Im Würgegriff von Schule

Von Ute Hallaschka, Februar 2014

Erwin Wagenhofer hat jetzt den letzten Teil seiner filmischen Globalisierungskritik vorgelegt. Nach »We feed the world« und »Let’s make money« stehen nun mit »Alphabet« die Bildungssysteme auf dem Prüfstand. Was in den ersten beiden Teilen gelang – den Zuschauer aufzurütteln und zum Denken anzuregen – das geht hier leider schief. Die Missstände weltweit vorzuführen und über einen Kamm zu scheren, ist unmöglich. Die Mädchen in Afghanistan oder die Kinder in afrikanischen Ländern setzen ihre ganze Hoffnung in das, was der Film in Bausch und Bogen aburteilt: Schulbildung. Das tun sie gewiss nicht, weil sie von einer Karriere bei McKinsey träumen. Das Sehnsuchtsziel, das alle Ungebildeten letztlich anstreben, ist Autonomie. Wissenserwerb ist demnach eine Voraussetzung für Erkenntnis, Urteilsvermögen und Freiheit.

Der Film, in dem übrigens kein einziger Pädagoge zu Wort kommt, zeigt das Bildungswesen weltweit korrumpiert. Schule als Brutstätte der Wirtschaft, die die Kinder zum Zuchtobjekt ihrer Zwecke macht. Es beginnt in China, wo bekanntlich die besten Rankingplätze und die höchste Selbstmordrate unter Schülern zu finden sind.

Dann reisen wir nach Hamburg, wo eine 15-jährige Gymnasiastin über G8 klagt und dass sie nicht einmal mehr Zeit hat, an die Luft zu gehen, die Sonne zu sehen. Die Fachleute in diesem Film, der Neurologe Gerald Hüther oder der Erziehungswissenschaftler Sir Ken Robinson sind sich einig: Wir machen den Kindern das Leben zur Hölle, indem wir es auf ökonomische Effizienz verkürzen. Auf der anderen Seite stehen die Vertreter dieser Ökonomie ebenso einig in der Haltung: Wer nicht beizeiten fit gemacht wird für den globalen Wettbewerb, der geht unter. – Die Lösung, die in diesem Schwarz-weiß-Raster präsentiert wird, ist eine Idylle. Der sogenannte Malort in Paris, den der Künstler Arno Stern als Oase für Kinder eingerichtet hat. Dort können sie tun und lassen, was sie wollen. Dies soll die Lösung aller Probleme sein. Bloß nicht einmischen. Alternative Schulkonzepte werden in diesem Film mit keinem Wort erwähnt. Der Regisseur möchte nach eigenem Bekunden das »Bildungswesen weder vergleichen, noch bewerten«.

Doch es wird eindeutig ein Plädoyer gehalten, für das, was in den 1970er Jahren als antiautoritäre Erziehung bezeichnet wurde. Ließe man die Kinder nur in Ruhe, würden sie schon selbst für ihre Entwicklung sorgen. Ziemlich ähnlich klingt die Botschaft Wagenhofers. Diese Auffassung kann heute kein Mensch mehr im Ernst diskutieren. Es geht nicht darum, aus dem tatsächlich verrohten Bildungssystem auszusteigen, sondern darum, es zu verändern.

Hier könnte ein anderer Film beginnen, der von Selbsterziehung handelt. Das, was den Kindern das Leben zur Hölle macht, ist ja die Angst der Erwachsenen. Wir stecken selbst im Würgegriff der ökonomischen Sachzwänge. Dass wir uns davon befreien, danach sehnen sich unsere Kinder.

alphabet. 98% aller Kinder kommen hochbegabt zur Welt. Nach der Schule sind es nur noch 2%. Ein Film von Erwin Wagenhofer, Österreich 2013, 109 Minuten.

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