Dazwischen postet er Bilder seines Körpers im Internet und freut sich an den Reaktionen, von wem auch immer sie kommen. Ob er noch die gleiche Freude in der Bewegung findet, wegen der er den Schritt in dieses geschlossene System gemacht hat? Hält das Versprechen der großen Karriere, für die er sich so anstrengt?
Mit diesen Fragen bleibt er allein, teilen kann er sie mit niemandem, auch wenn er sie in den Köpfen der anderen Tänzer:innen ebenso vermutet. In Rimas zum Beispiel, mit der er sich schweigend die Waschküche teilt und deren Anwesenheit ihn beschäftigt. Und dann schreibt ihm Luke auf Instagram, ob er ihn malen dürfe. Nackt. Einmal die Woche sitzt er also plötzlich in einer fremden Wohnung, trinkt Chai und lässt seine Gedanken frei…
In kurzen, klaren Kapiteln beschreibt Anne Brockmann Alltagssituationen des jungen Tänzers, dessen Leidenschaft ihn an einen Ort gebracht hat, in dem die Spannung zwischen künstlerischer Entwicklung und den starren Gesetzen einer leistungsorientierten Institution jeden Moment durchzieht. Im Präsenz und mit feiner Präzision entsteht dabei ein einfühlsames, komplexes Bild eines gelebten Widerspruchs. Auf Grundlage einer realen Begegnung mit Tanzschüler:innen reproduziert die Autorin dabei keine gängigen Klischees über die Welt des Balletts, sondern lässt die Lesenden an den Wünschen, Hoffnungen und Herausforderungen der jungen Künstler:innen teilhaben, ohne einfache Antworten oder Auswege zu liefern. Was bedeutet Leidenschaft? Wo sind meine eigenen Grenzen? Was macht mich glücklich? Wo will ich hin? Diese Fragen stellen sich beim Lesen auf berührende wie existentielle Weise. Mit emotionaler Wucht und gleichzeitiger Zartheit legt Barfuß bei Luke die Widersprüchlichkeit des Kunstschaffens offen. Große Empfehlung, egal ob für (junge) Künstler:innen oder das Publikum.
Anne Brockmann: Barfuß bei Luke. 128 Seiten, Verlag Freies Geistesleben, 2026, 18 Euro.
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