Warum Kinder trotzen

Von Monika Kiel-Hinrichsen, November 2009

Ich bin ich Ich. Ich will Ernst genommen werden

Franziska kommt mit ihren beiden Kindern vom Einkaufen. Auf dem Rücken den Rucksack mit dem Einkauf, vorne auf dem Arm den sechs Monate alten Tom, unter den Arm geklemmt eine Packung Windeln. Die zweijährige Svea kann bereits alleine die Treppen steigen. Sie müssen in den zweiten Stock hoch. Auf dem Weg fängt Svea an zu nörgeln: »Ich will auch auf den Arm«.

Franziska schaut sie ungläubig an, erklärt, dass das nicht gehe, dass doch schon Tom auf dem Arm sei und die Windeln … Svea bleibt beharrlich, fängt an, laut durch das Treppenhaus zu schreien, schmeißt sich auf den Boden und tritt nach ihrer Mutter, die inzwischen »schweißgebadet« dasteht. Sie versucht, ihr gut zuzureden, dass sie erst Tom nach oben bringe und dann sie hole, doch Svea schreit weiter. Franziska lässt sie liegen und bringt Tom nach oben ins Laufställchen, um Svea zu holen. Aber, kaum zu glauben, Svea tritt weiter nach ihr, lässt sich weder auf den Arm nehmen noch trösten. Sie trotzt nun einfach gegen alles. Franziska nimmt sie wütend auf den Arm und geht mit dem schreienden Kind die Treppen hoch.

Was wir hier erleben, ist der Beginn der klassischen frühkindlichen Trotzphase, die in dieser Intensität zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr beginnt. Wissen wir als Eltern und Erzieher von ihrer tieferen Bedeutung, ist der Umgang mit dem Trotz leichter und das Verständnis für das Kind größer.

Das kleine Kind ist bis dahin mit all seinen Sinnen offen und beeindruckbar. Es ist ganz Ohr, ganz Auge, und nimmt alles, was wir in seinem Umkreis tun, ja oft sogar fühlen und denken, wie ein Spiegel in sich auf. Es lohnt sich, als Eltern öfter mal »in diesen Spiegel« zu schauen, denn dann erfahren wir schnell etwas über uns selbst und können an oder in uns etwas ändern, statt die Kinder ändern zu wollen, indem wir Verbote und Drohungen aussprechen, die wenig wirksam sind, besonders in der Phase des Trotzens. In dieser Phase schließt das Kind unbewusst seine Tore und entwickelt sich zu einem ausdrucksstarken Wesen. Es beginnt, Widerstand zu leisten und uns willensstark die Stirn zu bieten.

Das entstehende Ich muss sich im Widerstand erproben

Diesen Vorgang können wir bis in die leibliche Entwicklung nachvollziehen, denn genau zu diesem Zeitpunkt schließen sich die Fontanellen endgültig und die Stirnhaut zwischen den beiden Stirnbeinknochen verschmilzt und wird röntgenographisch unsichtbar, sodass von da an ein einfaches Stirnbein vorliegt. In gewissem Sinne hat das Kind nun eine Staumauer nach außen und nach innen gebaut. Das offene Bewusstsein des Kleinkindes, das sich noch allseitig mit der Umwelt identifizierte, zieht sich gewissermaßen hinter die sich schließende Stirn zurück. Beobachtet man das Malen des Kindes, entdeckt man zunehmend geschlossene Kreise, die jetzt ein Innenleben bekommen, oder den Versuch, aus kritzeligen Strichen ein Kreuz zu malen – alles Vorgänge, die ein großes Geheimnis offenbaren, denn sie sind Ausdruck für das Größte, was uns Menschen ausmacht: unser Ich. Das kleine Kind beginnt, sich als »Ich« zu bezeichnen, es spricht nicht mehr in der dritten Person von sich. Dieses Ich ist noch wie ein kleines zartes Pflänzchen, das im Schutze der großen Pflanzen wachsen will.

Durch den Trotz beginnt es, sich im Widerstand gegen uns zu erproben, um sich selber besser spüren zu können und daran innerlich zu wachsen. Das kennen wir als Erwachsene sicher auch sehr gut, allerdings tragen wir es nicht mehr auf körperlicher Ebene aus. Aber denken Sie an eine lebhafte Diskussion, in der Sie das Bedürfnis haben, dem Standpunkt ihres Gegenübers ihren eigenen entgegenzuhalten, ihm Widerstand zu bieten. Das schafft Selbstbewusstsein! Darum geht es dem Kind auch. Die starke Willenskraft der trotzenden Kinder ist Ausdruck eines inneren wachsenden Bewusstseinsprozesses. Im frühkindlichen Trotz fehlt dem Kind jedoch noch die Übung des abstrakten Denkens. Dieses ist ja gerade erst mit dem dritten Lebensjahr erwacht, weshalb es oft im Laufe eines Trotzanfalls den Bezug zu seinen Wünschen, dem Auslöser, verliert.

Wir sollten die Bedürfnisse des Kindes anerkennen und ihm Alternativen bieten

 

Svea will unbedingt auf den Arm von Franziska. Doch als diese den kleinen Tom nach oben gebracht hat, um Svea zu holen, schreit sie weiter, obwohl sie jetzt auf den Arm könnte. Dieses Paradox ist ein typischer Ausdruck von frühkindlichem Trotz, bei dem der Bezug zum eigentlichen Trotzanlass verloren geht. Das kleine Ich hat im Konflikt an Haltekraft verloren. Es ist wichtig, dass wir ihm jetzt unser Ich zur Verfügung stellen, gewissermaßen leihen, und eine Entscheidung treffen, die das Kind wieder zu sich bringen kann, so dass es im Sinne seines wachsenden Willens ansprechbar wird.

Oft werden wir selber in diesen Konflikten wütend und dadurch schnell kraftlos. Wir beginnen, auf die Kinder einzureden, zu diskutieren, Forderungen aufzustellen, die aus der Sicht der Eltern verständlich, aber wenig wirksam sind. Stattdessen kann es helfen, sich in die Bedürfnisse des Kindes einzufühlen, diese auszusprechen, so dass es sich gesehen fühlt, aber dann die eigene Entschiedenheit mit dem Wissen des Erwachsenen dazuzustellen und entsprechend zu handeln.

Franziska kommt die Treppen herunter und nimmt die schreiende Svea auf den Arm: »Du wärst auch gerne auf meinem Arm gewesen wie Tom«, sagt sie und drückt sie fest an sich. »Jetzt gehen wir nach oben, putzen die Nase und packen den Einkauf aus. Kannst du meine kleine Helferin sein? Heute darfst du die Eier in das Fach legen.« Kein Diskutieren, keine Schuldzuweisung, keine Appelle an den Verstand, sondern Anregungen für den Willen des Kindes, denn er ist das Zaubermittel in diesem Lebensalter. Die ungezügelte Muskel- und Willenskraft des Säuglings will nun im Kleinkindalter in sinnvolle Willensbetätigung münden. Daran kann das Ich wachsen.

»Lastwagenfahrer, fahr dein Auto in die Garage«

In diesem Alter beginnt, die Phantasiefähigkeit des Kindes zu erwachen, so dass es in seinem Innern bereits Schätze zur Verfügung hat, die wir konstruktiv und dem Kinde angemessen nutzen können, denn es trotzt gerne auch gegen unsere abstrakte Begriffswelt. Statt »Es ist Zeit zum Aufräumen« können wir sagen »Lastwagenfahrer, fahr bitte dein Auto in die Garage und nimm noch schnell ein paar Fuhren mit.« Oder statt »Zieh dich an, wir müssen los« – »Wer ist zuerst in seinen Kleidern, der Rappele oder der Zappele?« (gemeint sind die Arme und Beine). Kleine Kinder wollen dort abgeholt werden, wo sie gerade in ihrer Tätigkeit stehen, womit sie sich gerade seelisch verbunden fühlen. Unterbrechen wir diesen Prozess einfühlsam, sind sie meist fleißige Helfer für unsere Anliegen.

Aber im Alltag gelingt es uns nicht immer, auf diese Weise zu handeln. Dann benötigen wir ein anderes Instrument, mit dem wir unsere Kinder glaubwürdig erziehen können: Das sind unsere Erfahrungen, die wir den Kindern voraus haben, die wir ihnen leihen und uns zunutze machen können, um sie entschiedener zu erziehen. Ich kann als Erwachsener erkennen, ob ein Kind müde, hungrig oder gelangweilt, überfordert und unzufrieden ist. Mit dieser emotionalen Kompetenz fühle ich mich mit der inneren Frage: »Was braucht mein Kind jetzt?« ein und handle entsprechend. Wenn wir im Lebensalltag die Frucht des rhythmischen Lebens nutzen und  durch unser eigenes Vorbild gute Gewohnheiten im Kind erzeugen, haben wir die gesündesten Erziehungshelfer an unserer Seite.

»Ich bin ein Ich und ich bin wichtig«

Vor mir stehen Eltern mit ihrem etwa 5-jährigen Sohn, der, während diese ihren Einkauf auf das Band legen, mit den vor der Kasse liegenden Videospielen beschäftigt ist. Er nimmt sich eines heraus und fragt, ob er das haben kann. »Nein, du hast doch schon genug, leg‘ das weg!« Er wird fordernder, sein Gesicht bekommt einen angriffslustigen Ausdruck: »Mann, ich will das aber!« Er legt das Spiel auf das Band, die Mutter nimmt es wieder weg, während der Vater bezahlt. Jetzt geht der Junge zum Angriff über: »Du bist eine blöde Kuh!« »Hörst du jetzt auf«, kontert die Mutter. Er wieder ein bisschen lieber, fast einschmeichelnd »Bitte, Mama, nur das eine?!« Und tatsächlich: Die Mutter kauft ihm das Videospiel.

Das klassische Trotzalter sollte bis zum vierten Lebensjahr durch größere Selbstständigkeit und gewachsenes Selbstbewusstsein beendet sein, so dass das Kind bis dahin eine höhere Frustrationstoleranz erreicht hat und sinnvolle Grenzen anerkennen kann. Oft weitet sich das kleinkindliche Trotzalter aufgrund des inkonsequenten Handelns der Eltern allerdings zu einer Dauertrotzphase aus, auf die diese sich hilflos zurückziehen. In der Einkaufssituation wusste der Junge scheinbar genau, womit er seine Mutter rumkriegen konnte.

Kinder haben einen Seismographen für die Unsicherheiten der Eltern in sich. Spüren sie Unentschiedenheit oder gar Scham, fordert  sie das oftmals geradezu heraus, weiter zu trotzen. Anders als beim kleinen Kind ist hier ein Bewusstseinsanteil der Kinder mit dabei. Sie haben bereits gelernt, wie sie ihre Eltern erziehen können! Je unentschiedener wir als Eltern sind, desto entschiedener treten die Kinder auf. Ob sie wohl tatsächlich immer das haben wollen, wofür sie trotzen? Beobachten Sie sich einmal selber, wenn Sie entschiedener werden. Sind wir nicht genau dann mit unserer Aufmerksamkeit ganz bei einer Sache, wenn wir uns für sie entscheiden? Kinder wollen gesehen und wahrgenommen werden, denn das schenkt ihnen, ebenso wie jeder Trotzanfall, ein Gefühl für sich selbst: Ich bin ein Ich und bin wichtig! Gelingt es nicht mit der positiven Aufmerksamkeit, versuchen es die Kinder über den Umweg der negativen Aufmerksamkeit – Hauptsache wahrgenommen werden! Entschiedene Eltern, die sich trauen, aus ihrer Erfahrungswelt zu schöpfen und den Kindern sinnvolle Grenzen zu setzen, schenken ihnen Klarheit, Sicherheit und geben ihnen Orientierung im Leben. Sie schaffen das Fundament ihrer späteren Biographie.

Zur Autorin: Monika Kiel-Hinrichsen arbeitet als Erziehungsberaterin und leitet eine Tagespflegeausbildung in Kiel, www.forum-zeitnah.de

Kommentare

Inge Rosenbaum, 25.06.17 22:06

Hallo,
vielen Dank für diesen so aufschlussreichen und praktisch anwendbaren Artikel. Ich werde ab September in einem französisch sprachigem
Waldorfkindergarten in Brüssel mit 2.5 jährigen Kindern arbeiten. Für Kolleginnen und Elternarbeit wird dieser Artikel sehr hilfreich sein.

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