Fußball unser

Von Michael Birnthaler, Juni 2013

Warum der Fußball die Gemüter erhitzt und das Fußballverbot an Waldorfschulen eine Ente ist. Ein Kommentar.

Kinder lieben das Fußballspiel – vor allem Jungs. Es ihnen zu verbieten wäre weltfremd. Foto: © Charlotte Fischer.

Nichts hat je so viel Identität gestiftet wie das Fußballspiel. Wenn im nächsten Sommer die Weltmeisterschaften angepfiffen werden, wird dies die halbe Menschheit in den Bann ziehen. Fußball ist die Religion von Abermillionen: Fußball unser, gib uns unser tägliches Tor … Er versorgt die Massen mit Brot, Spielen und Skandalen, die der gesellschaftliche Seelenmagen genüsslich verdaut. Der größte Irrtum der Moderne und ihres linken Flügels besteht perfider Weise in der These: »Religion ist Opium für das Volk«. Hätte Karl Marx auch nur ein paar Jahrzehnte später gelebt, hätte er höchstwahrscheinlich formuliert: »Das Opium für das Volk ist der nationale Fußball!« (Kistner 2012).

Die beurlaubten Götter

Keiner anderen Angelegenheit rund um den Globus wird mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Eine Papstwahl ist heute vergleichsweise so attraktiv wie ein gewöhnliches Länderspiel. An einem normalen Sonntag werden deutsche Gotteshäuser von vier Millionen Gläubigen besucht. Am Sonntagnachmittag dagegen versammeln sich in Deutschland andächtig sechs Millionen Fußballspieler auf dem geheiligten Rasen.

Die Götter sind von der Kirche ins Stadion umgezogen.

Vor allem junge Menschen tauschen abtrünnig das Gebetbuch gegen eine Vereinsbibel ein. Fast jeder fünfte Zwölfjährige in Deutschland will Profifußballer werden. Dann kommt lange nichts mehr. Immerhin: jeder 35. will Lehrer werden, Pfarrer will dagegen kaum mehr jemand werden (de.statista.com) Kein Wunder, dass dann die rund 300 Profis in Deutschland angebetet werden wie vom Olymp beurlaubte Götter.

Doch während der Papst stets päpstlicher sein will als der (letzte) Papst, reklamiert er die Unfehlbarkeit für sich. Die Fußballpäpste dagegen die Fehlbarkeit: Je fehlbarer sie sind, desto mehr Skandale gibt es. Und je mehr Skandale es gibt, desto größer die Fangemeinde. Und je größer der Fanblock, desto voller der Klingelbeutel des Clubs. Und um so mehr Brot und Spiele gibt es für die Medien und – desto mehr Opium für das Volk.

Ein Reservat der Macho- und Chauvi-Kultur?

Nirgends gibt es mehr Gewalt als im Dunstkreis des Fußballs. Extreme Fußballfans, Hooligans und Ultras gelten als die gewalttätigste menschliche Spezies. In keinem anderen Metier werden Homophile mehr gebrandmarkt als im Fußball. Der österreichische Nationaltrainer: »Ich weiß, dass es in meiner Mannschaft keine Homosexuellen gibt. Ich erkenne einen Schwulen innerhalb von zehn Minuten, und ich möchte sie nicht in meinem Team haben« (chilli.cc).

In keiner Szene tummeln sich so viele Neonazis und Rassisten wie unter Fußballern. Wer als Schwarzer in einem deutschen Stadion spielen will, muss damit rechnen, dass die Fußballgemeinde mit Bananen nach ihm wirft, ihn als »Drecksnigger« beschimpft und lauthals mit Affengeräuschen demütigt (Sülzle 2011). Fußball – das letzte Reservat einer pöbelnden Macho- und Chauvi-Kultur? In keinem anderen Milieu ist der Sumpf an mafioser Kriminalität größer als im Fußballgeschäft (fussball.de). Ein Fußballpapst wie Uli Hoeneß ist nur einer der ungezählten Fehlbaren.

Vom Credo des Fußballverbots

Da fehlt nur noch eine als nahezu unfehlbar geltende, jedoch abstiegsgefährdete, aber sonst eher leise tretende spirituelle Bewegung, die dem Fußball partout ans Schienbein treten will. Ihr Credo ist, dass das Fußballspiel von ihrem Begründer »aus menschenkundlichen Gründen« indiziert wurde. Seitdem fürchten sie den Fußball wie der Teufel das Weihwasser. Wie narkotisiert hat dann diese Bewegung an ihren Hunderten von Schulen ein inoffizielles Fußballverbot verhängt. Seit Generationen wird dieser Gruppierung von Zeitgeisterfahrern dafür in der Öffentlichkeit die rote Karte für »Abseits« gezeigt, wird sie in der Politik als weltfremd verhöhnt und in der Wissenschaft als mystisch belächelt. »Das Leben ist keine Waldorfschule!« macht selbst unter eigenen Schülern und Anhängern längst die Runde.

Tragikomischerweise basiert das Fußballverbot dieser Wagenburg jedoch auch auf einem fatalen Irrtum.

Denn der Inaugurator dieser Bewegung hat niemals ein Fußballverbot ausgesprochen. Das mysteriöse Fußballverbot des Spiritus Rector dieser Weltorganisation hat sich entpuppt als Ente aus der Gerüchteküche in der Aufbauzeit dieser Bewegung. Statt eines Fußballverbotes soll der Begründer dieser Bewegung sogar Gegenteiliges im Sinn gehabt haben. »Er [dieser Sport, M.B.] hat nur einen Wert, weil er eben eine beliebte Mode ist, und man soll durchaus das Kind nicht zum Weltfremdling machen und es von allen Moden ausschließen.«

Doch auch Gerüchte wirken in bestimmten Zusammenhängen anscheinend wie Opium.

Zum Autor: Dr. Michael Birnthaler ist Leiter des EOS-Instituts (www.eos-ep.de)

Literatur:

Thomas Kistner: Fifa-Mafia: Die schmutzigen Geschäfte mit dem Weltfußball, München 2012 | Almut Sülzle: Fußball, Frauen, Männlichkeiten: Eine ethnographische Studie im Fanblock, Frankfurt am Main 2011 | Michael Birnthaler: Eigentore in Sachen Fußball? In: »Erziehungskunst«, 3/1997 | Rudolf Steiner: Die Kunst des Erziehens aus dem Erfassen der Menschenwesenheit: Sieben Vorträge, gehalten in Torquay vom 12. bis 19. August 1924 und eine Fragenbeantwortung vom 20. August 1924, GA 311, Dornach 1989 u.ö.

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