Was kleine Kinder wirklich brauchen

Von Claudia Grah-Wittich, Mai 2010

Kleinkinder professionell zu betreuen, wird immer selbstverständlicher und zunehmend von Eltern und Trägern gewünscht. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen an die Pädagogik und ihre Fachkräfte. Allen Beteiligten ist klar: Die ersten drei Jahre sind außerordentlich bedeutsam und die Basis für jede weitere Entwicklung der Persönlichkeit und des Lernens.

Kleine Kinder wollen die Welt selbst entdecken. Foto: Lou Bertalan

Wie kommen wir zu menschenkundlichen Erkenntnissen als Basis einer zukünftigen Kleinkindpädagogik? Wie können pädagogische Fachkräfte die eigentlichen Bedürfnisse der Kinder erkennen und sie in ihrer individuellen Entwicklung unterstützen? Das kleine Kind – ein noch undifferenziertes Wesen – ist seinen Trieben ausgeliefert, hilflos, angewiesen auf die Fürsorge und den Schutz des Erwachsenen. Andererseits zeigt die pädagogische Praxis, dass in den ersten zwei bis drei Lebensjahren der Erwachsene gar keine Möglichkeit hat, in den Willen des Kindes wirklich einzugreifen. Das Kind tut doch, was es will! Dieser Widerspruch ist zunächst ein Rätsel. Er kann aber zu einem wichtigen Ausgangspunkt für den pädagogischen Umgang mit dem kleinen Kind werden: Wie unterstütze ich es da, wo es wirklich Unterstützung braucht, und wie fördere ich alle Ansätze seiner selbstständigen und freien Entfaltung? Das Kind muss bei seiner Bewegungsentwicklung und im Spiel nicht aktiv unterstützt werden. Was es braucht, weiß es aus sich selbst heraus und solange es nicht von Erwachsenen gestört wird. Auf der anderen Seite ist es in seiner mitgebrachten Sehnsucht, zu einem Gemeinschaftswesen heranzuwachsen, auf Unterstützung durch eine aktive Beziehungspflege angewiesen. Überall da, wo ich mit dem Kind in aktiven Kontakt trete, wo es mich braucht, da fängt das Lernen in der Beziehung an.

Dies ist natürlich vor allem bei der physischen Versorgung der Fall, beim Essen geben, beim Wickeln, beim Naseputzen, An- und Ausziehen. All das macht das Kind zunächst nicht aus eigener Kraft, sondern es lernt am aktiv zu ihm in Beziehung tretenden Vorbild. Hier findet das Lernen am Anderen statt. So wie das kleine Kind versorgt wird, prägt sich sein späteres Sozialverhalten aus. So wie es sich autonom und selbstständig in der Eigenbewegung und im Spiel entwickeln kann, entfaltet sich sein späteres Verantwortungsgefühl, seine Selbst­ständigkeit und sein Selbstbewusstsein im Umgang mit der Welt. Je sicherer die Bindung im Umgang mit dem Kind sich anbahnen konnte, desto sicherer und selbstbewusster sind sein Explorationsverhalten, seine Kreativität und selbstständige Entwicklung.

Das Kind ist auf Kooperation hin angelegt

Kinder wollen wahrgenommen werden. Sie suchen den Blick der Erwachsenen und fühlen sich ermuntert, wenn sie gesehen werden. »Ich werde gesehen, also bin ich«, so brachte es der berühmte englische Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott auf den Punkt. Die Kraft für solches Schöpferisch-Werden nimmt das Kind aus den zahlreichen Momenten, in denen es mit Erwachsenen zusammen ist und sich dabei geborgen fühlt: Es wird gewickelt, es bekommt zu essen, es wird getröstet, angezogen, zu Bett gebracht. Alles Tätigkeiten, bei denen das Kind mit uns zusammen ist und wir die liebevolle Verantwortung dafür haben, so mit ihm zusammen zu sein, dass es Lust und Freude darauf bekommt, sich in die Gemeinschaft hinein zu entwickeln. Das glückt immer dann, wenn wir Zeit für das Zusammensein haben.

Das wird möglich, wenn wir dem Kind zeigen, dass es natürlich ein kooperatives Wesen ist, dass es von Tag zu Tag mehr und mehr lernt. Erst scheint das Kind beim Anziehen nur fast unmerklich mitzuwirken, langsam hilft es etwas mit, dann immer mehr und zuletzt sind die kleinen Dinge und Prozeduren selbstverständlich – das Kind beherrscht sie nun ganz alleine. Je mehr wir die Impulse des Kindes beim Mitmachen aufgreifen, desto früher erfreut es sich am Selbertun – und umso mehr sind wir zugleich entlastet.

Ohne Freude gibt es kein Lernen

Dass das Selberlernen und das Lernen an Beziehungen gelingt, setzt eine angemessene Umgebung voraus. Die wichtigste Umgebung sind wir, die Erwachsenen: Sind wir freudig und ausgeglichen, »guter Laune« im Umgang mit dem Kind? Ohne Freude gibt es kein Lernen. Unsere Haltung, unsere Gesinnung ist die Grundlage für jede Entwicklung. Natürlich sind wir als Erwachsene nicht immer entwicklungsförderlich gestimmt. Eltern und Pädagogen müssen verstehen lernen, dass in der Selbstwahrnehmung und der daran anschließenden Selbsterziehung die Basis für jede Erziehung liegt – maßgeblich aber in der Kleinkinderziehung! Neben unserer Gesinnung spielt auch die räumliche Umgebung eine Rolle: Können sich Kinder frei und gefahrlos bewegen, ohne Maßregelungen und Ermahnungen? Mit diesen wesentlichen Gesichtspunkten versuchen wir, den Alltag von Kindern unter drei Jahren zu gestalten.

Am schwierigsten sind in der heutigen Zeit die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass es genug Zeit und Raum für die freie Bewegung und die selbstständige Aktivität sowie das Spiel des Kindes gibt. Habe ich als Erzieher genügend innere Ruhe und Zeit, um mit dem Kind zusammen zu kommen, wenn ich es versorge? Und wie wird es mir gelingen, sowohl für den äußeren Raum wie auch für den inneren Raum als Erwachsener genügend Vorbereitung zu haben? Denn der Erfolg einer gesunden kindlichen Entwicklung fällt in dieser Vorbereitung der Erwachsenen. Betrachten wir Erziehung für das frühkindliche Alter unter diesem Gesichtspunkt, so könnte man formulieren: Bin ich, so kann das Kind werden.

Literatur: Emmi Pikler, Lasst mir Zeit. Die selbstständige Bewegungsentwicklung des Kindes zum freien Gehen, München 2009 / Rudolf Steiner, Die Kunst des Erziehens aus dem Erfassen der Menschenwesenheit, GA 311, Dornach 2000

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