Gewaltprävention. Schutz der Kinder vor Übergriffen in Kindertageseinrichtungen

Von Birgit Krohmer, September 2021

Für den Gründungsvater der Konflikt- und Friedensforschung Johan Galtung ist strukturelle Gewalt »die vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse.« In der Waldorfpädagogik geht es um die freie Entfaltung des Kindes und die Entwickelung der Individualität. Dennoch gibt es leider auch hier Vorgänge im pädagogischen Alltag, die von Gewalt, Isolation und Herabwürdigung geprägt sind. Woher kommt die Gewalt und wie lässt sich diese erkennen, um sie zu verwandeln? Ein Werkstattbericht aus der pädagogischen Praxis.

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Hinweis: Der Artikel erschien im Sommerheft 2021 der Zeitschrift »Frühe Kindheit«. Das Heft können Sie hier bestellen. Hefte, die älter als ein Jahr sind, stehen in unserem Archiv zum Download für Sie bereit.


Auf kaum einem Gebiet der Pädagogik vollzieht sich ein Wertewandel in so kurzer Zeit so radikal wie in der Pädagogik der frühen Kindheit. Das stellt alle, die am Erziehungsprozess beteiligt sind, vor große individuelle und gemeinschaftliche Herausforderungen. Die leider nach wie vor möglichen Disziplinierungsmaßnahmen gegenüber Kindern in Schulen – Verweise, Abmahnungen, Sitzenbleiben – entfallen in der frühen Kindheit. Welche pädagogischen Handlungsmöglichkeiten gibt es anstelle von Disziplinierungsmaßnahmen?

Auf Grundlage der Waldorfpädagogik ist hier das Vorbild zu nennen. Die Achtung und Wertschätzung von pädagogischen Fachkräften ist in unserer Gesellschaft jedoch nicht selbstverständlich gegeben.

Insofern wird sie den Kindern nicht durchgängig vorgelebt und kann von ihnen dann auch nicht nachgeahmt werden. Besonders prägend sind die Hauptbindungspersonen, die Eltern, aber auch alle anderen Erwachsenen im sozialen Umfeld.

Pädagogische Fachkräfte in der eigenen Gruppe und deren Umgang untereinander sind ein weiteres Erfahrungsfeld für die Kinder. Eine partizipative Gemeinschaft aus Eltern und Pädagogen bietet viele Möglichkeiten für vorbildhaftes Sozialverhalten.

Das gemeinsam aus einer ideellen Quelle inspirierte Handeln ist innerhalb der Familien und der Kollegien in Kindergärten und Schulen vielfältiger, reicher, aber auch anspruchsvoller geworden. Über unterschiedliche Werte, Haltungen, Einstellungen, Grenzen und Regeln muss gesprochen werden und die Übereinstimmung hinsichtlich der waldorf-pädagogischen Ansätze muss immer wieder erneut zwischen Eltern und pädagogischen Fachkräften erworben, errungen und gemeinsam umgesetzt werden.

Gesellschaftliche Herausforderungen führen nicht zwingend zu Gewalt in der Kinderbetreuung. Es gibt jedoch institutionelle Faktoren, die sie begünstigen: Die große Altersspanne unter den Kindern, die lange Betreuungszeit pro Tag, die Gruppengröße, der Mangel an Fachkräften oder nicht ausreichend ausgebildete Mitarbeiter, schwierige räumliche Verhältnisse, z.B. schlechte Geräuschdämmung oder enge Flure, nicht geklärte Verantwortungs- oder Zuständigkeitsbereiche in der Trägerstruktur gehören unter anderem dazu.

Vielleicht ist der Anspruch mancher Eltern besonders hoch, schließlich lassen sie sich diese »besondere« Pädagogik für ihr Kind auch etwas kosten. Die Aufgabe einer selbstverwalteten Einrichtung, gemeinsam für den Betreuungsort der Kinder einzustehen, muss vermehrt von den pädagogischen Fachkräften vermittelt werden.

Nicht nur das Bild der Familien und Kinder, auch die Erwartungen an pädagogische Institutionen ändern sich. Diese sind in ihrer Dynamik komplex und überfordern oft den Einzelnen und in der Folge auch den sozialen Zusammenhang. Dazu einige Gesichtspunkte.

Sprechen und Handeln

Im Zentrum der Waldorfpädagogik der frühen Kindheit steht das »tätige Vorbild«. Die Welt erschließt sich für das Kind aus sinnvollen Abläufen, die sinnlich erlebbar sind. Es entdeckt die Welt aus eigener Motivation durch seine Wahrnehmung und entsprechend seiner kognitiven Reife. Deswegen helfen ihm auch keine Erklärungen, die lediglich die Sicht der Erwachsenen erläutern.

Den Grundsatz »keine intellektuelle Ansprache« kennen alle pädagogischen Fachkräfte. Das heißt jedoch nicht, dass mit den Kindern nicht gesprochen oder auf ihre Fragen nicht eingegangen werden soll.

Mit überlasteten Kleinkindern zu diskutieren, ist sinnlos. Aber ruhig und klar zu informieren und Angekündigtes auch umzusetzen, gibt den Worten erst ihren Sinn. Konsequenz im Reden und Tun strukturiert die Kind-Erwachsenen-Beziehung, weil die Handlungen in Wort und Tat als folge-richtig erlebt werden.

Im besten Fall entsteht eine Beziehungshygiene, die Gewalt vorbeugt.

Vorbild und Kollegialität

Wie werden wir gute Vorbilder für die Kinder und was können wir tun, dass unsere eigene, nicht aufgearbeitete Kindheit auf unser Verhalten abfärbt?

Den Mund nach dem Gebrauch von Schimpfwörtern oder Fäkalsprache mit Seife auszuwaschen, oder das Kind mit Beziehungsabbruch zu bestrafen, ist ganz gewiss keine Option.

Ein Satz unter Kollegen wie: »Das verstehe ich, da konntest Du gar nicht anders ...« ist möglicherweise nur ein billiger Betrug. Vielleicht verbirgt sich dahinter: »Lass mich mit Deinen Problemen in Ruhe, ich habe genug eigene ...« Oder man findet sich aus Not in gegenseitiger Verdrängung von Missständen zusammen: »Du schaust dann bei mir auch nicht so genau hin ...« Aus einer destruktiven Dynamik auszusteigen, erfordert den Mut, sich selbst anzuschauen und die Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Der Selbsterkenntnis sollte die Aufarbeitung folgen, um dann einen freieren Blick zu haben. Wichtig ist das Bemühen, aus dem pädagogischen Ideal und nicht nur aus der eigenen Prägung zu handeln.

Der Auftrag, Kinder zu schützen, gebietet, Übergriffe anzusprechen. Wer über sie hinwegsieht, handelt nicht nur den Kindern gegenüber unrecht, sondern auch unkollegial, weil er eine mögliche Entwicklungschance vertut.

Jeder Hinweis kann Hilfe auf dem Weg der Selbsterziehung sein. Als Prävention können beispielsweise folgende Verhaltensweisen von Erwachsenen thematisiert werden: Beschämung und Entwürdigung durch autoritäres Auftreten, ständiges Vergleichen mit Anderen, Bevorzugung von Lieblingskindern, Diskriminierung aufgrund körperlicher Veranlagungen, Zwang zum Essen, Zerren und Schubsen bei nicht kooperativem Verhalten, Fixieren mit dem Lätzchen beim Essen oder mit der Zudecke beim Schlafen, Ignorieren von Übergriffen unter Kindern, Kinder vor die Türe stellen oder alleine in die Garderobe setzen.

Selbsterkenntnis durch Biographiearbeit

Auch im waldorfpädagogischen Umfeld gibt es Verhaltensweisen, die heute nicht mehr akzeptabel oder nicht gesetzeskonform sind und persönlich oder gemeinsam nicht aufgearbeitet wurden.

Die Waldorfpädagogik entwickelt sich zusammen mit der sie umgebenden Gesellschaft. Zum Glück ist die körperliche Züchtigung von Kindern inzwischen verboten, aber es gibt noch Erwachsene, die eine solche Erziehung selbst erleiden mussten. Hinzu kommen auch von Pädagogen selbst erlittene oder miterlebte Methoden der »schwarzen Pädagogik«, wie Isolation, Separieren oder Bloßstellen auf dem stillen Stuhl, Timeout usw. So gilt es, vielleicht auch manchen »guten Tipp« aus der eigenen Ausbildungs- und Praktikumszeit zu hinterfragen und gegebenenfalls aus dem Handlungsrepertoire zu streichen.

Die eigene, nicht aufgearbeitete biographische Vergangenheit wirkt nach und so kann Gewalt zu Gewalt führen. Die Pädagogin Anke Elisabeth Ballman sagt dazu: »Wenn Erzieher*innen Biographiearbeit machen, können sie so manche schwierige Klippe umschiffen, die sie bisher in die direkte Kollision gehen ließ. Sie lernen, nicht nur sich selbst besser zu verstehen, sondern auch die Kinder und Familien, mit denen sie täglich zu tun haben. Die beiden Zauberworte dabei sind empathischer Perspektivwechsel im Innen wie im Außen.

Im Idealfall findet eine solche Lern- und Lebensanalyse zu Beginn jeder Ausbildung statt. Auf diese Weise räumen angehende Pädagog*innen zunächst ihr Leben und sich selbst auf, bevor sie mit Kindern und ihren Familien arbeiten. Es geht darum, sich selbst zu verstehen, um in der Folge die Tür zum Verständnis für andere zu öffnen. Es geht um das Aufarbeiten von persönlichen Erfahrungen, um Haltungen und Einstellungen. Es geht um die Akzeptanz von Unterschieden, um die Analyse von Beziehungsmustern und das Erkennen von Prägungen.

In einem erziehenden Beruf sollte es, wie bei Therapeuten, eine Verpflichtung geben, sich selbst anzuschauen, bevor andere angeschaut werden können.« Manches wird erst im höheren Lebensalter erinnert und auch erst dann bearbeitbar, was bedeutet, dass die Arbeit an der eigenen Biographie nicht ausschließlich in der Ausbildung, sondern auch über die gesamte berufliche Laufbahn zu leisten ist.

Festhalten, halten oder Halt geben?

Eine klassische Frage aus der Praxis: Ist Festhalten ein Bestandteil der Waldorfpädagogik Die Festhalt-therapie wurde von der Psychologin Jirina Prekop für autistische Kinder entwickelt. Sie ist eine eigenständige Therapie und bedarf einer Ausbildung. Sie ist kein Bestandteil der Waldorfpädagogik. Vielmehr kann man sich die Frage stellen: Gibt es im pädagogischen Alltag überhaupt Situationen, in welchen Kinder festgehalten werden müssen?

Wenn ja, kann es nur in außerordentlichen und einmaligen Notsituationen geschehen, die den Eltern umgehend kommuniziert werden müssen. Eine »Übereinkunft im Team«, ein strampelndes, sich wehrendes, beißendes Kind regelmäßig auf dem Schoß festzuhalten, kann es im Sinne des Kinderschutzes nicht geben. Wenn der Alltag solche Maßnahmen erforderlich macht, müssen andere Lösungen gefunden werden. Wichtig ist es, zwischen der Ausnahme im Notfall und gewohnheitsmäßigem Handeln zu unterscheiden, das dann ja auch von Kindern als normal wahrgenommen wird. Was können wir in schwierigen Situationen selbst tun? Vor allem immer wieder neu prüfen, was wirklich not-wendig, not-wendend ist! Klar ist, dass Kinder festgehalten werden müssen, um sie vor Schaden zu bewahren, z.B. bei Rot über eine Ampel zu gehen, zur Vermeidung eines Sturzes oder, um Schaden von anderen Kindern abzuwenden oder wenn die Gefahr besteht, dass sie sich selbst verletzen. Die seelische Anspannung bei Erwachsenen kann sich jedoch auch in Situationen ohne tatsächliche Gefahr unbewusst und unmittelbar auf deren eigenen Muskeltonus übertragen. Dann wird aus »Halten« ein »Festhalten« oder »Zu-fest-Halten«, was sich konfliktsteigernd auswirkt. Häufige Rechtfertigung ist in der Folge die Abwehr des Kindes, die sich jedoch erst aus dem »Zu-fest-gehalten-Werden« vom Erwachsenen ergibt. Daran wird die Bedeutung der inneren Verfasstheit der Erwachsenen sichtbar.

Tagesrückblick – Ich schaue in den Spiegel

Wer das ändern will, kann im Rückblick versuchen, sein eigenes Handeln zu betrachten. Ein methodisches Instrument dafür ist der »Tagesrückblick«. Schon die möglichst exakte Erinnerung an eine konkrete Situation wirkt. Durch die Bemühung, andere Lösungen im Nachhinein für eine von mir selbst als schwierig bewertete Situation zu ersinnen, übe ich mich darin, Geschmeidigkeit und Beweglichkeit im Hinblick auf andere mögliche Handlungsoptionen zu entwickeln – sozusagen als Prophylaxe. So kann der Tagesrückblick als Glanzstück der Selbsterziehung gelten. Aber nur wenn ich Zeit und Kraft habe, ehrlich in den Spiegel zu schauen und Willens bin, aus dem Vergangenen zu lernen.

Kinderkonferenz – rechtzeitig

Für Kollegien gibt es das Instrument der Kinderkonferenz. Wenn aber ein solches Instrument erst im Konfliktfall als letzte Lösung bemüht wird, kann es seine positive Kraft nicht mehr voll entfalten. So kann aus der besten Absicht zum Schutz des Kindes im Betreuungsvertrag stehen, dass vor einer Kündigung eine »Kinderbesprechung« stattfinden müsse. Diese stünde jedoch, wenn sie erst oder nur dann stattfände, vor allem unter dem Zwang der Rechtfertigung. Ihre Vorteile – ein Kind aus vielen Perspektiven zu sehen, der beratende Spiegel des Kollegiums und die Möglichkeit, Herausforderungen als gemeinsame Schicksalsfragen mit durch die Nacht zu nehmen –  können unter Druck nicht mehr ihre volle Wirksamkeit entfalten.

Fachberatung als Blick von außen

Sind die persönlichen und »internen« Mittel ausgeschöpft, ist eine Weitung des Blicks erforderlich. Die Hospitation durch eine Fachberaterin vermag den Blick auf ungünstige Gewohnheiten oder unbewusste Bereiche zu lenken. Ein Praxisbeispiel: Von einer pädagogischen Fachkraft wird eine zu enge Bindung angestrebt, die Kinder werden auf dem Schoß gehalten, keine andere Kollegin kann gut genug für sie sorgen und es wird seitens des Erwachsenen mehr Nähe gesucht, als es das jeweilige Kind gerade braucht. Im Reflexionsgespräch konnte ein eigener, unerfüllter Kinderwunsch besprochen und die Situation damit bearbeitbar werden. Bei derart intimen Fragen kann es häufig »ein komisches Gefühl im Team« geben, aber es erscheint nicht greifbar genug und erst die Anwesenheit einer externen Beratung ermöglicht das Gespräch darüber. Inhouse-Schulungen oder Konferenzbegleitung können hilfreich sein, um über schwierige Themen konstruktiv ins Gespräch zu kommen.

Die Verhaltensampel

Immer wieder neu aufzugreifen ist die Arbeit mit der »Verhaltensampel«. Rot bedeutet: »Geht gar nicht«, im grünen Bereich ist alles gut und gelb liegt dazwischen, da heißt es, aufpassen. Wo sind die Übergänge? Ist das schon gelb oder noch grün? Diese Frage zu klären, ist spannend innerhalb eines Teams und einer Einrichtung, um sich austauschen, gegenseitig besser kennenzulernen und immer feiner abstimmen zu können. Die Verhaltensampel kann auch als »persönliches Barometer« genutzt werden. »Bin ich hauptsächlich im grünen Bereich und es passiert mir ab und an, dass es gelb wird?« Oder habe ich mich aus Dauerüberlastung in gelb und rot eingerichtet und »das ist ja auch gar nicht anders möglich, bei dem Stress«. Dann besteht die Gefahr, dass das Fehlverhalten aus situativ nachvollziehbaren Gründen gerechtfertigt und irgendwann »normal« wird.

Rot ist rot, auch wenn es niemand gesehen hat und ahnden kann. Es könnte jedoch jedem selbst beim Rückblick eine Warnung sein. In diesem Sinne gilt es, gegenseitig für die Grenzziehung wach zu bleiben und sich zu unterstützen, damit sich die Maßstäbe nicht verselbstständigen – bei Einzelnen, im Team oder im Kollegium. Worte, Schnauben, Blicke oder Gesten können ganz sicher ebenso verletzend sein wie »Handgreiflichkeiten«.

Rahmenbedingungen

Doch der Umgang mit Gewalt ist nicht nur individuell, gemeinschaftlich oder institutionell bedingt. Aufgabe aller Erwachsenen ist es, für bessere Rahmenbedingungen einzutreten und hier liegt eine Aufgabe beim Bund, beim Land, bei der Kommune, beim Träger und auch bei den Eltern. Das umfasst die gesellschaftliche Anerkennung des Berufs bis hin zum Mindestpersonalschlüssel. An den Qualitätsanforderungen dürfen auch die Covid-19-Infektionen und deren Folgen nichts ändern. Opfer sind immer die Kinder. In Not geratene Erwachsene fühlen sich zwar auch als Opfer, dennoch dürfen sie den Druck nicht an die unter ihrem Schutz stehenden Kinder weitergeben. Nelson Mandela sagte nach jahrelangem Erleiden von staatlicher Gewalt zurecht: »Eine Gesellschaft offenbart sich nirgendwo deutlicher als in der Art und Weise, wie sie mit ihren Kindern umgeht. Unser Erfolg muss an Glück und Wohlergehen unserer Kinder gemessen werden, die in einer jeden Gesellschaft zugleich die verwundbarsten Bürger und deren größter Reichtum sind.«

Zur Autorin: Birgit Krohmer ist Waldorferzieherin und Heileurythmistin. Langjährige Tätigkeit an Waldorfschulen und als Fachberaterin im Auftrag der Vereinigung der Waldorf-Kindertageseinrichtungen Baden-Württemberg, Dozentin an Seminaren, Fachschulen und Ausbildungsstätten im In- und Ausland, Vorstand der Vereinigung der Waldorfkindergärten

Literatur: A. E. Ballmann: Seelenprügel, München 2019 | J. Prekop: Ich halte dich fest, damit du frei wirst, München 2008

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