»Geprägte Form, die lebend sich entwickelt«. Der physische Leib

Von Stefan Schmidt-Troschke, Februar 2015

Eine unglaubliche Entwicklungsdynamik: Das Neugeborene schaut uns bereits nach vierzehn Tagen an, einige Wochen später beginnt das Kind zu greifen und bereits nach einem Jahr steht es auf beiden Beinen und erobert laufend die Welt. Sich den Leib anzueignen ist ein Prozess, der das ganze Leben fortdauert.

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Es ist scheinbar eine Banalität. Alltäglich geschieht sie, mit uns, mit unseren Kindern, mit unseren Eltern: Unser Leib entwickelt sich, verändert sich, wird älter und bleibt doch unser eigener Leib, unverkennbar. Es sind die Zeichen, die wir auch nach vielen Jahren wiedererkennen: Gesichtszüge, Proportionen, Haltung, Farbe, Geruch und Vieles mehr.

Dieses Eigene finden wir bereits nach der Geburt vor und nehmen wahr, wie es sich als das Spezifische erhält und doch weiter verändert: »Geprägte Form, die lebend sich entwickelt«, heißt es bei Goethe. Etwas Veränderliches also, das doch dasselbe bleibt?

Körper oder Leib?

Was hat es auf sich mit diesem Begriff »Leib«? Landläufig sprechen wir davon, einen Leib, einen Körper zu haben. Wenn wir uns zum Beispiel im Tanz oder in starker Aktivität befinden, dann sagen wir, dass wir uns unseres Leibes oder Körpers bemächtigen. Die Aufforderung: »Bewege Deinen Arm« richtet sich an jemanden, der einen Arm besitzt. Auch die »sterblichen Überreste«, von denen nach unserem Tod gesprochen wird, gehören zu jemandem. Offenbar ist es selbstverständlich für uns, dass der Leib und dasjenige Wesen, zu dem der Leib gehört, etwas Verschiedenes sind. Einem »Körper« stellen wir uns gegenüber wie einem Objekt. Im Unterschied zum Körper scheint es beim Leib so zu sein, dass hierbei dasjenige mit eingeschlossen wird, was ein Verhältnis zu sich selber haben kann: Es ist das individuelle Seelische des Menschen. Unmittelbar erfahrbar ist, dass wir dabei etwas materiell Anfassbares vor uns haben. Das, was wir da sehen, fühlen, riechen, empfinden können, nennen wir in unserer Alltagssprache unseren Körper (abgeleitet von lat. corpus). Diesen Körper gibt es auch dann noch, wenn sein Besitzer bereits verstorben ist. Er lässt sich sezieren und in seiner schier unglaublichen Vielfalt und Differenzierung beschreiben. Er ist individuell ausgeprägt und dennoch finden wir anatomisch die gleichen Verhältnisse vor wie bei anderen Menschen. Was aber fehlt dem toten Körper im Unterschied zum lebendigen?

Zunächst einmal fällt uns auf, dass der tote Mensch kalt ist, dass sich seine Atmung nicht mehr bewegt, dass sein Herz still steht. Sein Körper verfällt rasch, nimmt nichts mehr auf und scheidet nichts mehr aus, das Wachstum wird eingestellt. Interessanterweise sprechen wir aber auch dann noch von einem Körper. Wir meinen damit offenbar weniger etwas Dynamisches, sondern beschreiben damit eher die materielle Verfassung unseres Daseins.

Wenn wir vom »Leib« sprechen, dann meinen wir darüber hinaus etwas Bewegliches, in der Zeit Vorhandenes. Rudolf Steiner spricht hier von den sogenannten Lebensprozessen: Atmung, Wärmung, Ernährung, Absonderung, Erhaltung, Wachstum und Reproduktion. Diese Prozesse sind innerhalb eines Organismus aufeinander abgestimmt. Der Leib scheint, also im Unterschied zum »Körper«, noch eine weitere Bestimmung zu haben: Er ist gekennzeichnet durch koordinierte lebendige Prozesse und besitzt über die rein räumliche Dimension auch eine zeitliche Qualität. Der eigentliche menschliche Leib aber – und hier geht Rudolf Steiner noch einen Schritt weiter – sei eigentlich unsichtbar. Dieser »Phantomleib«, so Steiner, sei gleichzusetzen mit einer Art Formorganismus des individuellen menschlichen Leibes. Anders ausgedrückt: Es handelt sich um eine nicht sichtbare Konstellation von Kräften, die die individuelle leibliche Ausprägung des Menschen bewirken. So schwer dies vorzustellen ist, mag es eine Hilfe sein, wenn man sich klar macht, dass es etwas Überzeitliches, Prinzipielles, für jeden Menschen Formtypisches geben muss, während der Mensch seine eigentliche Stofflichkeit ständig verändert: Ein 70-jähriger Mensch hat in seinem Leben bereits zehn Mal seine Stofflichkeit ausgetauscht und ist auch leiblich in Formen wiedererkennbar, die ihn bereits als Säugling ausgemacht haben!

Seele und Leib: Denken, Emotionen, Handeln

Steiner hat darauf hingewiesen, dass wir mit unserer Seele in unserem Leib auf dreifältige Weise unterwegs sind: Es denkt, es fühlt, es handelt etwas in diesem Leib und ergreift als Seele auf spezifische Art Besitz von ihm. Unmittelbar deutlich wird das, wenn wir Angst haben und unser Herz schneller zu schlagen beginnt. Als Menschen können wir dies nicht nur empfinden, sondern auch bewusst beobachten. Wir spüren etwas in unserem Brustraum und können dies auch noch beobachten! Wir können willentlich auf unseren Leib Einfluss nehmen. Wir können ihn zum Beispiel auf eine bestimmte Weise bewegen oder wir können uns entscheiden, ihn einer bestimmten Situation auszusetzen. Hier sind wir mit unserem Willen unterwegs und üben auf unseren Leib direkt einen Einfluss aus. Schließlich kennen wir noch eine dritte Dimension: das Denken, das durch unseren Leib ermöglicht wird. Wir Menschen sind in der Lage, das eigene Denken, unsere Emotionen und unseren Willen selber zu beobachten. Mit unserem Denken, mit unseren Emotionen, mit unseren willentlichen Handlungen ergreifen wir also Besitz von unserem Leib. Wir können studieren, wie Kinder und Jugendliche bis in das Erwachsenenalter hinein damit beschäftigt sind, ihren Leib zu entwickeln und immer wieder neu zu entdecken.

Das Verhältnis, das wir schließlich zu unserem Leib entwickeln, hat grundlegende Bedeutung für die Ausprägung unserer Gesundheit: Welchen Situationen setzen wir unseren Leib aus? Was fügen wir ihm zu? Was flößen wir ihm ein? Wie gehen wir mit unserem Schmerz um? Wie fühlen wir uns und wie regulieren wir unsere Gefühle und Empfindungen? Auf welche Weise wir diese Fragen beantworten, hat etwas damit zu tun, wie wir uns in der Kindheit und Jugend in unseren Leib hineingelebt haben, aber auch damit, welche Entscheidungen wir treffen. Diese treffen wir nicht nur bezogen auf unseren Willen: Wir können auch entscheiden, was und wie wir denken wollen, ja, wir können gelegentlich Entscheidungen auch darüber treffen, was und wie wir fühlen wollen. Wir sind erstaunlicherweise als Teil und zugleich als Hüter unseres Leibes unterwegs. Das, was uns zunächst mit all seinen Prägungen überlassen wird: Als Kinder lernen wir es zu bewohnen, als Eltern helfen wir bei dessen Entwicklung mit, als Erwachsene können wir unseren Leib in der Welt und für die Welt einsetzen.

Zum Autor: Dr. Stefan Schmidt-Troschke, Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, ist Geschäftsführer bei GESUNDHEIT AKTIV – Anthroposophische Heilkunst in Berlin.

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