Heute schon gecastet?

Von Valentin Hacken, Mai 2013

Castingshows erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit und werden als »Unterhaltung für die Unterschicht« belächelt. Valentin Hacken sieht für die Erziehungskunst die aktuelle Staffel von »Deutschland sucht den Superstar« (DSDS). Er verteidigt das Format, wünscht sich aber mehr Glamour.

Schafft er es? Der Mädchenschwarm Erwin Kintop in der ersten Motto-Show der aktuellen DSDS-Staffel. Foto: © RTL / Stefan Gregorowius

Wer wird der nächste Superstar Deutschlands? Es wird in jedem Fall ein »fighter«, denn nur die – reim dich! – »kommen weiter«. Es spricht Dieter Bohlen, er ist wieder da und es läuft die zehnte Staffel von »Deutschland sucht den Superstar«. Bewerber gibt es genug. Nach Angaben von RTL hatten sich 35.000 Menschen in diesem Jahr für das Casting beworben.

Dabei gehört es zu den mittlerweile feststehenden Feuilleton-Wahrheiten über Castingshows, dass hier nie Stars gefunden werden und die Gewinner sich kaum länger als ein Jahr halten können, um dann wieder in die Versenkung einzufahren, aus der man sie herausgecastet hat. Schon hieran sieht man, dass Boshaftigkeit beim Reden über Castingshows eine wichtige Rolle spielt. Denn fast alle sind sich einig, dass man es dabei mit Unterschichtenfernsehen zu tun hat: aus der Unterschicht, für die Unterschicht. Paradoxerweise schließt sich meist nahtlos an diese Feststellung eine dritte an, dass nämlich mit den Kandidaten übel umgegangen werde, rüde, böse und gemein. Dann schlagen viele der Kommentatoren gerne selbst noch mal drauf und stehen in ihren Bewertungen denen eines Dieter Bohlen kaum nach. Während die Behauptung, dass die vermeintlichen Stars so schnell wieder vergessen wie gefunden sind, richtig ist – wer kann sich wirklich an die letzten Gewinner von DSDS oder The Voice of Germany erinnern –, sind die anderen fragwürdiger.

Ohne Zweifel besetzen solche Sendungen bestimmte Stereotype: das nette Mädchen von nebenan, den Freak und den Jungen mit der harten Kindheit inklusive schlagendem Vater und depressiver Mutter. Selbstredend drücken sich viele Teilnehmer in den Einspielfilmen nicht immer intelligent aus, lassen sich auch immer wieder in ihre Rollen treiben und erfüllen die von ihnen erwarteten Klischees. Doch wer genau hinschaut, also auch auf das, was die Kamera nur am Rande einfängt – die nicht inszenierten Emotionen –, der kann auch anderes wahrnehmen: Wie sich eine Kandidatin ehrlich begeistert am Auftritt anderer freut und ihrer Nachbarin zeigt, dass sie eine Gänsehaut bekommt, weil die Musik sie gerade so mitnimmt; wie sich zwei Jungs umarmen und kurz mit der Stirn anstupsen, weil der eine weiterkommt, der andere nicht. Das sind echte Gesten von echten Menschen, warm, mit Puls, grundsympathisch, wenn auch im Taumel der Selbstvermarktung nur im Schwenk der Kamera zu sehen, nie in der Totalen. Denn die fängt ein, was die Produktion verlangt: Anpassung an die professionelle Bilderwelt.

Jenseits von Unter- und Oberschicht

Es wird Pop-Größen nachgeeifert und die Sendungen von der Insel Curaçao nähern sich der Mainstream-Optik von Musikvideos, leicht pornographisch, vor allem banal. Die Sendung ist eine Vorstufe zur Produktion eines weiteren synthetischen Events und soll vor allem Geld bringen. Aber Unterschichtenfernsehen? Das scheint sich vor allem dadurch zu definieren, dass die Unterschicht das imaginierte »Andere« des Oberschichten-Feuilletons ist. Also: nicht die Unterschicht sieht diese Sendung, sondern Unterschicht ist, wer diese Sendung schaut, was zeigt, wie unbrauchbar der Begriff ist.

Wer sich partout darüber ärgern will, dass DSDS ein dummes Format ist, sei freundlich darauf hingewiesen, dass RTL und Co. wesentlich idiotischere Sendungen vorhalten als ein Gesangscasting, bei dem junge Menschen ein bisschen viel unbedacht reden dürfen.

Es bleibt der Vorwurf, DSDS gehe unangemessen mit seinen Kandidaten um. In der Tat könnte man, würden sie etwas mehr variieren, mit den Sprüchen von Dieter Bohlen einen Abreißkalender füllen: »Du singst wie ein Schwein«, »Das war richtig große Scheiße« sind ziemlich gängige Bemerkungen und auch die anderen Jurymitglieder können hart sein. Bewertet wird nicht nur der Gesang, sondern auch das Aussehen, der Auftritt, die Person und was im Positiven so klingt: »Du bist ein richtig toller Typ, siehst klasse aus, bist mega sympathisch«, macht im Umkehrschluss natürlich klar, dass man als Kandidat all das in den Augen der Jury nicht ist, wenn man versagt hat.

Ja, es wird inszeniert und bearbeitet, Textfehler und andere Peinlichkeiten werden fünf Mal hintereinander gezeigt, ebenso die Totale auf die weinende Kandidatin und auch der Zusammenbruch ist noch on air. Doch Menschen, die über ihren Ausbildungsberuf oder ihr Studium selbst entscheiden dürfen, denen muss man auch zutrauen, dass sie selbst entscheiden können, ob sie sich einem solchen Fernsehformat stellen wollen. Was sie dort erwartet, ist nach hunderten Sendungen hinlänglich bekannt und unterscheidet sich nicht wesentlich von der Konkurrenz.

Wer sich nun noch Sorgen mag, dass dadurch die Gesellschaft verrohen wird, der verkennt, dass das im Vergleich zu »Ich fick‘ Deine Mutter« als Schulhofspruch harmlos ist und die meisten jugendlichen Zuschauer verstehen, was sie da sehen: »Ist doch eh alles ein fake«. Sie übernehmen nicht mal eben ihre Maßstäbe aus einer Fernsehsendung. Dafür ist immer noch das reale Umfeld, die Menschen, mit denen sie leben, durch die sie sozialisiert werden, entscheidend. Natürlich kann man das Privatfernsehen als Schuldigen ausmachen für Entwicklungen, die einem selbst nicht gefallen: Allein: Das ist eine sehr einfache Entlastungsstrategie.

Definitiv Unterhaltung, definitiv spannend

Die Quoten dieser Staffel von DSDS sind eher schlecht, doch schlechte Quote bedeutet hier immer noch 2,27 Millionen Zuschauer. Davon können etliche andere Sendungen nur träumen. Und es wird definitiv Unterhaltung geboten. Man kann mit den Kandidaten mitfiebern, vom ersten Casting über den sogenannten Recall bis in die Motto-Shows auf großer Bühne – in einzelnen Auftritten, in der Gruppe, im Duett. Ein bisschen kann man die Kandidaten begleiten, wie man bei Freunden zum Vorspiel beim Theater mitgehen würde. Ein bisschen träumen lässt es sich vom Leben als Superstar. Wem all das keine Unterhaltung ist, der kann sich daran erfreuen, dass er nicht zu den hier Vorgeführten gehört und sich an seiner Überlegenheit weiden.

DSDS kann definitiv auch spannend sein. Es sind wirklich sympathische und nette Kandidaten dabei. Wird Bojan in die nächste Runde kommen? Wie wird Nora singen? Wie wird sich wohl die Jury entscheiden? DSDS hat auch echte Dynamik, gute Momente, in denen Kandidaten mit wirklicher Freude und Leidenschaft singen und ganz da sind, um gute Musik zu machen. Doch für diese Momente muss man durch viel drögen Quatsch, viele selbstreferenzielle Interviews mit überforderten Kandidaten und viel ausgeschlachtetes Privatleben in Einspielfilmen über sich ergehen lassen, all das affig-dramatisch präsentiert.

Fehlt uns der Glamour?

Wenn man dem österreichischen Philosophen Robert Pfaller und der Argumentation in seinem Buch »Wofür es sich zu leben lohnt« folgen mag, dann müssen solche Fernsehformate zunehmen in Gesellschaften, welche immer mehr das Feiern verlernen und denen der Glamour fehlt. Genau das könnten wir aber dringend brauchen: echte Feiern und echten Glamour. Kunstlehrerinnen mit Zigarettenspitze, knallsüß-ungesunde Torten, die humorvolle Möglichkeit, uns nicht zu ernst zu nehmen und mit Leichtigkeit spielen zu können. Blumen im Haar, Männer, die verführen dürfen, und Monatsfeiern, die keine Heizdecke für das Herz der Lehrerschaft, sondern rauschende Feste sind.

Solange wir das nicht lernen – und derzeit verlernen wir das als Gesellschaft wie als Schulbewegung zunehmend – bleiben uns Formate wie DSDS als Substitute. Das ist nicht der Untergang aller Kultur, das ist nur nicht ganz so schön und unterhaltsam wie das, was uns als Lustmöglichkeiten zur Verfügung stehen könnte.

Zum Autor: Valentin Hacken, Jahrgang ’91, studiert Rechtswissenschaften in Halle an der Saale und arbeitet als freier Autor. Der langjährige Schülervertreter der WaldorfSV ist Mitglied des Vorstands von »Wechselwirkung – waldorfpädagogisches Austauschprogramm e.V.«

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