In Finnland wird niemand zurückgelassen

Von Susanne Becker, September 2012

In den letzten Wochen habe ich ein Buch gelesen, welches mir noch einmal deutlich vor Augen geführt hat, warum mein Mann und ich vor neun Jahren, als es darum ging, eine Schule für unsere älteste Tochter zu finden, davor zurückschreckten, sie auf eine normale deutsche Schule zu schicken. Das Buch heißt »Niemand wird zurückgelassen. Eine Schule für alle« von Rainer Domisch und Anne Klein und es beschreibt die Schullandschaft in Finnland.

Verglichen mit der deutschen Schullandschaft wirkt sie geradezu paradiesisch und zeigt, dass der Titel des Buches Realität ist. Gemeinschaftsschulen ohne Leistungsdruck, die für die Individuen da sind und nicht umgekehrt, eröffnen einen angstfreien Lernraum für alle.

Dass dies in Deutschland anders ist, schreiben die Autoren vor allem der Dreigliedrigkeit des deutschen Schulsystems zu. In vielen Bundesländern wird durch Selektion und Leistungsdruck bereits für alle Zehnjährigen entschieden, in welche soziale Kategorie des Lernens und Lebens sie zukünftig gehören. Dabei ist die Zuweisung zu einer der drei gängigen Schulformen, das hat auch Pisa deutlich gemacht, eng an die soziale Herkunft gebunden. Das deutsche Schulsystem reproduziert durch Auslese gesellschaftliche Ungleichheit, anstatt sie zu korrigieren.

Domisch und Klein werfen dem deutschen Schulsystem und der deutschen Bildungspolitik mangelnde Demokratie, wenigstens ein eher rudimentäres Verständnis derselben vor. Auch eine Tendenz zur Exklusion ist nach Meinung der Autoren deutlich spürbar. Wenn man bedenkt, dass gerade Kinder mit Migrationshintergrund zu den Verlierern des Bildungssystems gehören, kann man soweit gehen, »Rassismus« zu diagnostizieren.

Das Buch ist ein Plädoyer für ein groß angelegtes gesellschaftliches Umdenken. Wer Demokratie ernst nimmt, kommt nicht um Inklusion und um ein und dieselbe Schule für alle herum. Bildung ist ein Menschenrecht und kann nicht interessengeleitet verteilt werden.

Das Buch ist gut lesbar und präsentiert in acht Kapiteln einen spannenden Einblick in die finnische und die deutsche Realität, sehr amüsante Episoden aus der Nach-Pisa-Schock-Zeit, in der viele deutsche Fachleute Finnland besuchten oder finnische zum Besuch in Deutschland einluden.

Ihr Unverständnis, ihr starres Festhalten an alten Pfründen brachte mich mehrfach zum Lachen. Bitter, weil ich an meine Schulzeit dachte, und wie wenig sich seither verändert hat, erleichtert, weil ich meine Kinder auf eine Waldorfschule schicken darf und dort vieles von dem, was die Autoren beschreiben, genauso Realität ist wie in Finnland.

Rainer Domisch, Anne Klein: Niemand wird zurückgelassen: Eine Schule für Alle, Taschenbuch, 237 S., EUR 16,90, Hanser Verlag, München 2012

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