Ich bin nicht ich

Von Wolf-Ulrich Klünker, Juni 2018

Das Ich schließt Welt und Wirklichkeit nicht aus, sondern ein, wenn es dazu bereit ist, in jedem Moment jede Erkenntnis und jedes Erleben zu korrigieren.

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Ich-Sein bedeutet dann, dass ich mich als erlebender und entwickelnder Mensch mit der Welt und dem anderen Menschen verbinde.

Das vergangene Jahrhundert war das Jahrhundert des Ich, insbesondere durch die Entwicklung der Psychoanalyse. Sigmund Freud wollte das Ich befreien und zugleich konstituieren.

Er sah es von zwei Seiten bedrängt: vom Es mit seinen Triebansprüchen und leiblich-seelischen Bedürfnissen und vom Über-Ich, das von Elternhaus und Zivilisation ausgehend das Es zurückdrängen sollte. Im Es und Über-Ich war Vergangenheit wirksam, natürliche und soziale. Das Ich erschien letztlich als bloße Kompromissbildung aus natürlichen und gesellschaftlichen Zwängen, obwohl Freuds Grundansatz emanzipatorisch war: »Wo Es war, soll Ich werden.«

Ich: Ursache oder Wirkung?

Freud und andere berücksichtigten nicht, dass auch die innere Natur und die im sogenannten Über-Ich repräsentierte Eltern- und Zivilisationsinstanz aus vorangegangenen Ich-Prozessen hervorgegangen sind. Das endende zwanzigste und das beginnende einundzwanzigste Jahrhundert sahen und sehen sich in den Folgen moderner Individualisierung; es gibt aber wenig wissenschaftliches Instrumentarium, um die gegenwärtige Situation angemessen zu erfassen und zu beurteilen. Zudem lässt das Selbsterleben vieler Menschen eine gewisse Ich-Müdigkeit erkennen. Der individuelle Mensch fühlt sich oft in die eigene Subjektivität eingeschlossen, isoliert gegenüber der Natur und dem anderen Menschen.

Die Ich-Entwicklung von etwa 150 Jahren hat eine menschliche Persönlichkeit zurückgelassen, die sich verstärkt in sich selbst erlebt, aber rein »subjektiv«. Ich stehe als mentales und fühlendes Individuum mit »dünnem« Bewusstsein einer massiven objektiven Welt gegenüber: einer Genetik, die auch als Ursache der vergänglichen Innerlichkeit gilt; einem Sozialprozess, der als von ichfremden Gesetzen bestimmt erscheint; einem Körper, der zwar irgendwie zu mir gehört, aber doch wie eine objektive biologische Funktion verstanden und erlebt wird. Es kann zuweilen der Eindruck entstehen, als seien Einsamkeit, Depression und Autismus nur zugespitzte Symptome dieser Ich- und Weltsicht.

Im genannten Zeitraum konnte sich das Ich individualisieren; es emanzipierte sich aus Natur- und Gruppenzusammenhängen. Vor hundert Jahren war die Einbindung in familiäre und natürliche Umgebung, in der man geboren wurde, noch ungleich stärker. Das Ich war Teil seiner Umgebung und die Umgebung Teil des Ich.

Heute steht das Ich seiner Umgebung als schwache, isolierte Entität gegenüber, und es stellt sich anthropologisch und lebenspraktisch die Frage, ob es eine neue Beziehung zur Welt geben kann, die mehr ist als ein bloß subjektives Erleben und die trotzdem den erreichten Grad der Ich-Entwicklung nicht opfert. Gibt es einen wissenschaftlichen, im Leben praktikablen und für die Empfindung befriedigenden Ansatz, der die Ich-Anteile in der Welt und die Bedeutung des Ich für die Wirklichkeit zu erkennen vermag? Wie wird das Ich zu einem Entwicklungsfaktor, sowohl im sozialen Miteinander als auch und im leiblichen Organismus? Ist demgegenüber die Subjektivität meines Ich-Erlebens wirklich realitäts- und substanzlos?

Deutlich wird spürbar, dass es auf eine neue Ich-Präsenz in jedem Augenblick ankommt. Diese Ich-Präsenz hat nichts mehr mit Egoismus zu tun; sie ist auch viel mehr als ein subjektives Selbsterleben. Eine solche Ich-Präsenz wirkt auch im Hintergrund des leiblichen Organismus und beeinflusst die Prozesse von Gesundheit und Krankheit. Eine solche Ich-Präsenz würde der Natur nicht schaden, sondern könnte ihr zukünftige Entwicklungsräume erschließen, die die Natur aus sich selbst nicht hervorbringen kann. Eine solche Ich-Präsenz könnte sich für den anderen Menschen sensibilisieren, statt ihn zu verdrängen und somit auch zur Entwicklungsgrundlage einer Zivilisation werden, die gerade durch Individualisierung sozialfähig wird.

Keine Erkenntnis ohne Ich

Die heute verbreitete Empfindung, Wissenschaft sei »unmenschlich«, ist eine Folge des wissenschaftlichen Objektivitätsideals einer Erkenntnis ohne Ich. Die Sehnsucht nach einer »Humanisierung« der Wissenschaft wird existenziell erlebt. Auf Dauer ist beispielsweise die Schizophrenie nicht auszuhalten, hirnphysiologisch und genetisch mit Begriffen über das eigene Kind nachzudenken, die den eigenen Gefühlen widersprechen.

»Wissenschaftlich« und »objektiv« kann angeblich nur sein, was möglichst unabhängig vom menschlichen Erleben ist. Nicht die erlebte, sondern die gemessene und berechnete Natur gilt als Gegenstand der Naturwissenschaft; nicht der individuelle Seelenraum, sondern psychologische Gesetzmäßigkeiten und Begründungen bestimmen den wissenschaftlich-psychologischen Diskurs.

Selbst die Philosophie tut sich schwer mit individuellem Denken: Persönliche Begriffszusammenhänge erscheinen nach wie vor suspekt und können deshalb in ihrer zukunftsgerichteten Erkenntnisdimension nicht gewürdigt werden. Umgekehrt bedeutet eine »humane« Öffnung der Wissenschaft für eine individualisierte Wirklichkeit selbstverständlich keine subjektive Beliebigkeit, keine täuschungsanfällige Erlebniszentrierung, keine egoistische Willkür der Realität gegenüber. Gemeint ist vielmehr eine Wissenschaft, die sich selbst befähigt, den objektiven Ich-Hintergrund der Wirklichkeit und die notwendige Ich-Kraft zur Zukunftsgestaltung zu bemerken.

Realität ist kein erlebnisfreies Ansich

Eine solche Wissenschaft würde von einem Ich getragen sein, das die Phase des Egoismus überwunden hat. Das wissenschaftsfähige Ich wäre zugleich das Lebens-Ich, das eine objektivierbare Empfindung ausbilden kann: Wo ich mich wirklich befinde. Dieses Selbstgefühl erschließt den eigenen Erlebnisraum, der aber nicht allein seelisch, subjektiv und innen ist. Dieses Selbstgefühl tritt wirklich als Empfindung auf, nicht als Reflexion, und zwar im Prinzip in jeder Situation, in der ich mich bewusst befinde. Auch beispielsweise in familiären oder beruflichen Stresssituationen ist es klärend und beruhigend zugänglich.

Die Ich-Präsenz im Selbstgefühl schließt die Natur, den anderen Menschen, die Wirklichkeit nicht aus. Es geht davon aus, dass Realität kein erlebnisfreies Ansich der Dinge und Sachverhalte darstellt, sondern dass das Erleben des Ich notwendiger Bestandteil der Wirklichkeit ist. Der Wald als messbares Abstraktum ist eine wissenschaftliche Monstrosität und Absurdität. Bäume, Vögel, Witterung, Licht bilden den umfassenden Zusammenhang der Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit liegt allein im Erleben des Ich, das den entsprechenden Zusammenhang bilden kann – nicht in der Isolation und »Verobjektivierung« einzelner Elemente. Das Selbstgefühl des Ich gerät nur dann in Gefahr, sich selbstbezogen zu verirren und problematisch zu subjektivieren, wenn es nicht jederzeit korrekturbereit ist. Zur Wirklichkeit des starken Ich gehört nicht das Beharren und Durchhalten, sondern die Wachheit, die in jedem Moment das Erleben an der Wirklichkeit überprüft und gegebenenfalls modifiziert – aber nicht die Wirklichkeit außerhalb oder hinter diesem Erleben vermutet. An die Stelle eines alten Moralverständnisses tritt das Vertrauen auf die Korrigierbarkeit jeder Erkenntnis- und Erlebenssituation. An die Stelle großer theoretischer Ethikziele tritt die praktische Lebensform kleiner korrigierbarer Schritte, die mich als erlebenden Menschen zunehmend mit der Welt und dem anderen Menschen verbinden. Insofern wird unter Ich-Bedingungen die praktische Erlebensverwandlung zur ethischen Entwicklungsinstanz und ersetzt eine vorlaufende oder nachträgliche theoretisch-moralische Beurteilung.

So wird der Ich-Faktor in der Welt erlebbar – und der Welt-Faktor im Ich. Der Berührungspunkt dieser Überschneidung macht das Zentrum des Ich aus und überwindet die alte psychologische, anthropologische und philosophische Gegenüberstellung von Ich und Welt. Es gibt dann eine neue Erlebnisschicht in mir. Sie bemerkt, dass ich im Erleben der Wirklichkeit mir selbst begegne, gerade insofern ich den mir zugehörigen Teil der Wirklichkeit und nicht nur mich selbst erlebe. Umgekehrt entsteht dann ein neues Empfinden dafür, dass in meinem Selbsterleben die Wirklichkeit der Welt lebt, nicht in einer angenommenen, verobjektivierten Eigenexistenz der Dinge, die unabhängig vom Menschen wäre.

Das Denken wird gefühlswirksam

Wenn sich im Ich Individualität und Welt in dieser Weise berühren, wird das Ich-Erleben zu einer Art geistigem Selbst. »Geistig« meint dabei nicht etwas Hohes oder Abgehobenes, sondern die Fähigkeit des Ich, im Selbsterleben die Wirklichkeit zu umfassen. An diesem Entwicklungspunkt des Ich wird auch die Beziehung von Ich und leiblichem Organismus deutlicher. Denn die Individualität des Ich bezieht sich auf eine seelisch-geistige und eine leibliche Dimension. Der leibliche Organismus ist nicht allein in der Physiognomie vollständig individuell; nur eine wissenschaftliche Abstraktion kann den Leib als objektiven biologischen Prozess verstehen, zu dem die individuelle Seele nur eine Art Bewusstseins-Überbau bildet.

Der reale Zusammenhang von Ich-Bewusstsein und Leibbildung kann erfasst werden, wenn verstanden wird, wie heute individualisierte Aspekte der Welt in das Selbsterleben des Ich eingehen können und umgekehrt das Ich zunehmend zu einem individualisierten Entwicklungsfaktor in der Welt wird. Denn mein Denken über mich und die Welt ist nicht nur erkenntnisrelevant, sondern auch gefühlswirksam und damit »kraftschlüssig«.

Ein Denken, das der neuen Ich-Situation nicht entspricht, könnte Gefühle hervorbringen, die das Ich in der Welt isoliert und inaktiv werden lassen und dadurch dem individuellen Leibesorganismus diejenige Empfindungskraft vorenthalten, die er psychosomatisch zur gesunden Funktion benötigt.

Mögliche Krankheitsursachen sind auch darin zu suchen, dass der Organismus zur eigenen Steuerung und Erneuerung auf entsprechende Empfindungskräfte aus dem Ich gleichsam wartet. Wenn sie ihm vorenthalten werden, wird er krank, gerade weil er gezwungen wird, stattdessen in eine nichtindividualisierte biologische Funktion einzutreten. Gesundende Kräfte wären in diesem Sinne diejenigen Empfindungen, die erst aus dem richtigen Denken über das Ich hervorgehen: Empfindungen als Wirkungen einer Erkenntnisaktivität, nicht nur als gegebene Erlebnismomente. Gefühle, die in diesem Sinne als Ich-Empfindungen bezeichnet werden können, entwickeln therapeutisch eine gesundende Kraft und bilden pädagogisch die Grundlage für ein zukunftsfähiges Handeln in der Welt.

Neue Therapieansätze

Eine solche Psychologie oder Menschenkunde des Ich wäre nicht nur eine neue anthropologische Theorie, sondern eine empfindungsschaffende Kraft. Gründe für Angst und Depressionen sind nicht immer nur in der biografischen Vergangenheit zu suchen – vielleicht liegt ihre Ursache zunehmend auch darin, dass neue Gefühlskräfte aus dem denkenden Ich fehlen. Pädagogisch entsteht ein Zugang zur Welt nicht mehr durch ihre pädagogische oder wissenschaftliche Beschreibung und durch Zurkenntnisnahme von »Realitäten«. Teilhabe an der Wirklichkeit liegt vielmehr in einem weltintegrierenden Selbsterleben und in der damit verbundenen Verwandlungskraft, die sich auf mich und die Welt richtet.

Indem das Ich erlebend an der Zukunftswelt arbeitet, lernt es sich selbst kennen; und indem es die eigenen Empfindungskräfte vertieft, entdeckt und verändert es die Wirklichkeit. Dieser Zusammenhang kann pädagogisch im konkreten individualisierten Sachbezug beispielhaft vorgelebt werden und zu einer Nachahmung im besten Sinne anregen. Schule könnte heute auf diese Weise das verfestigte Gegenüber von Ich und Welt aufheben und damit verdeutlichen, dass sich in den Welt- und Naturzusammenhängen frühere Ich-Beziehungen zur Welt spiegeln. Umgekehrt liegt im Erleben des Ich durch dessen aktivierende Kraft die zukünftige Welt.

Nicht das aufgeklebte Pflaster heilt die Wunde. Es schafft lediglich die Voraussetzung für die Wirkung der Selbstheilungskräfte des Organismus. Diese wiederum sind nicht unabhängig von dem Bewusstsein, der Aufmerksamkeit, der Empfindung für das betreffende Organ, die mit dem Aufbringen des Pflasters verbunden sind. Es könnte sein, dass diese Empfindungskräfte die individuellen Selbstheilungskräfte erst wachrufen, zumindest aber unterstützen. Denn in den Selbstheilungskräften wirkt die Lebenskraft des Ich, die zunehmend von bewussten Empfindungen des Ich verstärkt werden muss.

Vielleicht muss man sogar noch einen Schritt weiter gehen und überlegen, ob überhaupt eine Methode heilen oder pädagogisch wirksam sein kann. Kein Verfahren wirkt durch sich selbst. In der zwischenmenschlichen Begegnung kann eine Ich-Empfindung ausgebildet werden, durch die ein Anschluss an die leibbildenden, selbstheilenden und weltaufbauenden Kräfte des Ich möglich ist.

Dann heilt und lehrt aber letztlich die Empfindung in der Ich-Begegnung. Denn die unbewusst im Leib- und Weltbezug wirksamen Ich-Kräfte sind immer mehr auf Erneuerung und Unterstützung aus bewussten Ich-Empfindungen angewiesen.

Zum Autor: Dr. Dr. Wolf-Ulrich Klünker ist Professor für Philosophie und Erkenntnisgrundlagen der Anthroposophie an der Alanus Hochschule Alfter und Begründer der Delos-Forschungsstelle für Psychologie in Berlin.

Literatur: W.-U. Klünker/J. Reiner/M. Tolksdorf/R. Wiese: Psychologie des Ich, Stuttgart 2016

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