Ich-Atmung

Von Wolf-Ulrich Klünker, Januar 2021

Corona ist nicht so sehr die Krankheit von Organen, sondern eher eine Krankheit der Atmung, des Atmens und der Luft. Im Luftprozess der Atmung verbinden sich in jedem Moment Außenwelt und Innenwelt. Ich atme das mir zunächst Äußere ein, und das mir zunächst Innere atme ich aus. Zentrum und Peripherie befinden sich in einem dauernden Wechselprozess, tauschen sich fortwährend aus.

Aus diesem Prozess entsteht beim Menschen und beim Tier Leben. Nach der Geburt bildet die Atmung die Grundlage für die Entwicklung des lebendigen Organismus. Im Atem ist die Luft auch die Grundlage des seelischen Erlebens und des empfindenden Bewusstseins. Leib und Seele verbinden sich in der Atmung zu einem Luftorganismus, der beim Menschen durch Biografie und persönliche »Eigenheiten« in hohem Maße individualisiert ist. Entsprechend individuell und persönlich sind die Krankheitsprozesse im Luftorganismus. Sie teilen eine Eigenheit der Luftwirklichkeit: Leben und Erleben, Bewusstsein und Sein, Sensibilität und Funktion liegen hier nahe beieinander. Und Störungen wirken fast immer ausgesprochen akut, existenziell, situativ und beängstigend. Um sich diese existenzielle Seite der Luft zu verdeutlichen, kann man beispielsweise vergleichen, welche Folgen ein Defekt des Antriebs bei einem Auto (Erde), bei einem Schiff (Wasser) und bei einem Flugzeug (Luft) hat. Das Auto bleibt stehen, man kann es verlassen. Das Schiff muss erst an Land gebracht werden, bevor man es verlassen kann, aber es trägt zunächst noch die Passagiere. Beim Flugzeug entsteht sofort eine akut gefährliche und beängstigende Notsituation. Das Leben in, mit und durch die Luft ist immer prekär und tendenziell gefahrvoll, »lebensgefährlich«. Dieses Merkmal hängt sicherlich mit der Grenzsituation der Luft zwischen Innen und Außen, Sein und Bewusstsein, Leben und Erleben und damit auch zwischen Leben und Tod zusammen.

Der Tod als Übergang von Innen und Außen

Bemerkenswert ist ein weiteres Merkmal, das zur Luft gehört: Sobald Probleme mit der Luft auftreten, entsteht die Frage nach der Wirklichkeit. Am Traum ist zu erkennen, dass eine veränderte Atmung ein anderes Bewusstsein und damit ein verändertes Wirklichkeitserleben hervorbringt. Die Luft vermittelt in der Atmung zwischen Innen- und Außenwelt, und in dieser Vermittlung bildet sich das individuelle Wirklichkeitserleben. Auch dieses Charakteristikum zeigt die Corona-Situation deutlich. Es gibt massive Auseinandersetzungen um die Wirklichkeit der Erkrankung »Corona«, ihre Gefährlichkeit, notwendige Einschätzungen und Maßnahmen, ihre Ursache, ihre zivilisatorische Bedeutung für die Zukunft. Bei Problemen mit der Luft verschwimmen auch andere Grenzen: Individuell und allgemein, persönlich und zivilisatorisch, mein und dein, unser und euer sind immer weniger zu unterscheiden. Auch diese Tatsache trägt dazu bei, dass die Frage nach der sozialen Wirklichkeit nicht mehr leicht zu beantworten ist.

Aus den geschilderten Phänomenen kann eine Ahnung entstehen, warum »in der Luft« und damit bei Corona, Leben und Tod so nahe beieinander liegen, warum die Infektion nahezu symptomfrei oder auch lebensgefährlich wirken kann. In der Menschenkunde, die der Waldorfpädagogik, der anthroposophischen Heilpädagogik und auch der anthroposophischen Medizin zugrunde liegt, gibt es eine wichtige, wenig beachtete Beschreibung zum Verhältnis von Leben und Tod. Am Ende des ersten Vortrages seines »Heilpädagogischen Kurses« weist Rudolf Steiner auf die entscheidende Veränderung hin, die es zu beachten gilt, wenn man sich fragt, ob und wie es eine Weiterentwicklung nach dem Tod des Menschen geben kann. Steiner deutet dort an, dass die bewusst erlebte irdische Außenwelt nach dem Tod zu meiner Innenwelt wird, zu einer Art Selbstgefühl. Beispielsweise wird die Natur, die ich im Leben bewusst wahrgenommen und insofern verinnerlicht habe, nach dem Tod zu meinem empfundenen Innensein – ähnlich wie ich jetzt Empfindungen und Intentionen als zu mir gehörig erlebe. Umgekehrt wird meine irdische Innenwelt mit ihren moralischen Zielen, ihren Wahrheitsbezügen, ihren menschlichen und sozialen Orientierungen zur Umgebung, zur Außenwelt. »Außenwelt im Erdenleben ist geistige Innenwelt im außerirdischen Leben« (GA 317, 25.6.1924). Die Beziehung von Leben und Tod erscheint hier wie ein großer biografischer Atmungsvorgang, wie ein umfassendes geistiges Luftgeschehen, gleichsam ein Austausch von Zentrum und Peripherie. Man kann Corona in dieser Perspektive als Symptom dafür verstehen, dass meine Innen-Außen-Situation auch schon im Leben äußerst sensibel und prekär geworden ist. Dass mein Bewusstsein für mein Sein, mein individuelles Erleben für die Unversehrtheit meines Lebens, für meine Gesundheit nicht gleichgültig ist. Dass meine Innenorientierungen, mein ganzes inneres Erleben für die Außensituation immer wichtiger wird. Dass umgekehrt meine Umgebungssituation sich immer stärker sensibel in meinem Innensein abbildet. Dass mir meine Absichten und Ziele wie von außen entgegenkommen können; dass andererseits in der Begegnung mit Außensituationen und mit anderen Menschen sehr viel von mir selbst, von meinem »eigentlichen« Innensein liegen kann. Dass ich im Äußeren und im Anderen mir selbst begegne, so wie ich im Inneren meines Selbst den anderen Menschen und die Welt vorfinde. Dass das Ich nicht nur als Zentrum, sondern auch als Peripherie existiert. Dass deshalb heute der Begriff der Individualität mindestens zur Zweier-Individualität erweitert werden müsste; dass bis in ökologische Fragestellungen hinein Ich und Natur, Ich und Welt nicht mehr als Innen-Außen-Gegensätze gelten können.

Die Beziehung zwischen Leben und Tod, wie sie Rudolf Steiner vor fast hundert Jahren angedeutet hat, scheint in dieser Perspektive immer mehr das Leben selbst zu bestimmen. Mein individuelles Erleben, meine persönliche Empfindung ist für meinen Lebensprozess und für den der Welt entscheidend wichtig geworden. Andererseits ist es offenbar immer weniger möglich, »objektive« Lebensprozesse anzunehmen, die nichts mit meinem Erleben zu tun haben. Das gilt für das Leben des eigenen Organismus, für das Leben in der Natur, für das Leben des anderen Menschen. Das Leben ist immer mehr auf meine Sensibilität für dieses Leben angewiesen. Hier wird es wie an der »alten« Todesschwelle ernst. Umgekehrt entsteht mit ähnlichem Ernst die Frage, wie mein Innensein, meine Sensibilität, mein Empfinden und mein Bewusstsein lebensbezogen, Leben fördernd, Leben hervorbringend werden können, mit einem Wort: lebendig. Gemeint ist eine aktive Empfindungsbildung, die gerade, indem sie sich nach innen vertieft, nach außen wahrnehmungsfähig wird. Gemeint ist ein Gefühl, das mich nicht von der Welt abschließt, sondern zu einem Wahrnehmungsorgan für das Äußere wird, mit dem ich mich verbinde. Eine solche Empfindungsbildung und Gefühlsvertiefung, die zugleich eine Gefühlsöffnung darstellt, setzt übrigens eine geistige Selbstaktivierung im Denken voraus. Und Denken heißt hier nichts anderes, als in innerer Aktivität Zusammenhänge zu bemerken und zu bilden, die nur ich bemerken und bilden kann. Auch hier wird es zunehmend ernst.

Atem und Angst

Durch Corona scheint das Todesbewusstsein im »normalen« Leben angekommen zu sein, auch ohne Krieg und ohne äußere Katastrophe. Damit zeigt sich eine neue Dimension der Angst. Diese Angst kann durch Illusionen ausgeblendet werden, beispielsweise durch die Illusion, in der die respekteinflößende Bedrohung durch Corona nicht ernst genommen wird. Aber die Angst kann auch überwunden und damit zu einem Entwicklungsmittel werden. Denn bekanntlich bezeichnet Mut nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Kraft, mit der Angst überwunden wird. Corona kann in diesem Sinne als ein mit Angst verbundenes Symptom erlebt werden, als existenzieller Ausdruck für die Notwendigkeit einer individuellen Entscheidung: für ein neues Verhältnis zur Luft, für eine neue Sensibilität an der Grenze von innen und außen, von Zentrum und Peripherie. Als existenzielle Aufforderung für eine Ich-Psychologie, die das Ich nicht auf individuelle Innerlichkeit beschränkt, sondern zum anderen Menschen, zum Tier, zur Natur hin erweitert. Dann wird der Luft-Atmung-Prozess nicht mehr nur als die organische Lungenatmung verstanden. Vielmehr stellt sich die Lungenatmung als körperliche Form einer umfassenden Ich-Atmung dar. Diese Ich-Atmung kann dann auch als Ausgangspunkt von »Immunität« und von Selbstheilungskräften gelten. Individualität und Immunität gehören zusammen – dieser Satz gilt aber nur, wenn die Ich-Individualität sich zur Welt-Individualität öffnet und vertieft, ohne sich dabei aufzugeben. Wenn sie sich verschließt, wird sie anfällig. Mit der Frage nach Impfstoffen wird ein Mittel gesucht, das allgemein ist, aber individuell wirkt. Diese Fragestellung muss, wenn sie wirklich therapeutisch werden soll, begleitet werden von einer neuen Luft- und Atemperspektive, in der ich bemerke, dass ich selbst das »Mittel« bin, das individuell ist (oder wird), aber allgemein wirkt. Die Selbstheilungskräfte und die Immunität der Individualität sind zunehmend auf eine solche sensibilisierende Selbstaktivierung angewiesen.

Literatur: Rudolf Steiner: Heilpädagogischer Kurs, GA 317, Vortrag vom 25. Juni 1924, Dornach 1985

Zum Autor: Prof. Dr. Dr. Wolf-Ulrich Klünker ist Professor für Philosophie und Erkenntnisgrundlagen der Anthropo-sophie an der Alanus Hochschule. Begründer der DELOS-Forschungsstelle für Psychologie (Berlin), Leiter der Turmalin-Stiftung (Rondeshagen bei Lübeck.) Vortragstätigkeit, Forschung und Publikationen auf den Gebieten Geistesgeschichte, Psychologie und therapeutischen Menschenkunde.

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