Ich frage, also bin ich

Von Henning Köhler, Juni 2011

Der Mensch ist in der ersten Zeit seines Lebens ganz auf Frage eingestellt. Man beachtet diesen Umstand kaum. Sonst hätte der Streit um das Ich längst eine andere Wendung genommen, denn nur ein Ich kann sich fragend zur Welt verhalten. Und das tun zweifellos schon neugeborene Kinder. Ichlos existieren, heißt fraglos existieren. Unsere Katze existiert fraglos. Manchmal beneide ich sie darum. Aber der Mensch ist anders. Er kommt zu sich, weil sich ihm die Welt als Frage-Raum öffnet.

Allerdings muss man zwischen konkreten Fragen und dem fragenden »Zur-Welt-Sein« (Maurice Merleau-Ponty) unterscheiden. In den ersten Lebensmonaten hat und stellt das Kind keine Fragen. Es verkörpert die Seinsweise des Fragens. Doch sobald es sprechen kann, quellen tausend Fragen aus ihm hervor. Wenn uns kleine Kinder Löcher in den Bauch fragen, tun sie dies nicht in erster Linie, um Antworten zu erhalten, sondern um den königlichen Akt des Fragens zu genießen. Ich frage, also bin ich.

Bis ins Jugendalter hat das Fragen um des Fragens Willen eine wichtige Bedeutung für die Selbstvergewisserung. Heranwachsende können sehr ungnädig reagieren, wenn die Erwachsenen ständig ihre Lebensklugheit »raushängen«, wie sich eine meiner Töchter auszudrücken pflegte. Gemeinsam einer Frage nachzugehen, ist allemal besser, als mit vollendeten Tatsachen aufzuwarten.

FRAGE-SEIN ist die ursprüngliche, offene Lernhaltung, derer wir verlustig gehen, wenn uns das Verlangen nach fertigen Antworten, der Drang zum Bezeichnen und Archivieren einholt. Durch die neuen Medien erreicht das Problem eine bisher unbekannte Dimension. Der Soziologin Sherry Turkle ist aufgefallen, dass ihre Studenten nicht mehr über Fragen nachdenken. »Sie suchen bei Google und finden eine von vielen Antworten, die sie akzeptieren« (brand eins 4/11).

Fragen und Staunen sind eng verwandte Seelenregungen. Der Archivar in uns wird durch die Einspeicherung abrufbaren Wissens herangezüchtet. Je mehr Macht er gewinnt, desto mehr verlernen wir das Staunen. Um des schulischen Erfolgs Willen müssen sich die Kinder heute rasch abgewöhnen, nach Herzenslust zu fragen und zu staunen. Man erwartet von ihnen, dass sie Antworten auswendig lernen. Fakten. Regeln. Formeln. Kaum jemand macht sich richtig klar, welche Tragik darin liegt. Antworten sind Grabsteine auf den Gräbern beerdigter Fragen. Wenn uns das Fragen vergangen ist, bewegen wir uns in einer Todeszone.

Kürzlich sagte jemand zu mir: »Sobald ich etwas verstanden zu haben glaube, öffnen sich zehn Türen zu neuen Fragen.« Das war ein Mensch, dem weder Schule noch Studium den wahrhaft philosophischen Geist austreiben konnten. Er hat sich das fragende – kindliche – Weltverhältnis bewahrt. Oder wie es Johannes Stüttgen ausdrückt: »Ein Geheimnis wird größer, wenn man hinein geht.«

Nach einer geglückten Schulzeit würden die Schüler resümieren, sie seien Jahre lang nicht aus dem Staunen herausgekommen und hätten vor allem eines gelernt: Dass Lernen die schönste Sache der Welt ist. Ansonsten sei der Kopf frei und das Herz voll (voller Fragen nämlich).

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