Geistgeburt

Von Tomáš Zdražil, Dezember 2020

»Die Erleuchtung« wird seit Jahrtausenden als ein zentrales Ereignis der geistigen Entwicklung aufgefasst. Sie tritt nach einer Phase intensiver »innerer Vorbereitung« ein. Eine besonders eindrückliche Darstellung dieser beiden Aspekte und Stufen enthalten die beiden weihnachtlichen Marien-Bilder des Isenheimer Altars von Mathias Grünewald.

Wenn es uns um die Bildung des geistigen Menschen geht, können wir uns nicht auf die Impulse der Natur und der Gesellschaft stützen. Der Mensch ist dabei auf sich selbst, auf eigene Initiative und Selbsterziehung gestellt. Dieser Weg fängt sehr zart und unauffällig an. Alle Erfahrungen, die über die bloße Sinneswahrnehmung hinausgehen, haben geistigen Charakter. Ich denke über die Sinnesempfindungen nach und erfasse dabei die für die Sinne verborgenen ideellen Zusammenhänge der Erscheinungen. Insbesondere da, wo ich Ehrfurcht der Welt gegenüber entwickle, öffne ich mich für die geistige Wirklichkeit.

Ein zentrales Mittel zur Ausbildung des geistigen Menschen ist die Meditation, die mir ermöglicht, Inhalte, die des Sinnlichen entkleidet sind, zu erleben. Ich werde schwanger mit dem Geist. Der geistige Mensch lebt in diesem vorbereitenden Stadium als Keim, als Embryo und muss behutsam gepflegt und auf diese Art ernährt werden. Der zarte geistige Organismus wächst und differenziert sich. Der vom Sinnlichen ungetrübte Geist besitzt eine Lichtqualität, die sich in meinem Innern verbreitet und das um mich liegende Sinnesdunkel durchleuchtet. Die Göttlichkeit der Welt erlausche ich dabei zuerst als geistiges Weltenwort. Die erste geistige Offenbarung der Welt ist indirekt – sie erklingt wie aus einem dunklen Hintergrund heraus – musikalisch. Diese Phase wurde in manchen geistigen Strömungen nicht nur als Vorbereitung, sondern auch als Reinigung (Katharsis) bezeichnet. Der geistige Mensch löst sich aus den Verstrickungen ins Materielle, er wird rein. Grünewald zeigt diesen Zustand im Bilde der schwangeren Maria in Gebetshaltung. Vor ihr steht eine kristallklare Wasserkaraffe und ein Waschbecken. Dunkelheit prägt das Bild. Das Haupt der Maria stellt eine Lichtquelle dar. Es ist mit goldenen Haaren bedeckt und trägt eine Flammenkrone. Maria befindet sich am Rande eines Gehäuses, das auffallend lebendig gestaltet ist, wächst und blüht. Auch Figuren sind ein Teil des Gehäuses, sie sind überwiegend im regen Gespräch miteinander: die Propheten des Alten Testaments, die sich um das zentrale Heils-Geschehen herum versammeln. Auch andere geistige Wesen versammeln sich um Maria und begleiten das Geschehen mit Musik. Selbst eine Teufelsfigur spielt dabei ihren Part. Ist der Mensch im Inneren reif und stark genug, sind seine geistigen Organe ausgebildet, kann er das embryonale vorbereitende Stadium verlassen und der geistigen Welt unverhüllt gegenübertreten – die Geburt des »Geisteskindes« im Menschen kann stattfinden. Eine Erleuchtung tritt ein, denn die Augen des Geistes sind ausgebildet und tun sich bei der Geistgeburt auf. Die Erleuchtung kommt bei Grünewald im Bilde der Gottesmutter nach der Entbindung vor. Ihr wachsendes Geisteskind trägt sie in den Armen. Ihre Umgebung ist voller Licht und Helligkeit. Die Welt des Geistes erscheint hier unverhüllt und verbunden mit der natürlichen Welt – die Landschaft mit Felsen, Pflanzen, Tieren und Menschen geht in die Reiche der geistigen Welt über.

In dieses urbildliche, verheißungsvolle und zukunftsweisende Geschehen der menschlichen Entwicklung können wir uns in der Weihnachtszeit jedes Jahr erneut einleben.

Zum Autor: Dr. Tomáš Zdražil unterrichtet die anthroposophisch-anthropologischen Grundlagen der Waldorfpädagogik an der Freien Hochschule Stuttgart

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