Ganzheitlichkeit

Von Sven Saar, März 2020

Gedanken zu Rudolf Steiners Lehrerkurs von 1919 – der dritte Tag.

Seit der Aufklärung steht das intellektuelle Denken im Zentrum des Bildungsauftrages. Das praktische Tun und das menschliche Fühlen sind dagegen stark in den Hintergrund gerückt. Zunehmend – und zu Unrecht –  werden auch an den Waldorfschulen die künstlerisch-handwerklichen Fächer nur als eine Art Ausgleich zur »eigentlichen« Arbeit gesehen, sozusagen als Entspannungsaktivität, und damit viel zu gering bewertet.

Das Denken bildet nicht den einzigen Zugang zum Leben und stellt nur einen Teil unserer gesamten Seelentätigkeit dar, in die es sich eingliedern muss. Am dritten Tag des Kurses erklärt Rudolf Steiner, dass wir über den Verstand nur dasjenige in der Welt verstehen können, was im Absterben begriffen ist – für das Lebendige brauchen wir ein anderes Bewusstsein. Wir sollen, so wie es Goethe in seinem Faust formuliert, ein Gespür für das entwickeln, »was die Welt im Innersten zusammenhält«. Daher versucht die Waldorfschule, allen Inhalten holistisch zu begegnen. 

Steiner ist natürlich nicht gegen die Vernunft – schließlich ist er Wissenschaftler und Philosoph. Er bezeichnet das lebendige Denken sogar als Kraftquelle für den Menschen und lobt seine erfrischende Wirkung auf die Welt. Hier finden wir einen recht provozierenden Gedanken: Des Menschen ordnendes, aber frei kreatives Denken nutzt der Welt, indem es Zusammenhänge schafft. Es bringt das Licht des Bewusstseins in die sich selbst nicht erkennende Natur und verbindet sich so auf nicht-
invasive Weise mit ihr. 

Im methodischen Vortrag setzt Steiner diese Gedanken konkret um: Er warnt davor, den Schülern im Freien die Natur zu erklären! Draußen sollen sie, so sagt er, der Natur mit Freude begegnen, sie genießen dürfen. Im Klassenzimmer sei dann Zeit und Raum für das begreifende, das analytische Denken: Alles hat seinen Platz. Auch ein Gedicht soll nicht durch Interpretation zerpflückt werden, nachdem man es rezitiert hat. Zunächst schafft der Lehrer Kontext, erklärt zum Beispiel den Hintergrund, die Motivation des Dichters oder die Besonderheiten des Kunstwerks, dann kann es in Ruhe wirken – denn Kontemplation gehört zur Kunst wie das wache Denken zur Wissenschaft.

Ein weiteres konkretes Beispiel ist das Verbinden des Schönen mit dem Nützlichen: Eine Tür soll nicht nur das Auge erfreuen, sondern durch ihr Design zeigen, nach welcher Seite sie aufgeht. An einem Stuhl, so Steiner, soll zum Ausdruck kommen, »wie der Mensch an ihm seine Stütze sucht«. Im Kunsthandwerk treffen Kopf, Herz und Hand harmonisch zusammen: durchdachte Entwürfe, ansprechende Ästhetik und geschicktes Handwerk bilden ein Ganzes.

Denken, Fühlen und der Wille müssen sich immer ergänzen, denn, so Steiner: »Dadurch ergibt sich die Einheit. Nicht dadurch, dass man das eine auslöscht, sondern indem man das eine neben dem anderen entwickelt.« 

Der Wille weist das Kind in die Zukunft. Den Lehrern empfiehlt Steiner, den Kindern diese Perspektive nahezubringen: »Das könnt Ihr jetzt noch nicht verstehen. Aber im kommenden Jahr werde ich euch daran erinnern, dann versteht Ihr es schon besser.« Hier wird dem Kind bewusst, dass es eine Zukunft hat. Das mag sich selbstverständlich anhören, ist es aber nicht, denn es lebt vorwiegend in der Gegenwart, noch bis weit in die Pubertät hinein. Den Willen, der uns im Unbewussten Richtung Zukunft motiviert, gelegentlich ins Licht zu rücken, dient dem gleichen Impuls, der auch das Denken verlebendigen will: der ganzheitlichen Erziehung des Kindes.

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