Hobeln für die Sinne

Von Reinhold Öxler, Ning Huang, Oktober 2014

Sinnesschulung und Sinnespflege spielt eine große Rolle in der Waldorfpädagogik. Durch die Sinne kann man die Welt wahrnehmen, Erfahrungen über sie sammeln und dadurch das Selbstbewusstsein entwickeln. Zwei Werklehrer zeigen, was Hobeln zur Sinnensentwicklung beitragen kann.

Foto: © Charlotte Fischer

In einer digitalen Welt werden die Sinne der Kinder paradoxerweise einseitig überbeansprucht. Speziell im visuellen und akustischen Bereich sind sie viel zu früh mit nicht altersgemäßen Informationen konfrontiert. Diese Flut an Sekundärerlebnissen führt oft zu einem Suchtverhalten, das sich darin äußert, dass die Kinder gedankliche und körperliche Anstrengung meiden. Unkonzentriertheit, Koordinations- und Aufmerksamkeitsschwächen sind die Folgen. Der handwerkliche Unterricht ist ein wunderbares Gegenmittel gegen diese Art von Willenslähmung.

Denn alle zwölf Sinne werden durch die handwerklich-künstlerische Tätigkeit geübt und geschult, so dass man die Umgebung und die Welt durch den Leib, vor allem durch die Hände, wieder »neu« empfinden und wahrnehmen lernen kann, was hier am Hobeln und Sägen, das zur Schreiner-Epoche der 9. Klasse gehört, dargelegt wird.

Scharf gepeilt

Beim Hobeln der Bretter wird zuerst das rasiermesserscharfe Hobelmesser genau in die Rauhbank eingekeilt. Mit dem Auge über die Hobelsohle gepeilt, muss das Hobeleisen auf Zehntelmillimeter genau eingestellt werden. Hierfür gibt es kein Messwerkzeug, das man als Hilfsmittel verwenden könnte. Der Sehsinn wird zum Tastsinn, der in der Lage ist, auf Zehntelmillimeter genau sehend abzutasten; das Augenmaß wird geschult. Beim Hobeln drückt die linke Hand, die rechte Hand und das rechte Bein schieben und mit Schwung macht das linke Bein einen Schritt nach vorne. Durch den Hobelkasten hindurch spürt der Schüler, ob das Hobelmesser auf die richtige Weise den Hobelspan abnimmt. Er hört es sogar am Ton, der dabei entsteht: je höher der Ton, desto dünner der Span und umgekehrt. Unterbricht der Ton nur kurz und verringert sich der Widerstand, bricht der Hobelspan ab, ist nicht mehr schön durchgehend gelockt.

Man kann mit den Ohren nicht nur hören, sondern auch sehen und tasten. In Anlehnung an einen Vortrag von Rudolf Steiner vom 20. Dezember 1920 über das Wesen des Musikalischen formulierte Klaus Charisius, ehemaliger Werklehrer an der Waldorfschule Uhlandshöhe in Stuttgart, dass dieser Hörsinn so verfeinert werden kann, dass man das Holz beim Bauen eines Instruments hört. Steiner riet den Instrumentbauern, sie sollten erforschen, wie die Bäume mit dem Wässerigen umgingen, dann könnten sie erfahren, welche Hölzer sich ihrem Klangverhalten nach zu bestimmten Instrumenten eigneten.

Arbeiten, dass es nur so dampft

Die Bewegung beim Hobeln schult nicht nur den Bewegungssinn. Das Holzbrett für die Schreiner-Epoche ist fast eineinhalb Meter lang. Voraussetzung ist zunächst das richtige Stehen auf beiden Füßen (Gleichgewichtssinn), die Koordination der Hände und Arme muss vorher richtig angeleitet werden. Denn beim Hobeln ist jeder Muskel in Bewegung. Nur über den Gleichgewichtssinn kommt man zu einem regelmäßigen Rhythmus. Hobeln ist eine schweißtreibende Tätigkeit. Keine Frage, dass auch der Wärmesinn aktiviert wird. Viele Jungs erleben diese

Arbeit als Fitnessstudio: Sie spüren ihre Männlichkeit, ihre Muskelkraft und ihren Muskelkater. In diesem Alter ist das Knochenwachstum dem Muskelwachstum voraus. Dieses »Training« hilft, die Gesetzmäßigkeiten des eigenen Körpers, der Welt, des Werkstoffes und der Werkzeuge zu erfahren und sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Wenn wir uns in der 9. Klasse in längst vergangene Zeiten begeben, wo »richtige Männer« aus ganzen Stämmen mit einer Gattersäge von Hand Bohlen herausgesägt haben, um Häuser, Möbel und Geräte daraus zu bauen, dann ist die Begeisterung der Schüler entfacht. Die Sweatshirts werden ausgezogen, mindestens die Ärmel hochgezogen und die Bretter werden mit der Handsäge besäumt, dass es nur so dampft in der Holzwerkstatt. Dass man in der Lage ist, auf den Zehntelmillimeter genau zu arbeiten, erhöht das Lebensgefühl.

Harzige Kaugummis und adlige Hölzer

Beim Hobeln der Kieferbohlen verbreitet sich ein angenehm herber Harzgeruch in der ganzen Werkstatt. Wenn der Lehrer scheinbar nebenbei einen hauchdünnen Holzspan kaut, wird das von den Schülern registriert und der bittere Geschmack sowie der Widerstand beim Kauen als Herausforderung erlebt.

Wenn der Werklehrer bei der Einführung alte Namen von Werkzeugen und Holz erwähnt, wenn er an alte Verfahren früherer Kulturen anknüpft, dazu den Schülern Dinge in die Hände gibt, sie anfassen, anschauen, riechen und beklopfen lässt, werden diese Begriffe sinnesgetragen neu gebildet. Die Sprache steht in einem realen Bezug zum erlebten Werkstoff.

Das Sprechen wird von sinnvollen, präzisen Gesten begleitet. Zu jedem klassischen Handwerk gehört die »belehrende« Körpersprache, Anweisungen des Lehrmeisters. Im weiteren Fortgang wird das »Abrichten« und das »Von-Dicke-« und »Von Breite-machen« (alte Zunftbegriffe) der Bretter auf Zehntelmillimeter genau gezeigt. Das Holz wird durch das Handwerk geadelt, daher der Adelstitel »von« – dem Handwerker wird die »Handwerkerehre« zu Teil, daher der Titel »Meister«.

Ich hoble, also bin ich

Wenn man eine plane Fläche erhalten will, muss man immer konkav und konvex denken und vorstellen. Bei der Zinkung muss man sich vorausdenkend und nachdenkend mit den Regeln der Holzverbindung auseinandersetzen, um dann den Aufriss exakt und fehlerfrei zeichnen zu können. Nun muss der Schüler seinem Riss (Zeichnung) trauen. Richtige Handhaltung und Standpunkt sind notwendig, um die dreidimensional aufgezeichnete Holzverbindung aussägen zu können.

Bei jedem Sägeschub ist absolute Ich-Präsenz gefordert, beim Zurücksetzen der Säge wird wahrgenommen, ob und auf welche Seite beim nächsten Schub die Feinkorrektur im Handgelenk vorgenommen werden muss. Der Schüler justiert sein Urteil (Handlung in der Gegenwart) rückblickend (Vergangenheit) und vorausblickend (Zukunft) permanent neu.

Der Ich-Sinn ermöglicht ein Verständnis, das auf die Individualität des Gegenübers zielt. Durch die Begeisterung und die körperliche Herausforderung wird wie nebenbei der eigene Wille geschult, der die Jugendlichen weiterarbeiten lässt. Während sie ihre eigene Arbeit und die Arbeit der anderen wahrnehmen oder vom »Meister« korrigiert werden, wird nicht nur der Wille, sondern auch die soziale Kompetenz geschult.

Wenn am Ende der Epoche aus rohen Brettern schöne Möbelstücke geworden sind, dann ist das schon ein besonderes Lebensgefühl, etwas Sinnvolles für das alltägliche Leben hergestellt zu haben.

Für einen selbst und alle anderen, die dabei mitgewirkt haben, ist es ein objektives Erlebnis, das für jeden zu begreifen und zu beurteilen ist.

Zu den Autoren: Reinhold Öxler ist Werklehrer an der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe in Stuttgart und Mitglied des Arbeitskreises der Werklehrer im Bund der Freien Waldorfschulen.

Ning Huang ist an der Merz-Schule Stuttgart und an der Universität Hohenheim tätig. Sie absolviert zur Zeit eine Weiterbildung für »Holzbildhauerei und Plastizieren« bei Reinhold Öxler.

Literatur:

Peter Loebell: Die Sinne und das Ich des Menschen, in: Serie »Sinne«, – Erziehungskunst 1/2012; Klaus Charisius: Auf dem Holzweg; in: Martin, Michael (Hg.): »Der künstlerisch-handwerkliche Unterricht in der Waldorfschule«, Stuttgart 1991; Ernst-Michael Kranich: Der innere Mensch und sein Leib, Stuttgart 2003; Ernst Bühler: Wie verwandeln sich das Spiel und die Lernprozesse der frühen Kindheit in Freude zur Arbeit; in: M. Martin (Hg.): ebd.

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