfalls die eigene Entscheidung der Eltern. Und dafür versuche ich, die Eltern zu sensibilisieren. Ich möchte sie dazu motivieren, eine begründete und reflektierte Entscheidung zu treffen – möglichst bei jedem Thema, auch bei der Pränataldiagnostik, dem Geburtsmodus und dem Geburtsort. Nicht auf den Anspruch kommt es an, sondern auf die reflektierte, informierte eigenständige Entscheidung und Handlung. Dadurch werden die Eltern zu Mitgestaltern.

Ein weiterer wichtiger Punkt scheint mir, mit den Eltern zu bewegen, dass die Schwangerschaft nicht dazu da ist, das Kind zu besitzen, sondern dazu, es über den eigenen Leib ins Leben zu geleiten und ihm so eine Biographie zu ermöglichen. Viele Eltern leben das, aber sicher nicht die meisten. In einem solchen Gespräch kann einmal der Gedanke entstehen, dass das Kind auch eine Erlaubnis bekommt, seine Biographie zu leben, egal was diese im Gepäck hat.

FK | Was lässt sich auf gesellschaftlicher Ebene für ein anderes Verständnis von Schwangerschaft und Elternsein tun?

GS | Heute gibt es die bekannten klassischen Geburtsvorbereitungskurse, die von den Krankenkassen bezahlt werden. Wichtig scheint mir, dass wir endlich auch in der  Schwangerschaft Elternseminare fordern, unbedingt etwas wie Elternseminare anbieten. Ich habe im Rahmen des Kongresses WIR – von Anfang an im Oktober 2019 intensiv darum gerungen, einen geeigneten Begriff zu finden, der auch die Zustimmung von der Elternvertretung Motherhood bekommt.  Elternseminare müssten von der öffentlichen Hand oder von den Krankenkassen finanziert werden, das werden die Eltern nicht von allein tun, viele können es auch nicht aufbringen. Meine Vorstellung ist, dass wir so etwas etablieren in bestimmten Rhythmen, z.B. einmal im Monat einen Abend. Die Eltern können regelmäßig kommen, es gibt meinetwegen sechs, sieben Themen, die sich immer wiederholen können; es geht um Stillen, Paarbeziehung, Kleidung, Liederlernen, Fingerspiele, Kochen, Umgang mit Fieber und Krankheit, Alltags-Rhythmen und ähnliche Dinge. Vielleicht gibt es dann noch hinterher eine Art Baby-Café. Grundlegendes Wissen um solche Fragen wird heute eben nicht mehr über die Generationen fortgereicht, es kann aber zur Bildung von Selbstvertrauen und Selbstsicherheit aller im System Beteiligten beitragen,  und ist von existenzieller und gesundheitsbildender Bedeutung.

FK | Ist das noch eine Idee oder hat sich in dieser Hinsicht schon etwas konkretisiert?

GS | Es gibt bereits ein größeres Projekt in Heidenheim im Haus der Gesundheit. Bei uns in Wennigsen sammeln sich gerade interessanterweise Menschen, die ein solches Projekt auch umsetzen wollen. Und wenn wir hinbekommen, dass wir da eine Genossenschaft oder eine Gesellschaftergruppe schaffen, die das gemeinschaftlich tragen will, und wenn es dann gelingt, entweder Krankenkassen dafür zu gewinnen, oder richtigerweise die öffentliche Hand, so wäre das großartig. Die »Frühe Hilfen« sind an Kooperation auch interessiert,  sie stützen und fördern Eltern, insbesondere aus sozial schwierigen Milieus. Im Kern wollen wir umsetzen, was im »Nationalen Gesundheitsziel« – Gesundheit rund um die Geburt vom Bundesministerium für Gesundheit schon längst gefordert worden ist.

FK | Ein weiteres Thema, für das Sie sich engagieren, ist der Konflikt zwischen Frauenärzten und Hebammen. Worum geht es dabei?

GS | Das ist nach meiner Einschätzung eine Frage der Rollenunklarheiten. Wenn von Hebammenseite Schwangerschaftsvorsorge genauso gemacht wird wie von der Seite der Ärzte mit dem Motto: Das können wir auch, dann gibt es immer eine Konfliktsituation. Wenn Ärzte Hebammen nur in der Rolle sehen, dass sie ihr eigenes Tun in Konkurrenz bedienen, dann gibt das Konflikte. Das lässt sich gar nicht ändern. Diese Konkurrenzfrage oder die Frage, wer hat denn jetzt eigentlich recht, war schon immer da, das kenne ich schon aus meiner Ausbildungszeit. Meine Frage ist an beide Berufsgruppen gerichtet: Liegen wir richtig mit der Frage, das kann ich auch? Ich denke nicht! Denn wir haben komplett unterschiedliche Fähigkeiten, einen komplett unterschiedlichen Blick, und vor dem Anderssein keinen Respekt. Es wäre notwendig, zu fragen: Was ist das Besondere an dem Können und an den Fertigkeiten einer Hebamme? Was ist das Besondere an den Fertigkeiten oder dem Können eines Arztes? Und wie begegne ich dem anderen würdevoll in seinem Anderssein und wie lerne ich zu sagen: Das ist eine Fähigkeit, die habe ich nicht; ich bewundere diese Fähigkeit und ich brauche sie, damit das Bild und die Versorgung komplett ist. Da gibt es Versäumnisse auf beiden Seiten. Mit der Akademisierung der Hebammenausbildung versucht man, eine Gleichwertigkeit herzustellen, die im Akademischen liegt. Ich habe ein bisschen Sorge, dass die Fähigkeiten der Hebammen, aus dem Fokus geraten könnten. Man müsste versuchen, herauszubekommen: Was sind die bemerkenswertesten Fähigkeiten der Hebamme – jetzt aus der Perspektive des Arztes? Dazu gehören nach meinem Erleben auf jeden Fall die Begegnung, die viel mehr im Empfinden lebt, die große Geduld und die Fähigkeit zur Zuversicht. Die Konkurrenzsituation darf durch die Akademisierung nicht verschärft werden und es sollte auch nicht ganz Fundamentales an Können auf Hebammenseite verloren gehen.

Das Gespräch führte Ariane Eichenberg.

Gabriela Stammer ist Ärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in einer Praxisgemeinschaft in Wennigsen bei Hannover (www.aerztepraxis-klosteramthof.de).

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