Geistesforscher im Dialog

Von Friederun Christa Karsch, Januar 2014

Wem ist in unserer Zeit gegenwärtig, dass Denken und Gedanken nicht dasselbe sind? Können wir noch richtig, Erkenntnis suchend, denken? Begnügen wir uns nicht oft nur mit Gedanken als bloßen Vorstellungen, fertig Gedachtem, verwechseln folglich eigene Erkenntnisbemühung, den Denkprozess, mit bloßer Kenntnisnahme – und treten gar das Geschäft ganz an den Computer ab? Gilt nicht gerade Anthroposophie deshalb als so anspruchsvollvoll, weil sie ein Gedanken-Weg zum Geiste sein will?

Wer sich auf das mühsame Abenteuer, Denkwege gehen zu lernen, einlassen mag, dem sei dies Buch zur Lektüre empfohlen. Es erlaubt dem Leser die Teilnahme an einem Erkenntnis-Dialog, der sich zwischen den Briefautoren im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts vollzogen hat, und zwar mit nachvollziehbarem Gewinn für beide: für den suchend studierenden Altanthroposophen Spitta ebenso wie für den jungen, auf geistige Unabhängigkeit bedachten Erkenntnissucher Jaensch.

Die 2012 von Spitta initiierte Veröffentlichung dieser Korrespondenz konnte noch mit einem Vorwort von Heinz Zimmermann versehen werden.

Spitta hatte in Jaensch einen ganz selbstständigen Geistesforscher entdeckt. Einen, der von von Hegel ausgehend ein unerbittlich strenges und konsequentes Denktraining betrieb, das er integrativ an der Kategorie des Widerspruchs vollzog. Das verhalf Jaenschzu leibungebundenen, geistrealen Bewusstseins-Erfahrungen: zur Gewissheit seiner Ich-Identität im Weltbezug. Und darüber hinaus zum Geschenk imaginativer Begegnungen mit dem Wesen der Madonna. Als Konsequenz daraus wandte er sich ohne Aufhebens bescheiden der praktischen Arbeit für Mitmensch und Erde zu: Das hieß Esoterik in Exoterik zu leben!

Spittas Anliegen war es, aus seinem Studium der Anthroposophie heraus, Jaenschs Erfahrungen in ihrer Objektivität zu verstehen, zu erhellen und dabei den Erkenntnismut zu würdigen, der als Kraftquelle jenes Strebens erkannt werden muss.

Wer also selber ermutigt werden will und den mühsamen Prozess nicht scheut, das Geistgebiet in sich und der Welt zu erkunden, dem kann die Lektüre, genauer: die Teilnahme an dem vorliegenden Erkenntnisdialog die Gewissheit vermitteln, dass sich ihm, auf diesem Willensweg, Tat-Sachen erschließen, angefangen mit der Einsicht, dass bereits das Denken selber immateriell übersinnlicher Natur ist, mithin Quell der Freiheitserfahrung im tätigen Ich.

Wilfrid Jaensch: Ein moderner Geistesforscher. Aus dem Briefwechsel zwischen Wilfrid Jaensch und Dietrich Spitta, kart., 378 S., EUR 24,–, Verlag Ch. Möllmann, Borchen 2012

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