Im Niemandsland der Heimerziehung

Von Christian Boettger, Oktober 2018

Tief erschüttert und bewegt liest man dieses Buch und kann es trotz der kaum vorstellbaren Qualen, die der Autor während seines Aufenthalts in einem Franziskanerinnen-Kinderheim einer bayerischen Kleinstadt erlebt hat, nur schwer aus der Hand legen.

Die Schilderungen umfassen beinah tägliche Misshandlungen durch die aufsichtführende Schwester, die sogar die anderen Jungen in die Misshandlungen und Quälereien miteinbezog, aber auch Fälle sexueller Übergriffe und Missbrauch. Das Buch ist schon 2015 im Verlag Rombach erschienen, erhält aber jetzt, da im Verlag Urachhaus im März 2018 ein Folgeband erschienen ist, erneute Aufmerksamkeit. Im zweiten Band beschreibt der Autor mit dem Pseudonym »Heymkind« sein Leben in dem von ihm sogenannten Paradies im Pestalozzi-Kinderdorf und der Waldorfschule Wahlwies, die er schließlich als ausgebildeter Möbelschreiner verlässt. Es dauert dann noch Jahrzehnte bis er die Traumata seiner Kindheit, trotz der liebevollen pädagogischen Betreuung in Wahlwies, in einem sicherlich sehr mühsamen Prozess überwinden konnte.

Zum Glück kann man als Leser nach den grauenerregenden Schilderungen, die Clemens Maria Heymkind durch nüchterne Aktenzitate kommentiert, auch in dem Buch »Verloren im Niemandsland« am Ende andeutungsweise miterleben, dass er sich von diesen Kindheitserinnerungen befreien konnte. Für mich war es auch hilfreich, das zweite Buch vor dem ersten gelesen zu haben, denn umso stärker wirkte auf mich die innere Kraft dieses Menschen, durch die er sich immer wieder dem unerträglichen Terrorsystem seiner sogenannten Erzieherinnen entziehen konnte. Woher kam diese innere Kraft? Er schildert, wie er in einer der morgendlichen Andachten, als er von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung erschüttert war, eine Begegnung mit seinem Schutzengel hatte. Er schreibt, wie dieser ihm an diesem heiligen Ort alle Last und Angst genommen habe. »Eine unbeschreibliche Kraft regte sich in mir, die danach verlangte, gelebt zu werden. Ich wollte in der Hölle von St. Niemandsland nicht untergehen, nein, niemals würde mich Schwester C. brechen. Das war die unausgesprochene Vereinbarung, die ich mit Gott an diesem Morgen getroffen habe. Von diesem Augenblick an, wusste ich: Ich bin ein Überlebender!«

Zu diesem Buch, oder auch zu den zwei Büchern, kann man eigentlich keine Buchbesprechung im üblichen Sinne schreiben. Tiefe Ehrfurcht vor dieser Biographie und dem Mut, den der Autor aufbringt, unverblümt und direkt seine traumatischen Erfahrungen zu schildern, bewegen den Leser. Tiefe Bewunderung auch für den biographischen Weg, sich mit seinen Traumata auseinanderzusetzen und sich über die Jahre davon zu befreien. Bis dahin, dass er zweimal das ehemalige Kloster und Kinderheim und seine Schwester C. aufsucht, in der Hoffnung vielleicht, dass sie sich entschuldigt. Beide Bücher rufen vor allem auch ein tiefes Unverständnis hervor, warum diese Menschen, von denen es geschätzte 1,2 Millionen Betroffene in Deutschlands Kinderheimen gab, bis heute kaum Hilfen und Entschuldigungen von den Institutionen bekommen haben. Es helfen hier keine Ausreden – wie eigene Traumata, zu große Kindergruppen oder mangelnde Ausbildung. Hier müssen Entschuldigungen folgen und vor allem weitere Hilfen, denn nicht alle hatten wie der Autor das Glück, wenigstens eine Jugendzeit zu erleben, die nicht durch diese Heimerziehung geprägt war!

Clemens Maria Heymkind: Verloren im Niemandsland – Autobiografische Erzählung eines Heimkindes, Taschenbuch, 228 S., EUR 16,–, Rombach Druck und Verlagshaus, Eichstetten 2015

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