Angst oder Leben

Von Susanne Speckenbach, Dezember 2020

Kürzlich geschehen: Ein älterer Mann kommt nach dem Tod seiner Frau zu einer Geburtstagseinladung. Die anderen Gäste, alle kennen sich seit vielen Jahren, sitzen bereits zu Tisch. Er grüßt in die Runde, niemand antwortet, alle scheinen intensiv in das Gespräch mit dem Nachbarn vertieft. Er findet einen Platz und beginnt wie die anderen eines von den Brötchen zu essen, die gerade herumgegeben werden.

Gemälde: Almut Prange, Ohne Titel, 2009

Während der nächsten halben Stunde trifft er auf kein an ihn gewendetes Wort, er findet keinen Blickkontakt. – Eine diese Situation begleitende Ärztin beurteilte das Erlebnis in der Geburtstagsrunde so: »Was müssen die für eine Angst vor dem eigenen Tod haben!«

Wie leben eigentlich Menschen, die glauben, dass nach dem Tod alles aus ist? Vermutlich müssten sie sich ablenken und vergnügen, wie die Prinzessinnen, die ihre Schuhe zertanzen, ohne die Folgen auf sich zu beziehen. Müssen sie sich nicht vor allem und jedem fürchten, was ihr Leben verkürzen könnte? Dann könnte man ja ein bisschen verstehen, was manche in den vergangenen Monaten erlebt haben. Ohne diese tief sitzende Angst vor dem eigenen Tod, die Menschen dazu bringen kann, andere auszugrenzen, damit sie ihre eigene Verdrängung beibehalten können, ist wohl kaum verständlich, was in der letzten Zeit zu beobachten ist. Sollte dies der Spaltung zugrunde liegen, die wir in diesem Jahr überall erlebt haben? Schon Norbert Elias beschreibt die Isolation der Sterbenden und die Tabuisierung des Todes mit den entsprechenden Folgen für unsere Gesellschaft.

Eine Neurologie, die jedes seelisch-geistige Geschehen auf materielle Vorgänge zurückführt, steht im krassen Gegensatz zu der Erfahrung der bekannten Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross, die in der Begleitung unzähliger Sterbender zu der Überzeugung kam, dass der Tod nur ein Übergang zu einer anderen Seinsweise ist. – Alles Projektion?

Die andere Seite des Lebens, die wir auch nicht voll überschauen, ist scheinbar planbarer und regulierbarer, mit terminierten Wunschkindern oder entsprechender Abtreibung. Aber auch hier ist doch denkbar, dass ein geistiger Wesenskern schon existiert, bevor wir ein neu geborenes Kind begrüßen. Kann ich da hinspüren und das neu entstehende Leben wahrnehmen oder entzieht sich diese Erkenntnis vollkommen? Was bringt ein Kind mit? Was verbindet es mit seinen Eltern? Warum unterscheidet es sich von seinen Geschwistern? Wieso ist es ein Individuum von Anfang an?

Der Umgang mit alten Menschen, mit Kindern, mit Krankheit, Tod und Geburt hängt intim mit den eigenen Erfahrungen und dem Verständnis von Sterben und Geborenwerden zusammen. Der Blick auf die menschliche Entwicklung, schwierige Lebenssituationen und soziale Herausforderungen werden von meinen Annahmen geprägt. Es kann daher sehr bereichernd und hilfreich sein, sich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen. Wie fassbar ist der Mensch als geistiges Wesen? Sind solche Fragen Privatsache oder sind sie gemeinsam besprechbar? Woher kommen die eigenen Überzeugungen? Folge ich meinen Denkgewohnheiten oder bewege ich Fragen aktiv? Vertieft sich mir dadurch meine Existenz?

Wie gehen wir Eltern und Waldorfpädagogen damit um? Wie stellen wir uns  so ins Leben, dass wir eine Vertiefung unserer Existenz erleben, die uns dem Tod als Fortsetzung des Lebens in neuer Weise entgegengehen lässt – und vermitteln wir dies auch den Kindern, die uns begegnen? Ein Erleben des Menschen als geistiges Wesen prägt ja auch unsere Wahrnehmung der Kinder und damit unsere Sicht auf die Pädagogik.

Tastendes Lauschen statt starres Wissen

Gleich zu Beginn des ersten Lehrerkurses gibt Rudolf Steiner den fortzubildenden Lehrkräften mit auf den Weg, dass Erziehung die Fortsetzung der Tätigkeit sei, die vorgeburtlich höhere Wesenheiten ausgeführt haben, und dass die Erziehung des Willens ins nachtodliche Leben hineinwirke (vgl. Allgemeine Menschenkunde, 1. und 2. Vortrag) – wir also als Erzieher oder Lehrer Engelwirken fortführen. Das ist Aufgabe und Herausforderung zugleich: einen Bezug zum vorgeburtlichen sowie nachtodlichen Raum herzustellen. Wie soll ich das aber bewerkstelligen?

Wie in vielen anderen unklaren Situationen könnte es allein die Haltung sein, die man zu etwas Unbekanntem einnimmt: nur ein tastendes, lauschendes Vorgehen bringt weiter.

Wenn man einem Kind begegnet, kann man sich die Frage stellen: Wer begegnet mir da? Wer will sich hier entwickeln ? Was sind die Hemmnisse für eine Entwicklung des Mitgebrachten? Das sind die eigentlich bedeutenden Fragen, die wir auch mit den Eltern bewegen wollen.

Wären das nicht auch die zentralen Themen für das kollegiale Gespräch in den Konferenzen?

Gelänge es uns, nicht nur individuell, als Elternteil, als Lehrer, sondern auch gemeinsam als Gemeinschaft von Erziehenden, als Schule sich diesen Fragen zu stellen, könnte ein neuer Bewusstseins- und Sozialraum entstehen. Ein Raum, in dem die Angst vor dem Tod, das Nicht-Wissen über das Vorgeburtliche, nicht handlungsunfähig macht, sondern Kraft für eine aktive Auseinandersetzung mit der Welt gibt.

Das Sterben und der Tod gehören zum Leben dazu. Dann könnte man auch auf einer Geburtstagsfeier sagen: »Wie schön, dass du gekommen bist! Letztes Jahr war deine Frau noch mit dabei, in diesem Jahr ist es anders. Wir wollen deine Frau in gutem Gedenken behalten und auf neue Weise in Verbindung mit ihr bleiben.« Das wäre menschlich, nicht wahr?

Zur Autorin: Dr. Susanne Speckenbach war Klassenlehrerin; heute ist sie Mitarbeiterin an einem Forschungsprojekt zur Zukunft der Waldorfpädagogik und in der Lehre an der Freien Hochschule Stuttgart.

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