Hören lernen

Von Stephan Ronner, April 2010

Diese Stimme macht aufmerksam: Nicht ausbilden sollt ihr, sondern einhören! – Einhören? Bei all dem angesagten pädagogischen Aktionismus unserer Tage erscheint »Einhören« als eine Gegenbewegung, die empathisch das Ohr an die eigentliche Aufgabestellung legt. Mit »Hörwege entdecken« liegt ein Kompendium vor, das uns an ein menschliches Urbedürfnis heranführt. Das Öffnen der Ohren ist ein vielstufiger Vorgang und Grundvoraussetzung jeder zwischenmenschlichen Beziehung. Dabei spielt die Erkenntnis des Zusammenhangs von Hör- und Bewegungserziehung eine entscheidende Rolle. Reinhild Brass führt uns in ihrem Buch schrittweise durch die ersten acht Schuljahre und lässt uns an ihrer audiopädischen Praxis teilhaben. Dabei werden alle Register sogenannter Lausch-, Klang- und Bewegungsspiele gezogen, von ganz elementaren bis zu hochkomplexen Vorgängen und Spielverläufen. Erst wenn man sich konkret hineinbegibt, merkt man, wie sparsam die Vorgaben sind, wie behutsam und folgerichtig die Fortschritte sich ausnehmen. Jede Übungsbeschreibung kann als Anstoß verstanden werden, in ähnlicher Richtung etwas ganz eigenes zu entdecken und praktisch durchzuführen. Das vorliegende Buch sollte einen Sinneswandel in großem Stil einleiten. Pioniere hat es durch das ganze 20. Jahrhundert hindurch immer wieder gegeben. So zum Beispiel den zu Beginn des Buches zitierten, mottogebenden Julius Knierim (1919 – 1999): »Nicht ausbilden sollt ihr, sondern einhören!« als auch den abschließend zitierten Daniel Barenboim: »Die Schulung des Ohres ist vielleicht wichtiger, als wir es uns vorzustellen vermögen, und zwar nicht nur für die Entwicklung des Einzelnen, sondern auch für das Funktionieren von Gesellschaften und Staaten.«

Reinhild Brass: Hörwege entdecken. Musikunterricht als Audiopädie. 237 S. mit zahlreichen Notenbeispielen und Abb., EUR 26,–. edition zwischentöne, Weilheim/Teck 2010

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