Sprechenlernen. Ein musikalisch-plastisches Meisterwerk

Von Rainer Patzlaff, März 2020

Mit welchen Fähigkeiten kommt ein Kind auf die Welt? Noch vor 70 Jahren waren Wissenschaftler überzeugt, dass ein Embryo im Mutterleib zu keinerlei kognitiven Leistungen in der Lage sei, ja nicht einmal Schmerzempfinden habe. Das erwies sich bald als Fehlurteil; die Wissenschaft musste vollkommen umdenken. Wie kam es zu dieser epochalen Kehrtwende?

Stefan Lochner, Madonna in der Rosenlaube

Schon in der Mitte der Schwangerschaft, also im fünften Monat, erlangt das Hören seine volle Funktionsfähigkeit. Ab da nimmt das ungeborene Kind zum einen die mit dem seelischen Zustand wechselnden Geräusche der mütter­lichen Organe wahr, zum anderen – wenn auch gedämpft – die Stimmen und Klänge aus der Umgebung. Eine besondere Stellung hat dabei die Stimme der Mutter, denn sie dringt als einzige nicht nur von außen zu dem Kind, sondern auch auf direktem Wege durch die Knochen­leitung ihres Körpers bis zum schallverstärkenden Becken.

Was zählt, ist die Musik der Sprache

Längst vertraut mit dem Klang der mütterlichen Stimme und Sprache, verfügt das Kind nach der Geburt über eine Fähigkeit, die sich weltweit in Experimenten mit Neugeborenen und Säuglingen nachweisen ließ: Aus einer Vielzahl von Stimmen des gleichen Sprachraums hört es mühelos die Stimme seiner Mutter heraus. Mehr noch: Konfrontiert mit einer Vielzahl von Sprachen erkennt es unfehlbar die Nationalsprache seiner Mutter, auch wenn eine fremde Person sie spricht. Wie ist das möglich?

Überrascht musste die Forschung feststellen: Worauf wir Erwachsene beim Zuhören achten, nämlich die Bedeutung der Worte, die gedankliche Information, Grammatik und Satzbau – alles das nimmt das Kind überhaupt nicht wahr. Stattdessen richtet es im Mutter­leib (pränatal) und auch danach (postnatal) seine Aufmerksamkeit intensiv auf eine Besonderheit der Sprache, die uns gewöhnlich nicht zu Bewusstsein kommt: auf den Rhythmus der Klanggebilde, auf ihre Melodiebögen, auf die Stimmfarbe, Tonhöhe und Stimmstärke, Tempo und Pausen – kurz: auf die rein musikalischen Elemente der Sprache (wissenschaftlich Prosodie genannt). Und die verfolgt das Kind mit einer solchen Ausschließlichkeit, dass es selbst bei der vertrauten mütterlichen Stimme nur dem Beachtung schenkt, was darin musikalisch geschieht. Wird die Sprechweise der Mutter monoton, ohne klangliche Reize, wendet es sich desinteressiert ab.

Musik prägt das Schreien des Babys

Wer mit den Ohren des Neugeborenen die Sprechweise eines Erwachsenen belauscht, kann nachvoll­ziehen, dass sie prosodisch eine ganz persönliche Signatur aufweist, an der man sie erkennt. Ebenso hat auch jede gesprochene Kollektivsprache in musika­lischer Hinsicht ihre unverwechselbare Prägung. Sie wirkt sich, wie ein spezieller Zweig der Babyforschung herausfand, stark auf das Schreiverhalten von Säuglingen aus: Ein deutsches Baby legt alle Kraft in den Anfang seines Schreis und zum Ende hin flaut er ab, während ein französisches Baby umgekehrt vorgeht: Es beginnt sachte und setzt den Schwerpunkt an das Ende (Abb.1). Das entspricht dem gegensätzlichen Charakter der beiden Sprachen: Das Deutsche als eine germanische Sprache legt die Betonung fast immer auf den Wortanfang, während der Franzose mit dem musikalisch freien Akzent romanischer Sprachen die Endbetonung liebt.

 

Abbildung 1

Andere Forscher kamen zu dem erstaunlichen Resultat, dass es eine signifikante Korrelation gibt zwischen dem Schreien der Babys und dem Musizieren der Mutter: Japanische Säuglinge, deren Mütter während der Schwangerschaft musikalisch aktiv waren, erzeugten mehr komplexe Schreimelodien als solche musikalisch inaktiver Mütter. Zum gleichen Ergebnis kam man bei französischen Neugeborenen.

Darin liegt ein bedeutender Hinweis: Der werdende Mensch ist nicht nur für die Musik der Sprache empfänglich, sondern für Musik aller Art. Sogenannte primitive Kulturen wussten das. Daher pflegten schwangere Frauen für ihr ungeborenes Kind bestimmte Lieder zu singen. Hierher gehört auch die vielfach belegte Erfahrung, dass Lieder oder Musik­stücke, die pränatal regelmäßig gehört wurden, im späteren Leben wiedererkannt werden.

Woher rührt die vorgeburtliche Empfänglichkeit für Musik?

Bei so auffälligen Befunden sollte die Frage naheliegen: Woher rührt eigentlich die Empfänglichkeit aller Ungeborenen für Musik, die sich noch bis weit in die Kindheit hinein erhält? Die heutige »empirische« Wissenschaft geht der Frage aus dem Weg. Wer aber den Menschen nicht auf physisch-materielle Phänomene reduziert, sondern ihn ganzheitlich als ein Wesen mit Seele und Geist zu erfassen sucht, den führt diese Frage über die irdische Welt hinaus zum Kosmos, aus dessen Gesetzmäßigkeiten sich die Sprache im kleinen Kind formt. Nur dort ist die Antwort zu finden.

Wenn alte Völker das Heranwachsende mit Musik empfingen, dann taten sie das nicht aus bloßer Freundlichkeit, sondern weil sie ein Wissen oder wenigstens eine Ahnung davon hatten, dass im Mutterleib die stoffliche Hülle einer unvergänglichen Individualität heranreift, die ihren Weg auf die Erde sucht. Und es war ihnen bewusst, dass es Gewaltiges bedeutet, wenn der Mensch aus den Weiten einer rein geistigen Existenz sich in das krasse Gegenteil begibt: in die Enge eines materiellen Leibes. Denn einen größeren Gegensatz gibt es nicht. Daher bedarf es einer Brücke, und die bildet die Musik: Sie erklingt einerseits in den Sphären des Himmels (was im Altertum bis hin zu Kepler noch gewusst wurde), und andererseits in der irdischen Welt. Musik verbindet beide Welten und hilft dadurch dem Kind, in gesunder Weise im Erdenleib anzukommen. Urbildlich hat das im 15. Jahrhundert der Maler Stefan Lochner auf seinem Bild »Die Muttergottes in der Rosenlaube« dargestellt (Abb. 2; siehe oben!). Dort geleiten die musizierenden Engelchöre das Menschenkind auf die Erde.

Die das Kind empfangenden Eltern setzen das Geleit der Engel fort, indem sie für das Kind vor und nach der Geburt singen und musizieren. Aber selbst, wenn das nicht geschieht, wird dennoch das Kind schon im Mutterleib mit Musik empfangen: mit der Musik der Sprache. Wir Erwachsenen tun daher gut daran, sie – anders als heute üblich – als eine Himmelsgabe zu begreifen, die unentbehrlich ist für die Menschwerdung. Die moderne Forschung bringt uns das erst langsam wieder zum Bewusstsein.

Universelles Hören als Vorbereitung des eigenen Sprechens

Es mag überraschen, dass Kinder trotz ihrer innigen Verbindung zur mütterlichen Sprache nicht gleich nach der Geburt an der eigenen Sprechfähigkeit arbeiten. Aber das hat seinen guten Grund: Das Formen sprachlicher Laute setzt höchstentwickelte feinmotorische Fähigkeiten voraus, und die können erst entstehen, wenn die sensomotorische Herrschaft über den Körper errungen ist. Letzteres hat im ersten Lebensjahr Vorrang; das Sprechenlernen muss warten.

Und doch beginnen alle Säuglinge schon im ersten Halbjahr, während der sogenannten Lallphase, mit der Vorbereitung auf die Produktion von Sprachlauten, indem sie sich daran vergnügen, ihrem Stimmtrakt spielerisch die merkwürdigsten Töne, Klänge und Geräusche zu entlocken und sie zu variieren. Diese Klangprodukte sind frei von inhaltlicher Bedeutung; sie entspringen der reinen Freude am Erkunden der Tonwelt. Sie sind aber – wie aufmerksame Beobachter entdeckten – nie der Sprache entnommen, die das Kind täglich umgibt, beruhen also nicht auf Nachahmung, sondern sind Eigenschöpfung. Daraus folgt: Das Kind bewegt sich in diesen Augenblicken (bevorzugt vor dem Einschlafen oder kurz nach dem Aufwachen) wie in einem eigenen Kosmos aller nur erdenklichen menschengemachten Klänge, einem allgemein-menschheitlichen Klang-Universum, das die Vielfalt der spezialisierten Einzelsprachen überwölbt.

»Universum« ist hier keine Metapher, sondern Realität: Kinder sind während der Lallphase weltweit in der Lage, sämtliche Laute fremder Sprachen, die an ihr Ohr dringen, in ihrer Besonderheit zu erkennen. Die Buschmänner in Namibia kennen unter ihren 126 Konsonanten 83 Schnalzlaute, die kein Europäer jemals auseinanderhalten könnte. Jeder Säugling auf der Welt aber kann sie präzise unterscheiden. Das Ergebnis ist staunenswert: Das Säuglingsgehör steht allen Lauten aller Sprachen dieser Welt offen. Säuglinge sind sprachlich wahre Kosmopoliten!

Eine zweite wichtige Entdeckung kommt hinzu: »Hören« bedeutet für das Kind nicht passive Aufnahme; vielmehr bewegt sich die Zunge gemeinsam mit dem Körper bei jedem Laut in feinster Weise mit. Die Lautwahrnehmung geschieht also durch angedeutete körperliche Mit-Bewegung, gleichgültig, welcher Sprache der Laut entstammt. Das bedeutet: Das neugeborene Kind ist nicht festgelegt auf die Sprache seiner Mutter. Es kommt auf die Erde als ein Universalist, der sich in jeder beliebigen Sprache, in die ihn das Schicksal führt, vollgültig beheimaten kann. Erst ab dem zehnten Monat etwa legt sich das Kind auf die spezielle(n) Sprache(n) seiner Umgebung fest und verliert allmählich seine universale Hörfähigkeit.

Vom musikalischen zum plastischen Gestalten der Luft

Dieser Moment erweist sich als ein tief eingreifender Wendepunkt: Indem das Kind ungefähr zu dieser Zeit sich aufrecht mit den Füßen auf die Erde stellt, betritt es erstmals auch den Boden der Sprache, auf dem stehend es nun mühsam die Kunst erlernen muss, die in seiner Umgebung gesprochenen Laute selbst hervorzubringen. Würde das Kind bei dem musikalischen Vermögen stehenbleiben, das es als himmlische Gabe mitgebracht hat, könnte es zwar singen, müsste das aber wortlos tun; nur Vokale vermöchte es hervorzubringen. Eine zweite, ganz anders geartete Kraft muss hinzutreten, nämlich die Fähigkeit, beim Sprechen die Ausatmungsluft plastisch-räumlich zu gestalten.

Das geschieht dadurch, dass der Luftstrom, der klingend aus dem Kehlkopf tritt, den sogenannten Stimmtrakt durchläuft, der aufwärts durch die Luftröhre und weiter durch den Mund bis an die Zähne und Lippen führt. Dieser Hohlweg ist gesäumt von Muskeln, die für jeden Laut blitzschnell eine andere Form annehmen und dadurch der Sprechluft jeweils eine spezielle Strömungsform aufprägen. Mit Hilfe von MRT-Aufnahmen lässt sich zeigen, welche Muskelstellungen erforderlich sind, damit zum Beispiel klar und deutlich ein »L« herauskommt und nichts anderes (Abb. 3).

Abbildung 3

In den USA wurden MRT-Bilder aller englischen Laute hergestellt. Nebeneinandergelegt erkennt man auf den ersten Blick, wie jeder Laut auf einer eigenen, unverwechselbaren Muskel-Konstellation beruht. (Abb. 4 zeigt die Laute I und U). Neuere Aufnahmen belegen, dass selbst Lautpaare wie etwa »F« und »V«, deren Ansatzstellen im Mund dicht beieinanderliegen, bis in feinste Formen hinein unterschiedlich gestaltet werden müssen (Abb. 5).

Abbildung 4

Abbildung 5

Welche Kräfte sind hier am Werk?

Jetzt drängt sich die Frage auf: Wie erwirbt das kleine Kind die Fähigkeit, derartig komplizierte Form­prozesse auszuführen? – Wenn man bedenkt, dass vom Zwerchfell bis zu den Lippen weit mehr als 100 Muskeln für jeden Laut eines Wortes neu koordiniert werden müssen, dann wird deutlich, welch eine gigantische Leistung gefordert ist. Sie ist von einer so unvorstellbaren Komplexität, dass kein Mensch sie mit Bewusstsein erwerben könnte.

Umso dringlicher stellt sich die Frage: Was befähigt das Kind, sie in tiefster Unbewusstheit zu vollbringen? Ohne sprechende Erwachsene in seiner Umgebung ist das erwiesenermaßen nicht möglich. Doch der Erwachsene kann nur sprechen, nicht aber dem Kind beibringen, wie es die über hundert Muskeln dirigieren soll, um wohlartikulierte Silben und Wörter hervorzubringen; denn er weiß es selbst nicht. Deshalb hat die Wissenschaft lange nach einem Gen oder einer Hirnstruktur gesucht, in der das Sprechenlernen programmiert wäre – doch vergeblich: Die Sprech­fähigkeit ist eindeutig keine Naturgabe, die sich von selbst einstellt.

Bei genauerer Betrachtung der Vorgänge können wir eigentlich nur staunen über die ungeheure Intelligenz, die ihnen zugrunde liegt. Sie kann nicht aus dem Menschen selbst stammen. Und das führt uns zurück zu dem von Rudolf Steiner bestätigten Wissen alter Völker: Es sind höhere Mächte, die dem Kind unter dem Schutz der Unbewusstheit ihre Gaben schenken.

Auf deren göttliche Herkunft weist nicht zuletzt die Magie, mit der die Sprache unabhängig von ihren Inhalten am und im Sprecher physisch-materielle Realitäten schafft, die niemand vorsätzlich bewirken könnte. Drei solcher Wirkungen sind bisher bekannt:

  1. Jede Bemühung des Kindes um die Realisierung der Laute schlägt sich im Gehirn in hochdifferenzierten Synapsen-Netzen nieder, und die werden zur physischen Grundlage des Denkens und aller späteren Urteilsprozesse.
  2. Jeder eigene Laut erzeugt im Venenblut, also in 80 Prozent des Blutes, bestimmte Wirbelformen, durch die sich die Chemie des Blutes verändert. Sprache durchtönt gestaltend den gesamten Körper, in einer Weise, die noch zu erforschen sein wird.
  3. Beim Sprechen bilden wir vor dem Mund ganz gesetzmäßig bestimmte Luftformen, die für jeden Laut anders sind. Sprechen bedeutet also, den klingenden Atemstrom auf seinem Wege zum Hörer kunstvoll zu plastizieren. Eine künftige Forschung wird vielleicht aufdecken, was das zwischen Ich und Ich bewirkt.

Angesichts der epidemisch um sich greifenden Sprachentwicklungsstörungen wird es hilfreich sein, diesen und anderen Geheimnissen des gesprochenen Wortes nachzuspüren.

Zum Autor: Dr. Rainer Patzlaff, langjähriger Waldorflehrer, Leiter des Instituts für Pädagogik, Sinnes- und Medienökologie (IPSUM) und em. Professor für Kindheitspädagogik an der Alanus-Hochschule.

Literatur: A. Husemann, in: J. Zinke: Luftlautformen sichtbar gemacht, Stuttgart 2004; S. Maintier: Sprache – die unsichtbare Schöpfung in der Luft, Hamburg 2014; R. Patzlaff: Sprache – das Lebenselixier des Kindes, Stuttgart 2017

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