Ich mache lieber Eierwärmer

Von Irene Jung, September 2012

Wie schaffen wir es, den Lernwillen des Kindes über die Jahre seines Schulbesuches hinweg aufrechtzuerhalten? Wie kann sich freudiges, selbstverantwortliches Lernen entwickeln? Und wie kann der Lehrer diese Art des Lernens fördern?

Frau S. ist ratlos. Vor ihr sitzen Jacob und Malte und beschnippen einander mit Papierkügelchen. Und das in der 12. Klasse! Lisa und Meret schreiben seit Beginn der Stunde Briefchen. Und in der letzten Reihe gucken ihr die Schüler derart gelangweilt dabei zu, wie sie verzweifelt versucht, ihnen Rilke nahe zu bringen, dass man befürchten könnte, sie fallen gleich von den Stühlen.

Frau S. wird klar: Es muss etwas passieren. Da fällt ihr das Konzept des selbstverantwortlichen Lernens ein. Sie könnte es einmal versuchen … Eine Kollegin, die schon länger danach arbeitet, versorgt sie mit Informationsunterlagen. Das Wochenende verbringt Frau S. lesend und recherchierend.

Am Montag überrascht sie ihre Schüler mit einem umfangreichen Themenangebot. Ein Briefausschnitt von Rilke über die Liebe ist dabei, der mit einem Artikel über die Partnersuche via Internet in Beziehung gesetzt werden soll. Politische Lyrik durch die Jahrhunderte, ausgewählte Minnelieder, Barockgedichte können untersucht werden. Gedichte von Rilke, George und Baudelaire warten auf Interpretation. Es gibt Fragen zur Literaturgeschichte. Ein Gedicht freier Wahl von Hugo von Hofmannsthal darf musikalisch umgesetzt oder verfilmt werden. Besonders kreative Schüler können eine multimediale Präsentation zum Symbolismus anfertigen. Jeder Schüler darf sich ein Thema aussuchen und allein oder zu zweit bearbeiten. Die Ergebnisse sollen vor dem Kurs präsentiert werden.

Der Effekt ist durchschlagend. Bei fast allen Schülern kann Frau S. in den folgenden Tagen die gleiche Beobachtung machen: Schluss mit Langeweile. Es wird aufmerksam gelesen, lebhaft diskutiert, konzentriert geschrieben. Manche Schüler engagieren sich weit über das gewohnte Maß hinaus.

Seit einigen Jahren erforschen Lehrerinnen und Lehrer der Freien Waldorfschulen Hamburg-Bergstedt, Salzburg und Bochum-Wattenscheid die Bedingungen und Möglichkeiten des selbstverantwortlichen Lernens im Unterricht. Ausgangspunkt ist die Überzeugung, dass jeder Mensch seine individuelle Lernstrategie und sein individuelles Lernverhalten hat. Diese zu fördern und zur Entfaltung zu bringen, ist das gemeinsame Anliegen. Unter der Leitung von Michael Harslem, der seit vielen Jahren einer der Hauptverfechter des selbstständigen Lernens ist, planen die Lehrer der drei Waldorfschulen individuelle Unterrichtsprojekte und werten sie nach ihrer Durchführung aus. Danach werden sie weiterentwickelt und erneut in der Unterrichtspraxis umgesetzt. Auf diese Weise sollen sich die Unterrichtsmethoden kontinuierlich verbessern. Alle Unterrichtspläne sowie die Erfahrungen in der Praxis und die Auswertungen werden schriftlich dokumentiert. Die Vernetzung und die laufende Begleitung sorgen für einen Erfahrungsaustausch über die Grenzen des eigenen Teams, der eigenen Schule hinaus.

Britta, 7. Klasse, überlegt, wie sie die Lernzeit nutzen soll. Sie könnte Melly fragen, ob sie zusammen Vokabeln üben wollen, danach wäre sie für heute fertig mit den Hausaufgaben. Andererseits wird die Lernzeit von Herrn N. betreut, und der könnte ihr noch mal erklären, was sie in Mathe nicht verstanden hat. Britta weiß, dass es allein ihre Entscheidung ist, wie sie die Stunde nutzt. Sie entschließt sich für Mathe. Später, beim Eintragen dessen, was sie heute gearbeitet hat, ins Lernheft, ist sie mit sich zufrieden. Sie hat Mathe kapiert. Herr N., der ihren Eintrag abzeichnet, ist ebenfalls zufrieden. So ausführlich, wie er eben auf Brittas Fragen eingegangen ist, hätte er niemals mit der ganzen Klasse arbeiten können.

»Die Schüler müssen selbst die Verantwortung für ihren Lernprozess ergreifen«, sagt Michael Harslem. Wichtig sei dabei, »dass sich der Erwachsene in den verschiedenen Altersstufen als Vorbild und Entwicklungsbegleiter für einen individuellen Lernprozess versteht und nicht als Besserwisser, Befehlshaber und Manager des kindlichen und jugendlichen Lernprozesses.«

Ein Symposion Ende April 2012 in der Alanus-Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bot erstmals Einblick in die Forschung zum selbstverantwortlichen Lernen. Gemeinsam mit den Professoren Dirk Randoll und Peter Schneider, mit Michael Harslem und den forschenden Teams der drei Waldorfschulen sowie rund siebzig Lehrern und Studenten wurde den Chancen, Methoden und Voraus­setzungen selbstverantwortlichen Lernens nachgegangen. Rund sechzig höchst unterschiedliche Stationen mit Projekten aus der Unterrichtspraxis der forschenden Lehrerteams boten den Teilnehmern Einblick in die Erfahrungen mit dem selbstverantwortlichen Lernen und luden zu Gesprächen ein.

11. Klasse Biologie. Nach einer Wiederholung des Lehrervortrags der vergangenen Stunde geht es wieder einen Schritt weiter. Ungefähr eine Viertelstunde lang vermittelt die Lehrerin Basiswissen. Die Schüler hören zu und machen sich Notizen. Die restliche Zeit des Hauptunterrichts verbringen sie wie jeden Tag mit eigenständiger Gruppenarbeit zu verschiedenen biologischen Themen. Bei Bedarf werden sie von ihrer Lehrerin inhaltlich beraten. Die Lehrerin hat dafür gesorgt, dass die Aufgaben in jeder Gruppe aufgeteilt sind, so gibt es einen Quellenarbeiter, einen Organisator, einen Schriftführer und einen Moderator für die spätere Präsentation. Im Rahmen eines Elternabends präsentieren die Gruppen wahlweise einen Vortrag, einen Film oder eine Bilderreihe.

Man erkennt hier gut: Es geht beim selbstverantwortlichen Lernen nicht um die Abschaffung des Frontalunterrichtes. Dieser stellt eine ökonomische und effiziente Methode dar, um neue Unterrichtsinhalte zu vermitteln, die Ergebnisse von Einzel-, Partner- und Gruppenarbeiten zusammenzuführen und die Klasse in ein Gespräch zu bringen. Das selbstverantwortliche Lernen läuft auch nicht auf eine Laissez-faire-Pädagogik hinaus, bei der die Schüler mehr oder weniger sich selbst überlassen sind und machen können, was sie wollen.

Auch wenn die herkömmliche Rolle des Lehrers sich mit dem selbstverantwortlichen Lernen verändert, bleibt er den Schülern doch immer »Tor zur Welt«. Es gehört weiterhin zu seinen Aufgaben, inhaltliche, zeitliche, soziale Rahmenbedingungen und Bewertungsvorgaben zu setzen.

Dabei ist es wichtig, das Alter und den Entwicklungsstand der Schüler zu beachten. Wenn der Lehrer seinen Unterricht sorgfältig abstimmt mit dem, was er an den Schülern wahrnimmt, kann das selbstverantwortliche Lernen auch schon frühzeitig in kleinen Schritten angelegt werden. Umso leichter und selbstverständlicher gelingt es den Schülern dann später.

Clemens, 3. Klasse, überlegt gemeinsam mit seiner Handarbeitslehrerin, was er nun, nachdem seine Mütze fertig ist, stricken könnte. Sie müssten nicht immer alle das Gleiche machen, hat seine Lehrerin gesagt. Ihr Angebot, einen kleinen Teddy zu stricken, klingt verlockend. Auch könnte er mit Tilmann und Nadja zusammensitzen, die ebenfalls einen Teddy machen. Andererseits: Wenn Clemens zu Hause eines hat, dann sind es Kuscheltiere. Gemeinsam mit seiner Lehrerin wägt er das Für und Wider ab. Am Ende entscheidet er sich dagegen. »Es wird mir einfach zuviel, weißt du? Ich mache lieber für alle Eierwärmer.« Und die macht er jetzt. Und ist glücklich dabei.

Literatur: Michael Harslem: Selbstverantwortliches Lernen – eine Grundforderung unserer Zeit. In: Erziehungskunst 6/2002

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