»Ich weiß jetzt, was ich nicht will«

Von Ludwig Digomann, Oktober 2011

Langzeitpraktika an der Freien Waldorfschule am Kräherwald

Mitte der 1990er Jahre bildeten Lehrer der Freien Waldorfschule am Kräherwald in Stuttgart zusammen mit einigen Eltern einen Kreis, der einen »Tag der Berufs­findung« organisierte. Zwei Mal im Jahr wurden an einem Samstag Persönlich­keiten aus den verschiedensten Berufen eingeladen, die auf Fragen der Schüler fachkundige Antworten geben konnten.

Zuerst gab es kein bestimmtes Thema für diese Tage, in einem Eingangsreferat ging es über das Thema Beruf im allgemeinen und Ausbildung im Besonderen. Mit der Zeit wurden diese Berufsfindungstage unter ein Motto gestellt, wie »… rund um den Computer« oder »Traumjob oder Albtraum«, zu dem Referenten aus der IT-Branche, aus Fernsehen, Funk, Fußball und der Musikbranche gewonnen werden konnten.

Im Laufe der Jahre kamen Oberstufenschüler dazu, die mit Herzblut die Tage mitorganisierten.

2003 änderte der Vorbereitungskreis das Konzept. Er holte nicht mehr Fachkräfte von außen in unsere Schule, sondern organisierte Besuche bei verschiedenen Firmen in Stuttgart und Umgebung, wobei die Schüler vor Ort Informationen über die verschiedenen Berufsfelder und die Ausbildungsmöglichkeiten bekamen. Vor allem große Firmen und Institutionen wurden besucht, wie Bosch, Daimler, das Diakonissenkrankenhaus oder das Staatstheater.

Mit der Einrichtung einer Klasse 11 P, deren Schwerpunkt auf das Praktische gerichtet ist, änderte sich unser Projekt zur Berufsorientierung völlig. Während die Schüler, die auf das Abitur zusteuerten, die Möglichkeit bekamen, die verschiedenen Unis im Rahmen des »Tages der offenen Tür« zu besuchen, bekamen die Schüler der 11 P über eine dreimonatige Praktikumsstelle einen tiefergehenden Einblick in das Berufsleben. Dieses Berufspraktikum liegt zwischen den Weihnachts- und Osterferien und soll den Schülern das Berufsleben mit all seinen Facetten viel intensiver erlebbar machen, als es ein einwöchiges Praktikum je vermag. Wenn möglich, sollen die Schüler eine Praktikumsstelle für diese Zeit suchen. Die Erfahrung zeigt aber, dass sie oft aus verschiedenen Gründen zwei Stellen suchen müssen.

Den Schülern der 11 P wird viel Eigenverantwortung übertragen. Sie suchen ihre Praktikumsstellen selbst und formulieren ihre Bewerbungsschreiben in Eigenregie. Natürlich unterstützt die Schule diese Eigenverantwortlichkeit: Wir versuchen, vor den Praktika den Schülern  in zwei Stunden pro Woche die Arbeitswelt, die Bewerbungssituation und alles, was damit zusammenhängt, näherzubringen.

Während des Praktikums wird jeder Schüler von einem Lehrer der Klasse begleitet und betreut, der die Schüler vor Ort besucht, und mit ihnen und ihrem verantwortlichen Betreuer spricht.

In der Woche nach den Osterferien findet nach dem regulären Hauptunterricht täglich von 10.00 bis 14.00 Uhr ein einwöchiges Berufsfindungsseminar statt. In diesem Seminar werden die Erfahrungen aus den Praktikumsstellen gesammelt und darüber hinaus beim Besuch  großer Firmen und Institutionen in einen passenden Rahmen gestellt. In dieser Zeit machen die Schüler auf freiwilliger Basis den geva-Eignungstest »Berufswahl«, der weitere Hinweise geben kann.

Seinen Abschluss finden das Praktikum und das Berufsfindungsseminar in Form einer Präsentation der verschiedenen Praktikumsstellen vor Lehrern, Eltern und den ehemaligen Betreuern. Da ziehen dann oft die Schüler ein Resümee, bei dem man hören kann: »Das Praktikum nahm mir die Angst vor dem echten Berufsleben« oder »Das frühe Aufstehen und die Pünktlichkeit fielen mir schwer« oder »Ich weiß jetzt, was ich nicht will.«

Zum Autor: Ludwig Digomann ist Oberstufenlehrer und mit anderen Kollegen zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit an der Freien Waldorfschule am Kräherwald in Stuttgart.

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