Im Angesicht der Nacht

Von Florian Osswald, November 2019

Die Übergänge zwischen Schlafen und Wachen sind voller Rätsel. Was ereignet sich im Schlaf? Was klingt in uns von der Nacht nach? Was wird aus den Ereignissen des Tages? Sind wir am Morgen erquickt und voller Einfälle oder haben wir Kopfschmerzen und fühlen uns leer? Was erwacht eigentlich beim Aufwachen in uns?

Foto: © EzraPortent/photocase.de

Es verlangt wenig zusätzlichen Aufwand, wir müssen den ohnehin stattfindenden Vorgängen nur etwas mehr Aufmerksamkeit entgegenbringen. Mit dem achtsamen Hinschauen allerdings entwickeln wir nicht nur ein Verständnis für die Einschlaf- und Aufwachprozesse, sondern auch für den Willen und die Vorstellung sowie das Lernen- und die Gemeinschaftsbildung.

Im Oktober 1918 hat Rudolf Steiner eine Übung beschrieben, die uns für die Übergänge vom Tag in die Nacht und von der Nacht in den Tag in besonderem Maße sensibilisiert: Kurze Zeit nach dem Aufwachen blicken wir zurück auf den Morgen, die Nacht und den Abend. Wir gehen in Bildern rückwärts durch den noch jungen Tag bis zum Moment des Aufwachens. Vielleicht sehen wir uns selbst beim Ankleiden, beim Zähneputzen, wie wir die Bettdecke zurückschlagen oder das Fenster öffnen. Nun gehen wir noch einen Moment weiter rückwärts und begegnen einem Übergang, einer Schwelle.

Wir gehen weiter in Bildern rückwärts, in einem gewissen Sinne »in die Nacht hinein«. Vielleicht erinnern wir uns noch an einen Traum. Die Schlafphase verläuft meist unbewusst. Wir haben keine Erinnerungen, bis wir zum Moment des Einschlafens kommen. Wir versuchen, uns an die letzten Gedanken, Gefühle vor dem Einschlafen zu erinnern. Dann schauen wir uns noch kurz die Bilder des Abends an und beenden die Übung.

Einschlafen und Aufwachen

Wir überschreiten sowohl beim Einschlafen als auch beim Aufwachen eine Bewusstseinsschwelle. Für viele Erwachsene hat sie keine große Bedeutung. Sie wird nicht besonders gestaltet. Wer jedoch Kinder hat, kennt ihre Bedeutung. Eltern erzählen ihren Kindern vor dem Einschlafen ein Märchen oder hören geduldig zu, wenn sie berichten, was sie während des Tages erlebt haben. Am Morgen wecken sie ihre Kinder sanft aus dem Schlaf und singen vielleicht eine schöne Melodie. Mit zunehmendem Alter allerdings schwindet die Sorgfalt und es fehlen die »Erwachsenen-Rituale« für den Abend und den Morgen. Abends fallen wir todmüde ins Bett und am Morgen reißt uns der schrille Ton des Weckers aus dem Schlaf.

Die oben beschriebene Übung macht uns wach für die Übergänge vom bewussten ins unbewusste Leben beim Einschlafen und vom unbewussten ins bewusste Leben beim Aufwachen. Und auch die Zeit dazwischen erhält durch sie eine andere Bedeutung. Wir erkennen, dass die beiden Übergänge, die durch den Schlaf getrennt scheinen, miteinander wie die Ufer eines Flusses in Beziehung stehen. Abends verlassen wir das feste Land des wachen Lebens und halten unsere Füße fürs erste ein wenig in den Fluss. Wir tauchen in ein anderes Element ein. Wir realisieren, dass wir in diesem Element schwimmen müssen und spüren die Ungewissheit des Neuen. Am Morgen kehren wir aus dem wässrigen Element zurück und gewinnen wieder festen Boden unter den Füßen – unser Tagesbewusstsein setzt ein.

Die Nachtseite der Lernvorgänge

Rudolf Steiner hat der Nachtseite eine große Bedeutung zugeschrieben. Für den Lernprozess im Unterricht erscheint sie als Vergessen. Üblicherweise richten wir unsere Aufmerksamkeit beim Lernen auf das Erinnern und schenken seinem Geschwister, dem Vergessen, wenig Beachtung. Das letzte Glied des Vorgangs »Aufnehmen – Vergessen – Gedächtnisbildung – Erinnern« ist Ausdruck von Erfolg oder Misserfolg und lässt sich messen. Das Vergessen hingegen nicht, denn das aufgenommene Wissen verschwindet sozusagen in die Nacht hinein, in der sich bildet, was später als Grundlage der Erinnerung dient. Wir vergessen alles, oder anders gesagt, was wir in der Nacht erleben, ruft von sich aus keine Erinnerung hervor. Und dennoch können wir in unserem Gedächtnis Veränderungen feststellen. Man merkt beispielsweise, dass man das geübte Musikstück oder Gedicht plötzlich auswendig kann oder dass am Morgen eine Antwort auf eine bestimmte Frage auftaucht.

Eine solche ganzheitliche Betrachtung des Lernvorgangs regt zu Fragen an: Wie gestalten wir die Lerninhalte nachtgerecht? Wie können sie gut »verdaut« werden? Bewirken bestimmte Formen des Unterrichtens Schlafstörungen? In welcher Form treten die Lerninhalte wieder auf? Lassen sie sich individualisieren?

Wille und Vorstellung

Einschlafen und Aufwachen hängen eng mit dem Willen und der Vorstellung zusammen. Wollen wir letztere begreifen, so können wir uns ihnen über ein echtes Verständnis von Einschlafen und Aufwachen annähern.

»Niemand kann in Wahrheit begreifen, was es heißt: Ich stelle vor –, was es heißt: Ich bilde mir in meinem Seelenleben einen Gedanken –, der nicht den Moment des Aufwachens wirklich beobachtend erfasst (...) Was geschieht eigentlich in meiner Seele, wenn ich eine Vorstellung fasse? – Die Kraft, die man in der Seele entfaltet, wenn man eine Vorstellung fasst, (...) ist genau dieselbe (...) Kraft, die man entfalten muss, allerdings jetzt in viel verstärkterem Maße, wenn man aufwacht.« (Rudolf Steiner) Beim Aufwachen tritt etwas in Erscheinung oder wird zur Erscheinung gebracht. Es wird bewusst gemacht. Eine Vorstellung ist ein feiner Aufwachvorgang, ein bewusster Umgang mit Vorstellungen, eine Intensivierung des Vorstellungslebens können helfen, das Aufwachen besser zu erfassen.

Andererseits erhalten wir einen Bezug zum Willen, wenn wir das Einschlafen beobachten. »Was eigentlich ist es, welches im Einschlafen sich besonders im Seelenleben verwandelt? Was bewirkt durch das Einschlafen das Herausziehen aus der sinnenfälligen Wirklichkeit und das Untertauchen in die übersinnliche Wirklichkeit? – Das ist die Verwandlung des Willens [...] Man kann den Willen nicht greifen, wenn man ihn nicht auf der Grundlage des Einschlafens erfasst« (Rudolf Steiner). Wir kennen den Vorgang aus dem Alltag. Ich möchte zum Beispiel die Gabel in die Hand nehmen. Bewusst fasse ich den Entschluss. Geht es jedoch in die Tat, dann schlafe ich in den Prozess des Leibes hinein. Ich habe wenig oder kein Bewusstsein davon, was sich in meinem Körper an Vorgängen abspielt beim Ergreifen der Gabel.

Im nächsten Schritt charakterisiert Steiner die Vorstellung als etwas, das nicht Seins-, sondern Bildcharakter hat. Sie ist Abbild einer Wirklichkeit. Wovon ist sie Abbild? Seine Antwort lautet: »Und auf diese Weise, indem die Tätigkeit, die Sie vor der Geburt beziehungsweise der Empfängnis ausgeführt haben in der geistigen Welt, zurückgeworfen wird durch Ihre Leiblichkeit, dadurch erfahren Sie das Vorstellen.« Den Willen beschreibt Steiner als »Keim in uns für das, was nach dem Tode in uns geistig-seelische Realität sein wird« (Allgemeine Menschenkunde). Vorstellende Tätigkeit ist also ein Bild des vorgeburtlichen Lebens, ist »geistvergangen«, wie Steiner es bezeichnet, Bild von etwas, das in seiner früheren Form nicht mehr ist. Die Willenstätigkeit ist zurückgehaltene, im Keim gehaltene, geistig-seelische Wirklichkeit des Nachtodlichen, etwas, was in seiner künftigen Form noch nicht ist, sondern erst wird. Steiner braucht dafür den Begriff »geistzukünftig«.

Die Nacht als Berater

Die von Steiner angeregten Prozesse des Unterrichtens oder der kollegialen Gemeinschaftsbildung bis hin zu Schulführungsaufgaben beziehen alle die Nachtwelt und den Willensbereich mit ein. Die eingangs genannte Rückschauübung ermöglicht uns, zum unbewussten Nachtgeschehen eine Beziehung herzustellen und es bewusst in unseren Tag und in unsere Arbeit mit einzubinden. Wir können diesen Vorgang schlicht als ein »Aufwachen für die Nachtberatung« nennen.

Nehmen wir die Nacht wirklich ernst und gestehen wir ihr eigene Erfahrungsmöglichkeiten zu, dann stellt sich die Frage, wie wir die Erlebnisse der Nacht verarbeiten. So wie die Tagerlebnisse in der Nacht »verdaut« werden wird der Tag die Nachterlebnisse »verdauen«. Dieser ungewohnte Gedanke eröffnet eine neue Sichtweise auf das, was uns im wachen Leben begegnet. Wer versucht, aufmerksam zu sein auf das, was ihm im Laufe des Tages begegnet, wer versucht, diese Ereignisse als das anzuschauen, was man in der Nacht erlebt hat, wird bemerken, dass diese Nachterlebnisse einem am Tag von »außen« entgegenkommen. Dieser Versuch eröffnet eine zweite Möglichkeit, die Nachtseite besser kennen zu lernen. Wer anfängt, mit dem Nachtgeschehen zu arbeiten, wird diese neue Form der »Beratung« schätzen lernen.

Der spanische Dichter Juan Ramon Jimenez hat die Wirkung der Nacht in einem wunderbaren Gedicht eingefangen:

Tira la piedra de hoy,
olvida y duerme. Si es luz,
mañana la encontrarás,
ante la aurora, hecha sol.

Wirf den Stein von heute weg.
Vergiss und schlafe. Wenn er Licht ist,
wirst du ihn morgen wieder finden,
zur Dämmerzeit, in Sonne verwandelt.

Zum Autor: Florian Osswald war langjähriger Oberstufenlehrer in der Schweiz und ist Co-Leiter der Pädagogischen Sektion am Goetheanum.

Literatur: R. Steiner: Der geisteswissenschaftliche Aufbau der Seelenforschung von deren Grundlagen bis zu den lebenswichtigen Grenzfragen des Menschendasein. Zürich, 10. Oktober 1918, GA 73 | – ders.: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik, GA 293, Dornach 2015, S. 39 f. | – ders.: Zur Vertiefung der Waldorfpädagogik. Wortlaute Rudolf Steiners. Beiträge und Dokumente, zusammengestellt von C. v. Heydebrand, Dornach 2004 | J.C. Jenkins, K.M. Dallenbach: Obliviscence during sleep and waking. American Journal of Psychology 35, 605-612, 1924 | M. Spitzer: Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens, München 2007 | C. Nissen: Sleep recalibrates homeostatic and associative synaptic plasticity in the human cortex. Nature Communications 7, Article number, 12455, August 2016

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