Gabe und Fluch – hochsensible Kinder

Von Henning Köhler, April 2014

Eine nicht zu unterschätzende pädagogische Herausforderung stellen die sogenannten hochsensiblen Kinder dar. Hochsensibilität ist noch weitgehend unerforscht. Sie als Krankheit oder psychische Störung zu deuten, lehnen alle Fachleute ab. Trotzdem kann therapeutische Hilfe erforderlich sein, denn Hochsensibilität birgt zwar große Potenziale, wird jedoch oft verkannt oder pädagogisch zu wenig berücksichtigt. Kühnen Schätzungen zufolge sollen rund zwanzig Prozent aller Menschen mehr oder weniger von Hochsensibilität betroffen sein.

Die zuerst 1997 von der US-amerikanischen Psychologin Elaine N. Aron detailliert beschriebene Symptomatik weist Ähnlichkeiten zum sogenannten ADHS und zum Asperger-Syndrom auf, entspricht aber auch in vieler Hinsicht dem Bild, das spirituell orientierte Autoren von »Indigo-Kindern« oder »Sternkindern« zeichnen. Ferner vermutet man einen Zusammenhang mit Hochbegabung und Synästhesie.

Einige häufig zu beobachtende Symptome sind eine subtile, detailreiche Wahrnehmung bei gleichzeitiger Schwierigkeit, sich gegen Reizflut abzuschirmen, eine lebhafte Phantasie, die Fähigkeit zu komplexen Gedankengängen und ein ausgeprägtes Interesse an Spirituellem.

Die Betroffenen sind beim Zusammensein mit vielen Menschen überfordert. Sie empfinden intensiv die Stimmungen anderer Menschen mit und kompensieren dies durch eine starke Introvertiertheit. Sie neigen zu Überinterpretationen des Verhaltens anderer Menschen und reagieren unverhältnismäßig. Ihre Berührungs- oder Schmerzempfindlichkeit ist erhöht. Bei Leistungsdruck und Zeitknappheit treten rasch Stressreaktionen auf. Sie sind schreckhaft, auch bei konfrontativer Ansprache. Hochsensible haben ein starkes Bedürfnis nach Rückzug und Ruhe. Bei Schlafmangel, Hunger und Durst besteht geringe Belastungstoleranz. Sie leiden unter Versagensängsten aus Sorge, den eigenen (oft hochgeschraubten) Erwartungen nicht zu genügen, und leiden unter einer an Zwanghaftigkeit grenzenden Akribie. Generell haben sie Angst vor Veränderungen. Starke Gerüche, hoher Lärmpegel, flackerndes Licht oder kratzende Kleidung und Ähnliches lösen Panikgefühle aus.

Was kann aus anthroposophischer Sicht zu einem vertieften Verständnis dieser Wesensverfassung beitragen? Es handelt sich bei Hochsensibilität nicht um ein Defizit, sondern um eine Gabe – die allerdings auch zum Fluch werden kann. Waldorfschulen sollten für diese Kinder ein »salutogenes Milieu« bieten. Wer hat Interesse, zusammen mit dem Janusz-Korczak-Institut eine Fachtagung »Hochsensibilität« zu planen?

Literatur: Elaine N. Aron: Das hochsensible Kind, München 2008; dies.: Sind Sie hochsensibel?, Heidelberg 2007; Siegfried Woitinas: Wer sind die Indigo-Kinder?, Stuttgart 2011; Georg Kühlewind: Sternkinder, Stuttgart 2009; Henning Köhler: War Michel aus Lönneberga aufmerksamkeitsgestört?, Stuttgart 2013

Kommentare

Stefanie Reichelt, Remscheid, 02.04.14 12:04

Lieber Herr Köhler, vielen Dank für den tollen Artikel über hochsensible Kinder, der mich wieder einen Schritt weiter gebracht hat, zu verstehen, was mit meinem Kind (mittlerweile 4 Jahre) los ist. Ich hoffe für mein Kind, dass an diesem Thema weiter gearbeitet wird und es öffentlich gemacht wird. Ich bin über jede Hilfe dankbar und hoffe für andere Mütter/Eltern, dass sie nicht erst 4 Jahre brauchen, um zu verstehen.
Liebe Grüsse Stefanie Reichelt

Christine Schu, 10.04.14 11:04

Danke, dass Sie sich diesem Thema widmen! Gerade die Waldorfeinrichtungen können eine passende Umgebung für betroffene Kinder schaffen und helfen, damit diese Gabe auch als Gabe entwickelt werden kann.
Ergänzend möchte ich noch den Informations- und Forschungsverbundes Hochsensibilität e.V. (IFHS) als möglichen Ansprechpartner und als Informationsquelle erwähnen, hier ein Link zur Website: http://www.hochsensibel.org/

Fylou Heiti, 11.04.14 11:04

Hallo, icb habe ihren Bericht mit großem Interesse gelesen. Ich habe viele Parallelen zu meinem 4jährigen Sohn festgestellt. Durch seine "Auffälligkeiten" wird er im Kindergarten integrativ betreut, da diese auf eine Wahrnehmungsstörung zurückzuführen seien.

Heinz- Joachim Vollmer, 39606 Osterburg, 20.04.14 13:04

Hallo,

Ich galt selbst als hochsensiebel und wurde auch dahingehend erfolglos behandelt. Dan habe ich die Verantwortung für mich selbst ergriffen.

Grundbedingungen sind Orte den sozialen Lernens, in dem ich aber Leute finde, die fähig sind eine bilaterale Intimität zu leben, um die Betroffenen in Augenhöhe zu begegnen und von dort "abholen".

Gruß Jochen

Lea Bernhardt, Lahnau, 20.11.16 18:11

guten Abend. Nach einer regelrechten schultraumatisierung sind wir nun bei der Diagnose hochsensibel gelandet und haben endlich Pädagogen und eine Schule gefunden die diesem Thema wohlwollend sich zuwendet...und dies ist keine waldorfschule. Unserenhochsensible Tochter wurde an der waldorfschule noch relativ positiv gefördert und behandelt; bei unserem hochsensiblen Sohn ging die Katastrophe los. Ein Klassenlehrer der keinen Sinn für hochsensibilität hat; im Gegenteil. Liest man die möglichen Fehler im Umgang ,it hochsensiblen Kindern hat er einfach alles falsch gemacht...wir haben Gespräche mit der Schule geführt. Und waren geschockt über den Mangel an Interesse am Thema. Keine fortbildungsmassnahmen für die Lehrer. Kein einsehen der nötigen Umgangsformen...letztlich ein Armutszeugnis aus menschlicher Sicht, aber noch mehr aus pädagogischer Sicht. Zum Wohle unserer Kinder haben wir die Schule verlassen. Und das war gut so. Nach Monaten kam der Sohn mit Dingen die der Lehrer so veranstaltet hat...unfassbar...und die waldorfschule zeigt kein einsehen...und wir sind nicht die einzigen Eltern dort die betroffen sind. Die Betroffenen wollen nicht "Aufbegehren" aus Angst von der Schule zu fliegen...also leiden die Kinder und die Lehrer bleiben in ihrer Ignoranz...das kann kein Zustand sein...was kann man tun um dieser Schule zu helfen endlich sich diesen Kindern angemessen zuzuwenden? Unsere neue Schule war sofort bereit Gespräche zu führen und sich dem Thema mit der gesamten Lehrer und Elternschaft zuzuwenden. Fortbildungen sind geplant. Es findet Bewegung statt. Die Kinder gedeihen...und es ist keine waldorfschule...traurig!

Franz Teipen, SHA, 01.05.17 01:05

Sehr geehrter Herr Köhler.
Entdecke erst jetzt Ihren Artikel und habe a) als Betroffener und b) als Vater gesteigertes Interesse. Weiß allerdings nicht, was sich seit Veröffentlichung bereits getan hat. Wäre froh, wenn Sie mich kontaktieren mögen.

Freundliche Grüße
F. Teipen

Anja , 20.05.17 00:05

Lieben dank für Ihren Artikel
bei mir in der Familie ist hochsensibel und überdurchschnittlich begabt seit Generationen gegeben . das habe ich mir sehr eiser erarbeiten müssen durch das matyrium meines jüngsten.
schon im Kindergarten sind seine ,, auffälligkeit ,, war genohmen worden und falsch gedeutet . über die schule wo er prügelattaken ausgeliefert war und diesehr alte lehrerin nur zu guckt nicht eingriff überschulwechsel mit sitzen bleiben . so das erst in der 5klasse ein iQ Test gemacht wurde der sehr hoch aus viel dann aber durch sämtliches hilfe system Personal niedergeredet worden ist ... ( Erzieher, sozial Pädagogen, Lehrer, Kinder und Jugend Psychiater, Therapeuten ) es wurden Diagnosen gestellt Medikamente auf gezwungen und alles wieder verworfen . ständig sind wir beschuldigt worden selbst schuld zu sein ... erklärt wurde nichts ... keine Hilfe Stellung in ihrgend einer Form ... ich habe Jahre verbracht zu grübeln , bin nur langsam auf Seiten wie diese gestossen und einfach nur dankbar dafür ... so kann ich heute sagen das was mein Kind erlitten hat seinem Grossen Bruder mir meinem Bruder meiner Mutter ihrem Bruder mein Vater genau das selbe passierte ... das war auch meine grübele .... warum ist das alles gleich ,warum haben wir Probleme mit Menschen ansammlungen ziehen uns eher zurück streiten nicht laut oder oder ... glücklich macht mich das oben ein Vertrag mit der hochsensibel.org auf geführt ist den sie wie diese Seite helfen ungemein ... meinen jungen und mich konnte ich testen wir liegen sehr hoch in der Sensibilität bei meinen Familien Mitgliedern ist mir das leider nicht mehr möglich ,aber vergleichbar aus Erinnerungen von mir ... die Problematik mit der Schule meines sohnes war auch meine wie gesagt als über 30 jahre her bitte bittestoßen sie solche Menschen nicht weg geben sie das nicht an unsere nachfolgenden Generationen weiter , klären sie bitte auf, sie helfen damit weitere Fehler mit dem Umgang solcher Menschen die nichts böses machen verbieten sie nicht das Reden darüber (was auch heute noch passiert) ganz lieben dank an die Menschen die hier geschrieben haben und so viel Mut auf gebracht haben viel Kraft euch.

eine am System fast ganz zerbrochene Mutter und Oma

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