Ich sehe was, was du nicht siehst

Von Alexandra Handwerk, November 2018

Kennen Sie den folgenden Anthroposophenwitz? – Was war das Lieblingsspiel von Rudolf Steiner? Antwort: Ich sehe was, was du nicht siehst! Steiner war hellsichtig. Hochgradig. Und er hat sehr viele Anweisungen gegeben für ein meditatives Leben. Ganze Bücher.

Foto: © Brilliant Eye/photocase.de

Sein berühmtestes ist sicherlich »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?« aus dem Jahr 1905. Aber das Thema Meditation spielte bis zu seinem Lebensende 1925 eine entscheidende Rolle und wird immer wieder neu aufgegriffen. Wenn ich nun diesen Anweisungen folge, sehe ich dann auch, »was du nicht siehst?« Ja. Aber vielleicht anders als erwartet.

Zurückblicken und Neues entdecken

Eine allererste Übung aus »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?«: Nimm dir ein wenig Zeit und Ruhe und schau zurück auf das, was du den Tag über erlebt hast. Aber schlüpfe nicht wieder in dich und dein Erleben erinnernd hinein, sondern schaue dir bei allem, was du getan hast, zu. Beobachte dich wie einen Fremden. Wenn du jemanden getroffen hast: Schau euch beiden zu. Wie war euer Zusammentreffen?

Wir sitzen in der Schulbibliothek. Ein Kreis von Müttern. Und wir machen genau diese Übung. Wir beobachten uns und unsere Familie heute morgen beim Aufstehen, Frühstücken und in die Schule gehen. Plötzlich sagt eine Mutter: »Ich fand es heute morgen so wichtig, noch ganz schnell ein paar Sachen zu erledigen, aber wenn ich mir so dabei zugucke, finde ich mich ziemlich nervig.«  Die anderen müssen lachen. Eine andere schließt an: »Mein Sohn wollte heute morgen auf meinen Schoß. Aber ich hatte gerade noch was zu holen und wollte meine Tasche packen und hab ihn einfach angeraunzt, dass das jetzt nicht passt. Sonst wünsch ich mir immer, dass er mir ein bisschen näher ist. Und heute wollte er, und ich hab’ ihn eigentlich richtig weggeschubst. – Dabei hätte ich auch noch später alles packen können. Eigentlich hatten wir heute morgen gut Zeit.« Im Raum ist es ganz still. Jeder sieht die Szene vor sich. Eines ist deutlich: Wenn ich mich so beobachte, sehe ich etwas von mir, was ich beim Erleben der gleichen Szene nicht beobachtet hätte. Zumindest nicht bewusst. Institute, die den professionellen Auftritt eines Menschen schulen, arbeiten genau mit diesem Element: Sie nehmen den Menschen mit einer Videokamera auf und lassen ihn dann sich selber zusehen.

Wer diese Methode je erlebt hat, weiß um die Peinlichkeit der Momente, wenn das Gefilmte abgespielt wird. Selten wird man all seine negativen Seiten so geballt wahrnehmen. Das steigert die Verletzlichkeit: Da reicht es schon, wenn ein anderer Kursteilnehmer bemerkt: »Irgendwie stehst du komisch da …« und es wird mir den Rest des Tages nicht mehr gelingen, eine selbstverständliche, lockere Haltung einzunehmen.

Ganz anders ist das Erlebnis, wenn ich die erwähnte Übung mache. Ich beobachte mich auch von außen, schaue aber nicht auf das Äußerliche – ob ich cool aussah, die Frisur passte, die Haltung locker war –, sondern sehe mich in einem bestimmten Moment und innerhalb einer Menschenkonstellation, in der ich tätig bin. Ich sehe uns alle, ich sehe meinen Anteil und ich sehe, wohin dies alles geführt hat. Und je nachdem, wie der Nachklang dieses Erlebnisses in meiner Rückschau sich anfühlt, erscheint mir mein Handeln richtig und sinnvoll oder – ja wie denn eigentlich?

Die erste Mutter im Kreis hatte ja ganz sinnvoll gehandelt, als sie noch schnell ein paar Dinge erledigt hatte. Aber indem sie darauf zurückblickte, merkte sie, dass es für ihr Empfinden richtiger gewesen wäre, in der Frühstücksrunde zu bleiben und nicht so »nervig« irgendetwas zu erledigen.

Am Morgen hatte sie nur sich selbst erlebt und dabei getan, was ihr richtig und sinnvoll erschien. Erst als sie sich in der Übung fremd gegenüberstand, merkte sie, dass ihr durchaus sinnvolles Handeln mit den anderen Menschen im Raum nicht harmonierte.

Genauso die andere Mutter. Es ist doch nichts daran auszusetzen, morgens seine Sachen in Ruhe zu richten und dabei nicht gestört werden zu wollen. Sie hatte durchaus sinnvoll gehandelt. Aber als sie sich in der Übung anschaute, fiel ihr auf, dass es sich für sie richtiger angefühlt hätte, das Zuwendungsbedürfnis ihres Kindes zu erwidern.

Welcher Eigenschaft dient also diese Übung? In meinem normalen Erleben bin ich mit meinem Tun eins. In der Übung sehe ich etwas, was ich vorher nicht gesehen habe: mich selbst unter anderen Menschen. Und ich sehe, ob mein Tun sich einfügt, ich sehe, was zwischen uns ist. Ich sehe was, was du nicht siehst.

Gefühl wahrnehmen und kennen lernen

Eine zweite kleine Übung, auch aus »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?«: Lenke Deine Aufmerksamkeit auf zwei Erscheinungen in der Welt: einerseits auf das sprießende Leben, andererseits auf das verblühende, absterbende. Durch diese beiden Vorgänge wird jeweils ein besonderes Gefühl in deiner Seele hervorgerufen. Lass diese Gefühle ganz groß in dir werden, bis du beide richtig gut kennengelernt hast.

Wir sitzen wieder in der Schulbibliothek. Es entbrennt eine Diskussion, welches Gefühl besser ist. Es gibt Frühlings- und es gibt Herbst-Liebhaber. Es dauert eine ganze Weile, bis der Kreis darauf kommt: Es geht gar nicht um die Frage, welches Gefühl einem gefällt oder nicht gefällt. Es geht darum, zwei Gefühle aus der Fülle unserer Gefühlswelt herauszukristallisieren und sie dadurch kennenzulernen. Natürlich kenne ich diese Gefühle, sie sind schon oft durch meine Seele gehuscht. Aber ich habe sie mir noch nie ordentlich zu Bewusstsein gebracht.

In der Bibliothek stehen einige Pflanzen. Wir sehen sie uns eine Weile in Ruhe an. Alle haben sprießende und wachsende Anteile, ebenso welkende und absterbende. Es ist deutlich: Die Gefühle, die durch beide Phänomene hervorgerufen werden, sind deutlich unterscheidbar. Wir gehen alle mit der Hausaufgabe nach Hause, diese Gefühle über die Woche immer wieder hervorzurufen, überall da, wo uns Sprießendes und Wachsendes oder Absterbendes und Welkendes begegnet.

Eine Woche später ist Erfahrungsaustausch. Garten und Spaziergänge haben sich als reiches Übungsfeld erwiesen. Man tauscht Tipps aus: Warten an der Bushaltestelle ist eine ideale Gelegenheit zum Üben! Da sind sich alle einig. Dann tastet sich eine Mutter weiter vor: »Ich besuche jede Woche meine Eltern. Diese Woche ist mir das erste Mal aufgefallen, dass alle diese Besuche sich immer wie das Gefühl beim Welken anfühlen.« Stille. Dann sagt eine andere: »Wenn ich mich mit meinem Mann streite, ist es genau das gleiche. Natürlich hab’ ich immer recht, aber es fühlt sich im Nachklang so welk an.« Erst lachen alle, dann wird es wieder sehr still. »Aber wenn ich donnerstags zum Singen gehe – ich muss mich ja jedes Mal überwinden, weil ich schon so müde bin –, dann ist es das reinste sprießende Leben. Danach bin ich immer ganz erfrischt.« Jetzt fällt jeder etwas ein. Ständig, in jeder Situation erleben sie eines der beiden Gefühle, aber sie haben noch nie darauf geachtet.

Das Gespräch wird immer angeregter. »Man muss doch eine Situation so drehen können, dass Welkendes wieder aufblühen kann«, engagiert sich die eine. »Aber wir haben letzte Woche gesehen, dass es nicht darum geht, dass das eine besser und das andere schlechter ist«, widerspricht die nächste, »es muss doch Absterbendes geben. Und ich finde es sehr anstrengend, wenn immer alles am Leben erhalten werden muss, von dem eigentlich alle merken, dass es zu Ende gekommen ist.« Schweigen. Wir haben schwieriges Gelände betreten. Eine Mutter meldet sich zu Wort, die bisher geschwiegen hat: »Müssen wir nicht eigentlich zwei Fähigkeiten daran entwickeln, nämlich beides, Sprießendes und Absterbendes, richtig zu begleiten? Wer kann das schon? Erst fühlen: Hier tritt etwas ins Leben, hier etwas hinaus. Und im zweiten Schritt entscheiden: Dich begleite ich treu auf deinem Weg ins Leben hinein und dich auf deinem Weg hinaus.«

Während ich hier sitze und diesen Artikel schreibe, flattert eine Zeitschrift in unser Haus mit folgendem Zitat Rudolf Steiners: »Nicht diejenige geistige Welt ist die richtige, in die man sich flüchten muss, sondern diejenige, in der man tatkräftig ins Leben untertauchen kann« (Das Goetheanum, 37 /2018).

Genauso fühlt sich das an. Das Übmaterial unseres Kreises ist das Alltagsleben, das jeder von uns führt, in dem jeder tatkräftig drinsteht. Und das umso reicher und erfüllender wird, je mehr ich das Geistige in ihm wirken sehe. Damit ich aber sehe, was ich bisher nicht sah, sind die Übungen in »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?«, von denen hier zwei beispielhaft angeführt wurden, ungemein anregend. Besonders wenn man sich gemeinsam in einer Gruppe Gedanken darüber macht. Dann sitze ich an der Bushaltestelle und plötzlich – sehe ich was, was du nicht siehst – und das ist rot.

Zur Autorin: Alexandra Handwerk ist Mutter von vier Kindern und freischaffende Anthroposophin.

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen