Wenn kleine Kinder kritzeln …

Von Christiane von Königslöw, Januar 2014

Christiane von Königslöw hat ihren privaten Kindergarten im eigenen Haus in einen »Mal- und Spielort« für Groß und Klein umfunktioniert. Sie berichtet von ihrer Mal-Arbeit mit kleinen Kindern und zeigt dabei überraschende Korrespondenzen zur modernen Malerei auf.

Junge, 2 Jahre

Eines der ersten Kinder war die zweijährige Rosalie. Eigentlich empfand ich sie als zu klein für eine »Malschülerin«. Da meine Augen noch nicht für die Malart der ganz kleinen Kinder geöffnet waren, dachte ich, ich müsse ihre »Kritzelei« ästhetisch durch ein sehr großes Format, einen schwarzen Karton von 50 x 70 Zentimetern, weiße Wachsblöckchen und einen dicken Pinsel mit weißer, goldener oder silberner Acrylfarbe aufwerten, damit Rosalies Mutter auch mit dem Ergebnis zufrieden sein könne.

Das kleine Mädchen meisterte die von mir gestellte »Aufgabe«, ein großes Blatt zu füllen, so leicht, dass ich ganz begeistert war von der Reihe der Bilder, die sie malte. Dadurch entdeckte ich die Kindermalerei, die ich vom Alter der Kindergartenkinder her gut kannte, noch einmal ganz neu. Vor mir liegen die Bilder eines kraftvollen, willensstarken Mädchens: diese Linien! Kreuz und quer und wirbelig über das Blatt gezogen – mit solch einem Schwung und Rhythmus getätigt, dass ich ahne: da werden sonst verborgene Kräfte sichtbar. Ich fühle spontan: Das sind Spuren der Vitalkräfte, der ätherischen Aufbaukräfte dieses kleinen Menschen Rosalie. Es sind keine inneren Bilder oder Vorstellungen, die sie aus ihrer Seele herausgesetzt und hier aufs Papier gebracht hat. Es geht hier um eine Malerei, die ganz aus innerer Bewegung und Kraft heraus geformt wird und sich durch den Schwung der Glieder und der körperlichen Bewegungen mitteilt – es ist kein subjektives Vermögen, sondern eine objektive Geistigkeit, die sich da äußert.

Was hier die Kinder am Beginn ihres Lebens spontan und kraftvoll, aber unbewusst aus innerer Bewegung heraus leisten, findet seine Entsprechung bei den großen abstrakten Künstlern wie Cy Twombly, K.O. Götz, Emil Schumacher, Fritz Winter, Wols (Wolfgang Schulze) – um nur einige zu nennen –, die sich ein ganzes Leben lang darum bemühten, wieder ganz aus ihrem inneren Rhythmus heraus zu schaffen, aber nun mit Hilfe ihres entwickelten künstlerischen Vermögens.

Emil Schumacher schreibt: »Die Linie entsteht aus der ganzen rhythmischen Körperbewegung heraus, weniger aus dem Handgelenk« – sie ist die Spur einer Bewegung. Bei den Kindern sind es die Vitalkräfte, die ätherischen Bildekräfte, die noch in und an dem Aufbau des Leibes tätig sind, die in den malenden Arm schießen und diese kreisenden, wirbelnden, welligen, spiraligen Bewegungen verursachen. Alles, was man als Festgewordenes, als Form sieht, ist aus dem Bewegten, aus der Bewegung hervorgegangen, ohne dass darin auch nur das geringste Vorstellungsmäßige vorhanden wäre.

Das Malen ist bei den ganz kleinen Kindern noch leibgebunden, während der Erwachsene, wenn er – mühsam – an diese Kräfte wieder herangekommen ist, das Bild durch seine Phantasie bewusst frei gestalten kann. Das kann das Kind nicht. Es zeigt uns aber in seinen Kritzeleien, die man abschätzig als Vorstufe zum »richtigen« Malen von figürlichen Motiven abtut und verkennt, eine erstaunliche Welt schöpferischer Kräfte. Die aufbauenden Lebenskräfte, die in die Bilder der ganz kleinen Kinder hinein»schießen«, ziehen sich später zurück, wenn sie den Körper des Kindes aufgebaut haben. Sie werden dann »frei« zum Vorstellen und Denken, das heißt, die Kinder müssen bis zum gegenständlichen und vorstellungsmäßigen Malen kommen.

Malen aus innerem Rhythmus und Bewegung

Wir Erwachsenen müssen das allzu Vorstellungsmäßige und Begriffliche unserer Zivilisation überwinden, wenn wir wieder den Weg zum Geist und zum Quell der Lebenskräfte finden wollen, die im Kind noch unbewusst wirken. – In einer Monographie von Barbara Nierhoff-Wielk über den jetzt hundertjährigen Maler K. O. Götz, einen der Begründer der Kunstrichtung des »Informel«, heißt es: »Götz malt mit dem ganzen Körper: Die dynamisierte Handschrift der Pinselschwünge und Rakelstrukturen entspringt den körper­lichen Bewegungen und Rhythmen, die sich auf diese Weise in das Bild einschreiben. Dies erklärt nicht nur die Vorliebe des Künstlers für große Formate, sondern auch, warum Götz auch trotz seiner Erblindung bis heute malen kann und Werke schafft, die mitnichten an Qualität eingebüßt haben. (…) Darüber hinaus gelangen in der Arbeit eine Kraft und eine Vitalität zum Ausdruck, die im Hinblick auf Alter und Sehbehinderung des Künstlers zutiefst beeindrucken. Augenscheinlich liegt hier auch der Schlüssel zu seiner Malerei: Sie ist eingeschrieben in den Körper und bedarf nicht (mehr) des sehenden Auges …«

Dieser Verzicht auf das Auge, das die Menschheit seit der Renaissance in den Dienst der Ratio gestellt und zum kritischen Begleiter des Bewusstseins gemacht hat, kommt auch bei einem anderen Künstler der Moderne zum Ausdruck. In seinem Buch über den amerikanischen Künstler Cy Twombly berichtet Richard Leeman, dass der junge Maler während seines Militärdienstes in Augusta eine Reihe von Zeichnungen machte, nach Aussage Twomblys bei Nacht und ohne Beleuchtung. Leeman schreibt:

»Indem Twombly im Finstern zeichnete, überließ er die Verantwortung für die Linienführung ausschließlich der Hand. Diese Preisgabe des Auges interpretiert Roland Barthes als ein ›Verlangen der Hand‹: … das Auge, das ist die Vernunft, die Evidenz, die Empirie, die Kontrolle, die Koordination … in gewisser Weise befreit Twombly die Malerei von der Schau … « (das heißt vom Vorstellungsmäßigen, Anm. d. Verf.). Die Zurückdrängung des Auges zu Gunsten der Hand und der spontanen inneren Bewegung ist ein auf­fälliges Phänomen in der modernen Kunst. Es entspricht den Bildern der Kinder, die nicht aus dem Sehen und der Vorstellung, sondern aus der schöpferischen Kraft und Bewegung der Glieder entstehen.Um noch einmal auf Rosalies Bilder zurückzukommen. Wir haben es hier mit dem Sichtbarwerden von ätherischen Kräften zu tun, wie sie sich in den Strudeln und Wellen des Wassers, in der Luft, im Wachsenden, Sprießenden und Sprossenden alles Lebendigen offenbaren. Aber auch in altem Holz, in Stein, in Knochen und Muskeln, in allem Festgewordenen, kann man oft noch das Fließende, Wellende, Wirbelnde erkennen, aus dessen Kraft es entstanden ist.

Zur Autorin: Christiane von Königslöw, Porträtphotographin und Waldorfkindergärtnerin, baute ab 1980 die Tagesgruppe im Waldorfkindergarten Dortmund auf, gründete und leitete von 1990 bis 2005 einen privaten Kindergarten.

Literatur: Barbara Nierhoff-Wielk: Das Wunder beim Schopfe packen – Anmerkungen zum informellen Werk von K.O. Götz. In: Karl Otto Götz: In Erwartung blitzschneller Wunder, Berlin 2010 | Richard Leeman: Cy Twombly. Malen – Zeichnen – Schreiben, Paris 2004 | Werner Schmalenbach: Emil Schumacher, Dortmund 1992; | Christiane von Königslöw: Der Engel – das bin ich, Stuttgart 2006

Hinweis: Am Institut für Waldorfpädagogik Witten/Annen findet bis zum 18. Februar 2013 die Ausstellung »Wenn kleine Kinder kritzeln ...« statt.

Kommentare

Reinhold Metz, 25.01.15 14:01

Mich würde sehr auch die Antwort auf die Frage interessieren, warum sollen/müssen/dürfen (kleine) Kinder überhaupt malen? Um rhythmisches zu offenbaren? Um Erwachsene zu erfreuen? Aus Spaß an der Freude?

Falls ja und es gar keine tiefgründigeren Antworten gibt, als Anregung der Fund beispielhafter Bilder auf www.flickr.com/photos/emmibeecreative
Beispielhaft, weil unter anderem mit dem Medium Wachs auf Holzplatten gemalt wurde - kein Warten, bis die Farbe getrocknet ist, kein knickempfindlicher Malgrund, also beste Voraussetzungen rhythmischen Malens!

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