Sport und Bewegung

Heileurythmie. Die Arznei, die immer dabei ist

Ina Eitzenberger
Bild: © Charlotte Fischer

Ein Alleinstellungsmerkmal von Waldorfschulen sind therapeutische Angebote für Kinder und Jugendliche, die sich in einer besonderen körperlichen oder seelischen Situation befinden. Sprachgestaltung, Kunsttherapie und Heileurythmie werden an vielen Waldorfschulen direkt vor Ort und während der Schulzeit angeboten. In diesem Beitrag beschreibt eine Heileurythmistin, wie sie mit Lauten und Bewegungen heilende Prozesse auslöst. Jannik, ein elfjähriger Schüler, kam mit seiner Mutter in meine Praxis. Die Familie war ziemlich ratlos, da ihr Sohn die Schule verweigerte, keinen Kontakt zu Mitschüler:innen pflegte und seine Freizeit im Zimmer am Bildschirm verbrachte.

Bei der Heileurythmie handelt es sich um eine ganzheitliche Bewegungstherapie, deren Bewegungsinhalt aus sprachlich-musikalischen Gesetzmäßigkeiten und Beziehungen besteht. Raumformen und Farben werden dabei miteinbezogen. Eurythmie, aus dem Griechischen entlehnt, könnte man mit wohlklingende Bewegung übersetzen. Darin unterscheidet sich Heileurythmie grundlegend von anderen Therapien: Es werden Laute, Konsonanten und Vokale, verschiedene Rhythmen oder Töne, Intervalle, sowie Takt mit den Armen und den Beinen rhythmisch bewegt und gefühlsmäßig erlebt. Der Gedanke dahinter ist, dass die Bewegung, die der Mensch ausführt, besonders in der Jugendzeit, nicht nur den Körper beweglich macht und stärkt, sondern auch die Seele und den Geist.

Ganzheitlich ist hier wortwörtlich zu verstehen. Das kann jede/r für sich ausprobieren: Wenn man leise ein B mit den Lippen formt, anschließend mit der geöffneten Hand einzelne Finger nacheinander in eine Beugebewegung bringt, das öfters wiederholt und anschließend in einer Bewegungspause nach innen lauscht: Bis zu den Füßen hinunter reagiert der Körper auf diese zarte Bewegung der Finger.

Unser Körper, besonders unser Bindegewebssystem ist so fein auf Beziehungen ausgerichtet, dass bei jeder kleinsten Bewegung der ganze Körper mitklingt. Zum Vergleich: Wir formen unsere Lippen zum M, drehen dann die Hand achtsam nach unten und wieder nach oben, mehrmals wiederholend, und lauschen nun unserer Körperempfindung nach: Wie fühlt sich meine Hand jetzt an? Wo antwortet eine Empfindung in meinem Körper?

Die Laute können mit dem Arm, der Hand, den Fingern, den Beinen oder mit den Füßen bewegt werden und wirken auf unterschiedliche Organsysteme. Dabei verändert sich mein Atem, Wärme entfaltet sich, im Innern fängt es wieder zu strömen an, es können sich Verfestigungen lösen oder ich kann anregend auf bestimmte Körpervorgänge wirken.

So gestaltet sich eine Bewegung zum Heilmittel, das ich überall dabeihabe und auch immer wieder aufgreifen und anwenden kann. Heileurythmie ist gleichzeitig ein bewusster Umgang mit mir, meinem Körper und meinem seelisch-geistigen Entwicklungspotential.

Wer darauf achtet, kann wahrnehmen, dass in ihm alles in Bewegung ist, es herrscht nirgends Stillstand oder Ruhe. Sogar entgegen der Schwerkraft strömen Flüssigkeiten in mir nach oben. Wenn dieses Fließen gestört ist, kann mir der Laut L helfen, alles wieder in die Leichte zu heben: Meine Hände greifen empfindend bis unter die Füße und verwandeln dabei aufstrebend Schwere in Leichte. Auch bei Erschöpfung sind solche Bewegungen mit den Armen kräftigend und aufbauend. So fördert die Lautbewegung L meinen inneren Prozess des Entstehens und Vergehens und regt nicht nur die Lebenskräfte deutlich wahrnehmbar an.

Mit jeder Lautbewegung verbinde ich mich auch mit einer Art kosmischer Kräftebewegung. Beobachte ich die Pflanzen im Frühjahr, wie die grünen Blätter sich langsam entfalten, so kann ich auch in der Natur die Bewegung des Werdens, also des L wahrnehmen, oder zum Beispiel das B in der Knospen- und Hülle-Bildung. Kosmisch angebunden und ernährt werden die Konsonanten durch den Tierkreis und die Vokale durch das Planetensystem.

Hervorgerufen durch den Atemstrom der Bewegung bestimmt die Kraft der Sprache und der Musik unser gesamtes Leben hindurch unser Werden und Sein und darüber hinaus auch die Möglichkeit, unsere wahrnehmende Beziehungsfähigkeit zu uns selbst und zur Welt zu erweitern.

Die Heileurythmie kann man als Entwicklungsbegleiterin verstehen:  Im Lauf seines Lebens durchläuft das Kind viele Etappen, bis es mit sechs oder sieben Jahren in das Schulleben eintritt. Obwohl es sich körperlich deutlich verändert hat und bereit scheint, abstraktes Wissen aufzunehmen, hat sich sein Atmungsrhythmus noch nicht umgestellt. Das kleine Kind atmet eher in einem Verhältnis 1:5 bzw. 1:6, das bedeutet, das Blut muss fünf- bis sechsmal pro Atemzug an der Lunge vorbeipulsieren.

Durch das Verhältnis zwischen Atem und Puls entsteht auch die seelische Reizbarkeit und Empfindungsfähigkeit des Menschen. Je tiefer sich die Atemluft in uns ausweiten, in unserem Organismus verästeln kann, desto größer ist das Erlebnis des eigenen Ich.

Um das neunte Lebensjahr nähert sich das Schulkind dem durchschnittlichen Verhältnis 1:4. In Folge tritt eine Metamorphose des allerersten Ich-Erlebnisses mit oft bedeutendem biographischem Einschnitt im kindlichen Erleben als bleibende Erinnerung auf.

Das Kind verliert seinen natürlichen Zusammenhang mit der es umgebenden Welt und fühlt sich von nun an wie der Welt gegenübergestellt. Das kann auch mit unangenehmen Einsamkeitserlebnissen verbunden sein.

In diesen Phasen kindlicher Entwicklung kann dem zu frühen oder zu späten Erwachen eine Art Entwicklungshilfe geleistet werden: dem einen Kind wird mit aufbauenden Kräften und Bildern ein individueller Raum geboten, dem anderen werden Übungen zum Aufwachen zur Verfügung gestellt. Denn unsere Bewusstseinszustände Wachen, Schlafen und Träumen hängen unmittelbar mit unserem Atmen zusammen.

Wie erging es Jannik in der Therapie? Vor mir stand ein wohlgenährter Junge im T-Shirt trotz Winter, mit gesenktem Blick und zusammengedrückten Lippen. Um den Mund war er sehr blass. Sein Händedruck war schwammig, er hatte einen schlurfenden Gang. Zu seinen Ängsten kamen eine Einschlafstörung und nächtliches Einnässen hinzu. Insgesamt erschien er einerseits zerstreut und andererseits fein wahrnehmend. Wir übten neben den Lauten F (Blasenstärkend), B, P (Hülle bildend), U (seinen Standpunkt findend) und E (den Leib ergreifend), I (Selbstbewusstsein aufbauend), sehr viel Bewegungen mit den Beinen. Er lernte mit den Füssen schreiben, was ihm sehr gut gefiel. Übungen der Körpergeographie bauten die Beziehung zum eigenen Leib auf.

Jannik hatte viel Freude an den rhythmischen Bewegungen und besuchte nach unserer fünften gemeinsamen Stunde wieder eine ganze Woche die Schule. Neben der medikamentösen Begleitung durch den Arzt konnte er über die Heileurythmie die Beziehung zu sich und seiner Umgebung wieder altersentsprechend aufnehmen.

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