Generation Porno?

Von Thomas Müller-Tiburtius, Juni 2012

Eines sei vorweg gesagt: Meine pädagogischen Herzensthemen sind andere! Aber nahezu wöchentlich stolpere ich als Lehrer in der Schule über das Thema Pornographie und Sexualität.

Enter oder Exit?

Es ist für einen Lehrer ein Wagnis, sich mit diesem Thema öffentlich zu beschäftigen. Noch ist es ein Tabuthema.

So kommt es darauf an, die richtigen Worte zu suchen und jegliche Scheinheiligkeit zu vermeiden. Am 12. Dezember 2011 lief im Deutschlandradio Kultur eine Sendung mit dem Titel »Nackter Wahnsinn? Die Pornographisierung der Gesellschaft und ihre Folgen«. In dieser Sendung berichtete der Pastor und Sozialarbeiter Bernd Siggelkow aus seiner Arbeit. Siggelkow arbeitet in dem christlichen Kinder- und Jugendzentrum »Arche« in Berlin-Hellersdorf. In dieser trostlosen Plattenbaugegend versucht die »Arche« durch kostenlose Angebote für Kinder und Jugendliche zwischen 2 und 20 der Sinnentleerung und Verwahrlosung entgegen­zuwirken. Siggelkow berichtete, den Mitarbeitern seien merkwürdige Spiele einiger Kinder aufgefallen. Im Treppen­haus spielten fünf Jungen und ein Mädchen angezogen eine »Gangbang«-Szene nach, in der augenscheinlich das Mädchen vergewaltigt wurde. Als Erklärung gaben die Kinder an, sie hätten diese Szene in einem Film gesehen und sie wollten so etwas, wenn sie älter wären, auch ausprobieren.

Sexualisierung macht auch vor Waldorfschulen nicht Halt

Waldorfschulen befinden sich mehrheitlich nicht in sozialen Brennpunkten und insofern ist es unwahrscheinlich, dass eine Waldorfkindergärtnerin oder ein Klassenlehrer mit einem derartigen Nachahmungsspiel konfrontiert wird. Dennoch ist auch an Waldorfschulen eine zunehmende ­Sexualisierung und Pornographisierung zu bemerken. Erstklasseltern berichten immer wieder, dass es von der Einschulung an nur wenige Monate dauere, bis ihre Kinder durch Mitschüler aufgeklärt würden. Je weiter es nach oben geht, desto offenkundiger wird das Phänomen.

Die Gespräche der Schüler lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Auffallend ist hierbei, dass es für die Schüler zunehmend nebensächlich ist, ob der Lehrer oder die Lehrerin in Hörweite ist oder nicht. Mitschüler werden deutlich vernehmbar als männliches oder weibliches Geschlechtsteil bezeichnet. Oder diese Szene: Während Mitschüler an der Tafel die Verköstigung einer Wochenendveranstaltung organisieren, werden von einer Gruppe abseits sitzender Neuntklässler männliche Geschlechtsorgane im Wechsel mit Slogans auf gelbe Merkzettel gemalt und diese Klebezettel zu einem Panorama auf dem Tisch zusammengefügt. Der hinzutretende Lehrer trifft auf eine gutgelaunte Schülerrunde von Jungs und Mädchen, die kein Problem damit hat, dass der Lehrer einen Blick auf ihre Zettel­collage wirft. Stattdessen bittet ein Schüler darum, dieses Tischbild, bevor es entfernt wird, mit der Handy- ­kamera fotographieren zu dürfen. Überhaupt zeigt sich eine beständige Neigung, sexualisierte Zeichnungen auf den Schul­tischen zu hinterlassen. Eine achtzehnjährige Schülerin sprach in diesem Zusammenhang kürzlich von »Table-Art«.

Verrohung der Sprache

Verbal besonders enthemmend scheint das Internet in Form der sozialen Netzwerke wie Facebook zu sein. Dies verdeutlichen Fälle von Mobbing, die Schülerinnen und Schüler betrafen und zur pädagogischen Aufarbeitung der Schule übergeben wurden; hier wurde eine unglaubliche Sprachverrohung sichtbar.

Neben diesen singulären extremen Äußerungen steht der alltägliche Slang, der von den Jugendlichen mit unterschiedlicher Intensität benutzt wird. Schüler bestätigten die Vermutung, dass eine pornographisch durchsetzte Sprache sich anschicke, normal zu werden. Auf der einen Seite betonten sie zwar, dass sie zwischen Schule und Freizeit sowie Lehrern und Mitschülern sprachlich zu unterscheiden wüssten, auf der anderen Seite erklärten sie, dass sie pornographische Formulierungen benutzten, die sie gar nicht mehr als solche erlebten. Diese hätten eine andere Bedeutung gewonnen und insofern bestünde die Gefahr, dass sie diese Formulierungen zwar nicht gegenüber Lehrern, wohl aber in deren Beisein gegenüber Mitschülern benützten. Als Beispiel wurde hier der Ausdruck »Fick dich!« für »Blödmann! Lass mich in Ruhe!« von einer Schülerin angeführt. Diese persönliche Auswahl an Erlebnissen der Pornographisierung des öffentlichen Schulraumes könnte problemlos erweitert und gesteigert werden. Damit nun kein falsches Bild entsteht: Natürlich überwiegt im Unterricht und auch in den Pausen nach wie vor eine angemessene Begegnungskultur, und die Sprache ist nicht beständig pornographisch-derb, sondern angemessen kultiviert. Und dennoch: Es vollzieht sich ein Wandel, den wir nicht länger ignorieren dürfen.

Die Rolle der Musik

Als Quelle und Verstärker dieses Veränderungsprozesses werden in erster Linie die digitalen Medien angesehen. Die Bereiche Musik, Film, Fernsehen und Internet spielen hierbei eine entscheidende Rolle. Insbesondere der Musik kommt eine enorme Bedeutung für die Identitätsfindung im Jugendalter zu. Jugendliche definieren sich erheblich über Musik und Musikgeschmack, und die Palette der Stilrichtungen ist groß. Eine von ihnen ist Rap-Musik, deren Kennzeichen oft eine gehörige Portion Provokation und Härte ist. So verwundert es nicht, dass Ende der 1990er Jahre eine neue Dimension erreicht wurde: der Porno-Rap kam auf. »King Orgasmus One« erklärte sich zum ersten Porno-Rapper Deutschlands, dem weitere Rapper wie Frauenarzt, Sido und Bushido folgten. Die Texte waren zum Teil so drastisch, das Staatsanwälte wegen Verbreitung von Gewaltpornographie einschritten. Inzwischen ist der Porno-Rap aus dem Rampenlicht verschwunden und ehemalige Interpreten wie Bushido haben sich zu anerkannten Mainstream-Pop-Musikern gewandelt. Auch wenn Porno-Rap nur noch für eine Minderheit interessant ist – die verbalen Deichbrüche wirken fort. Neben den Texten spielen auch die Mode und das Verhalten der Musik-Stars für Jugendliche eine enorme Rolle. Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang, dass bekannte Popsängerinnen wie Lady Gaga, Madonna oder Christina Aguilera durch laszive und obszöne Bühneninszenierungen den sogenannten Porno-Chic hoffähig gemacht haben. Unter Porno-Chic werden Bühnenbekleidung und darstellerische Mittel verstanden, die einzelne Attribute der Pornoindustrie bewusst einsetzen. Auch in der Werbung sind vereinzelt Pornoanspielungen festzustellen.

Das Internet als Quelle von Pornographie

Für Jugendliche am bedeutsamsten im Zusammenhang mit Pornographie ist jedoch das Internet, denn hier sind die Darstellungen zu finden, an die sich die zuvor genannten Bereiche anlehnen. Nie zuvor war es leichter, zu jeder Zeit und an nahezu jedem Ort an Pornofilme heranzukommen. Weltweit soll es 400 Millionen pornographische Websites geben. Die bekannteste Internetplattform wurde im August 2006 ins Netz gestellt und dient dem kostenfreien Austausch von pornographischen Videos, wie bei Wikipedia zu lesen ist.

Interessant ist, dass ihre Startseite dem Eingang zu einem verbotenen Garten ähnelt, vor dem kein Wächter steht. Stattdessen steht auf Englisch eine Warnung: »This website contains explicit adult material«. Nur wenn man 18 Jahre alt sei, dürfe man eintreten. Zur Auswahl stehen zwei Schaltflächen auf denen »Enter« und »Exit« steht.

Wie viele Jugendliche täglich durch dieses verbotene Tor gehen, ist schwer zu sagen. Zum allgemeinen Nutzungsverhalten Jugendlicher gibt es jedoch vorsichtige Zahlen. Einer Handreichung für Schule und Sozialarbeit ist folgendes zu entnehmen: »Die Angaben, wie viele Jugendliche ab 13 Jahren Erfahrung mit (Internet-)Pornographie gemacht haben, schwanken stark und liegen zwischen 60 Prozent und 80 Prozent. Generell konsumieren Jungen sehr viel häufiger Pornographie als Mädchen, darin stimmen alle Studien überein. Nur 8 Prozent der Jungen und 1 Prozent der Mädchen nutzen laut Bravo-Dr.-Sommer-Studie 2009 Pornographie regelmäßig.

Anders als Mädchen nutzen Jungen Pornographie häufig im Kreise Gleichaltriger und beziehen ihren Gruppenstatus  auch aus Kenntnissen zum Thema. Mädchen hingegen konsumieren Pornographie weniger im Kreis der Freundinnen oder alleine als im Rahmen einer Partnerschaft. Festzuhalten bleibt, dass Pornographie von Jugendlichen keineswegs alleine oder heimlich konsumiert wird, sondern häufig mit Freunden oder dem Liebespartner. Diese (Gruppen-)Situationen wirken sich auf die Wahrnehmung von und emotionale Reaktion auf Pornographie aus.« Und in dem anfangs genannten Beitrag von Deutschlandradio Kultur hieß es: »So konsumiert einer Hamburger Untersuchung zufolge etwa ein Drittel der 16- bis 19-Jährigen jungen Männer einmal pro Woche Internetpornographie, meistens haben sie in der Pubertät, mit 13 oder 14 Jahren, damit angefangen. Bei Mädchen dagegen kommt regelmäßiger Pornokonsum eher selten vor. Sie ziehen im Allgemeinen erotische Bilder den sexuell expliziteren Pornos vor.«

Trügt der Schein?

Während die zunehmende Pornographisierung der Alltagskultur von Sozialarbeitern und Wissenschaftlern kaum in Frage gestellt wird, fällt die Bewertung dieses Vorgangs in Bezug auf Kinder und Jugendliche sehr unterschiedlich aus. So machte der bereits erwähnte Bernd Siggelkow zusammen mit dem Journalisten Wolfgang Büscher 2008 mit einem Buch auf »Deutschlands sexuelle Tragödie«, so der Titel, aufmerksam. Nach der Betrachtung von einzelnen Fällen kommen die Autoren zu dem Ergebnis, dass Jugendliche nicht nur früher und häufiger Sex haben, sondern zudem mit ständig wechselnden Partnerinnen und Partnern. Sex ersetze zunehmend Liebe und Verbundenheit. Der Begriff »Generation Porno« kam auf, der die in den 1990er Jahren geborenen Kinder des Internetzeitalters meint. Der These von der sexuell verwahrlosten Jugend widerspricht jedoch die Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2010, wonach das »erste Mal« verglichen mit dem Jahr 2006 später vollzogen werde, das heißt, ein zurückhaltenderer Umgang mit der Sexualität festzustellen sei. Ob dies trotz oder wegen der leichten Zugänglichkeit von Pornographie geschieht, ist kaum zu sagen. Beschwichtiger vertreten in der Diskussion die These, dass vor allem die Erwachsenen ein Problem mit Pornographie hätten. Einzelne Sexualforscher gehen sogar soweit, der Pornographie eine zivilisierende Wirkung zuzusprechen, da durch sie Sexualität entdramatisiert werde.

Let’s talk about Porno

Solche widersprüchlichen Aussagen machen es schwer, sich ein Urteil zu bilden und Schlüsse zu ziehen. Rechtlich scheint die Sache klar zu sein: Nach dem Paragraphen 184 des Strafgesetzbuches (§ 184 StGB) darf Pornographie Personen unter 18 Jahren nicht angeboten, überlassen oder zugänglich gemacht werden. Aber schon hier beginnt das Dilemma, denn was genau unter Pornographie zu verstehen ist, ist oft, aber nicht immer klar, und die Feststellung bleibt im Zweifelsfall der Rechtsprechung überlassen; ein gesamtgesellschaft­licher Konsens besteht nicht.

Wie schwer Grenzziehungen sind, verdeutlicht die Gegenwartskunst. So wurde weder Jeff Koons Portraitreihe »Made in Heaven« noch Charlotte Roches Roman »Feuchtgebiete« einhellig als Pornographie eingestuft. Zudem erweist sich das juristische Schwert in der Internetwelt, deren höchstes Gut grenzenlose Zugriffs-Freiheit ist, als stumpf. Pornographie wird in dem privaten Rückzugsraum konsumiert, den Jugendliche sich suchen. Darauf haben Lehrer gar keinen Einfluss, und der der Eltern nimmt mit zunehmenden Alter ihrer Kinder rapide ab. Zu meinen, dass man den Medienkonsum von Jugendlichen kontrollieren und sie auf diese Weise von Internetpornographie fernhalten könne, halte ich im Zeitalter von Smartphones und Laptops für wenig hilfreich. So muss man also in dem Bereich ansetzen, den man gestalten kann. Zugriff haben wir auf öffentliche Räume, von denen die Schule ein wesentlicher ist, aber auch in der Familie gibt es sie. Wir können zum Beispiel bei der Sprache ansetzen, die wir sprechen und hören (wollen). Das klingt banal, bei genauerer Betrachtung ist es das aber überhaupt nicht. Oft hören Lehrer weg und reagieren nicht, wenn Schüler untereinander unreflektiert mit einer sexualisierten Sprache umgehen. Hier einzuhaken und das Gespräch zu suchen, überrascht die Schüler.

Verblüfft kann man als Lehrer feststellen: Sie sprechen gerne über sich und ihr Jugendlichsein. Ein Reflexions­prozess beginnt, der sowohl Schüler als auch Lehrer weiterbringt. Neben der Sprache gibt es andere Bereiche wie z.B. Schönheitsideale und Geschlechterrollen, über die es sich in diesem Zusammenhang zu sprechen lohnt. Denn trotz der Informationsfülle bietet unsere Gesellschaft kaum

Möglichkeiten für Jugendliche, über sensible Themen des Heranwachsens zu reden. Viele interessante Anregungen und Stundenkonzepte hierzu finden sich in der Hand­reichung »Let’s talk about Porno« von klicksafe.de.

Benutzte und angeführte Quellen:

Deutschland Radio Kultur: Nackter Wahnsinn? Die Pornographisierung der Gesellschaft und ihre Folgen, ein Feature von Ulrike Köppchen vom 12.12.2011, http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/ zeitfragen/1626633/

Let’s talk about Porno. Jugendsexualität, Internet und Pornographie. Arbeitsmaterialien für Schule und Jugendarbeit, hrsg. v. klicksafe.de in Zusammenarbeit mit Landesmedienzentrum Baden Württemberg und pro familia, Landesverband Bayern, 2011

Der Lustfaktor: Sexualisierte Medien – Sexualisierter Alltag? In: tv diskurs. Verantwortung in audiovisuellen Medien, Heft 3/2011

Wolfgang Büscher, Bernd Siggelkow: Deutschlands sexuelle Tragödie, München 2009

Kommentare

Klaus Miehling, Freiburg, 19.06.12 13:06

Danke für diesen wichtigen Beitrag!
Bei der Musik wirkt neben den Texten und dem Vorbild der Interpreten jedoch auch der Klang. Das ist beim Thema Porno vielleicht nicht sofort verständlich, aber der aggressive »Beat« kann tatsächlich auch sexuell anregend wirken: »Der Beat ist das Instrument der sexuellen Befreiung. [...] Diese kleinen Mädchen, vierzehn oder fünfzehn Jahre alt, die da unten sitzen und euch zuhören sind noch Jungfrauen, sie kennen Sex nur vom Hörensagen. Aber der Beat beginnt in ihnen zu vibrieren, und irgendwo in ihren Körpern beginnen sie zu verstehen« (Alan Ginsberg).

Man muss auch bedenken, dass im Gehirn durch Musik (wie auch durch anderes) kognitive Schemata aktiviert werden. D.h. wenn man Rap und andere aggressive Musik hört, entsteht automatisch eine gedankliche Verknüpfung zu all dem, mit dem solche Musik normalerweise verbunden ist: Sex, Aggression, Gewalt, Drogen, Kriminalität jeder Art. Um so unverständlicher ist es, dass nur auf die Texte geachtet wird und solche Musik an Schulen – auch an Waldorfschulen! – gehört und sogar praktiziert wird.

Dr. Klaus Miehling, Freiburg

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