Inklusion – eine Zwangsveranstaltung?

Von Stefan Oertel, Dezember 2012

Wieder und wieder lese ich, die Inklusion sei eigentlich ein ursprünglicher Bestandteil der Waldorfpädagogik. Man habe ihn nur zwischendurch irgendwie aus den Augen verloren.

Exemplarisch ist zum Beispiel die Behauptung, mit der Inklusion »wären wir hundert Jahre nach Gründung der ersten Waldorfschule wieder da, wo wir schon mal waren. An der Uhlandshöhe besuchten ursprünglich die Förderschüler genauso wie die anderen die Schule und wurden teilweise von Karl Schubert gesondert unterrichtet. Spezielle heilpädagogische Waldorfschulen entstanden erst nach dem Zweiten Weltkrieg.«

Warum hat Steiner auf dem Lauenstein, wo die anthroposophische Heilpädagogik begründet wurde, nicht sofort für Inklusion gesorgt? Und wieviel hatte die damalige Praxis an der Uhlands­höhe wirklich mit dem zu tun, was heute programmatisches Ziel der Inklusionsbefürworter ist? Wie berechtigt ist es, irgendwelche historischen Begebenheiten aus den Geschichtsbüchern der Bewegung herauszusammeln und einfach im Sinne dessen zu deuten, was heute »Inklusion« heißt? Und wo finde ich die »Inklusion« im »Heilpädagogischen Kurs« Steiners?

In all den Jahren meines Studiums war von »Integration« vielleicht drei, vier Mal die Rede. An den Begriff »Inklusion« kann ich mich gar nicht erinnern. Ich wage zu behaupten, dass beide Begriffe zur damaligen Zeit keine wesentlichen Begriffe für das Gros der Bewegung der anthroposophischen Heilpädagogik und der Waldorfpädagogik waren. Zwei Jahre später kam die UN-Konvention. Und nach kurzer Zeit wird in unseren Kreisen behauptet: bei entsprechender Besinnung auf die Ursprünge der Waldorfpädagogik könne sich sowieso nichts anderes als Inklusion ergeben. Mir scheint, dass eine wirklich ergebnisoffene Diskussion der Inklusionsidee gar nicht mehr statt findet. Es geht nur noch darum, wie man diese Idee umsetzt. Sie selbst braucht aber, so scheint mir, gar nicht mehr hinterfragt zu werden. Und doch gibt es grundsätzliche Vorbehalte vor allem bei den praktisch arbeitenden Pädagogen. Sie werden aber nur wenig öffentlich ausgesprochen, vielleicht weil man fürchtet, als Mensch von gestern dazustehen. Ihre nicht ernsthaft gewürdigten Vorbehalte äußern sich in der Widerstandsform der Trägheit. Freilich, auch die Anhänger der Inklusion propagieren nicht alle die vollständige Abschaffung der gesonderten Einrichtungen. Aber die Inklusionsidee, die doch so wohlklingend und suggestiv daherkommt, muss auch einmal grundsätzlich in Frage gestellt werden, wenn man zu dem vordringen will, was ohne Zweifel als berechtigtes, menschliches Interesse hinter ihr steht.

Ein Teilaspekt des Problems ist dabei die zu starke Betonung des Rechtsaspektes. Es hat sich vielerorts insbesondere das »Recht auf Inklusion« im Bewusstsein festgesetzt. Wer nicht inkludiert, verstößt gegen ein »Menschenrecht«. Für Recht und Gesetz aber sorgt der Staat. Die Inklusion wird dadurch in letzter Instanz Sache des Staates. Meiner Meinung nach wäre es lediglich Aufgabe des Staates, der Inklusion keine Steine in den Weg zu legen. Der Rest ist den Menschen zu überlassen. Und ob jene Inklusion wollen oder nicht, muss sich aus deren lebendigem Geistesleben – dem Diskurs, der Begegnung, der individuellen Initiative – ergeben. Es ist nicht möglich, jene inneren Haltungen, die Voraussetzung gelingender Inklusion sein könnten – Offenheit, Interesse, Toleranz, Rücksichtnahme – per Dekret von oben einzufordern. Man kann Geisteshaltungen nicht auf dem Umweg über den Rechtsstaat herbeiführen. Inklusion muss eine freie Tat sein. Wer inklusive Schulen will, muss die Leute begeistern, anstatt sie wegen eines »Menschenrechtsverstoßes« zu ermahnen! Und er muss sich auch damit abfinden können, wenn sie sich nicht begeistern lassen. Ich wünsche mir weniger Propagandaveranstaltungen und -artikel zum Thema »Inklusion« als mehr kontroverse und profilierte Debatten.

Zum Autor: Stefan Oertel ist Klassenlehrer der 2. Klasse der Hans Müller-Wiedemann Schule, einer Heilpädagogischen Schule in Mannheim.

Kommentare

Norbert , 02.12.12 10:12

Dem Artikel kann ich in vielen Aussagen nicht folgen. Was ist und woher kommt Inklusion? Jedenfalls nicht aus der Waldorfpädagogik oder dem Heilpädagogischen Kurs Rudolf Steiners: http://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/inklusion.html

Rüdiger Reichle, Witten, 18.12.12 10:12

Schade; die Bedeutung der Tatsache, dass der Gedanke der Inklusion gerade dieser Tage unser aller Ringen um die Fortentwicklung unserer Pädagogik erhellen und kräftigen könnte, kann nicht erahnt werden, wenn wir nicht etwas tiefer und hintergründiger als im obigen Artikel zu verstehen suchen, worum es sich beim Inklusionsgedanken eigentlich handeln könnte. Auf mich wirkt der Artikel so, wie wenn jemand eine feste Position einnehmen wollte, um diese dann gegen wenn auch immer zu verteidigen.

Raus aus den Gräben, kommt ins Gespräch: was erwarten Kinder, die heute auf die Erde kommen, von uns? Was ist das Moderne am Impuls Rudolf Steiners für die Pädagogik? Was müssen wir für die Gegenwart weiter entwickeln? Recht? Staat? Fantasie!

Stefan Oertel, Mannheim, 18.12.12 17:12

Ich gebe zu, dass ich das, was ich hinstellen wollte, recht hölzern hingestellt habe. Der Artikel mag tatsächlich so erscheinen, als wöllte da jemand feste Position beziehen. Eventuell ist aber auch aufgefallen, dass ich eigentlich gar nicht GEGEN Inklusion - was immer darunter verstanden wird - Position beziehe. Ich spreche mich aber auch nicht DAFÜR aus. Der Punkt ist ein ganz anderer.

Es gibt eine Auffassung von Inklusion, die in Sonderschulen Diskriminierungsanstalten sehen muss. Die Schule für alle sieht sie als menschenrechtlich gefordert an. Dies ist die Auffassung gegen die ich mich wende.

Andere verwenden das Wort "Inklusion" und meinen eigentlich "Freiheit im Geistesleben": da ist es dann der Initiative der Menschen an einem bestimmten Ort überlassen, ob sie Regelschulen, Sonderschulen, inklusive Schulen oder was auch immer gründen bzw. unterstützen wollen. Wichtig wäre natürlich, dass die Frage, welches Kind an welche Schule geht, vom Kind aus beantwortet wird. Dazu muss das Kind von den zuständigen Eltern und Lehrern eben richtig wahrgenommen werden, ein Vorgang, den man mMn nicht auf Rechtswegen regeln kann (z.B. durch so etwas Seltsames wie staatliche Zuweisungen eines Kindes zu einem bestimmten Schultyp!).

Ich habe die Bedenken, dass viele, die eigentlich "Freiheit des Geisteslebens" im og. Sinn wollen sich nicht ganz klar darüber sind, dass "Inklusion" durchaus etwas anderes bedeuten könnte - nämlich den in der Überschrift zum Artikel benannten Zwang zur Inklusion. Insbesondere innerhalb der Waldorfbewegung wäre mir wichtig, dass man sich gegen einen solchen Zwang ausspricht. Daher finde ich es eben gar nicht so sehr unsere Aufgabe für "Inklusion" zu agitieren, als für ein wirklich richtig verstandenes "freies Geistesleben" (zu dem natürlich noch viel mehr gehört, als die Freiheit der Schulformen). Eine Leseempfehlung: http://www.dreigliederung.de/schulfreiheit/essays.html

In pädagogischer Hinsicht wünsche ich mir die genannte ergebnisoffene Diskussion, bei der nicht schon von Vornherein feststeht, dass Steiner auch Inklusionsbefürworter gewesen wäre, weil an der Uhlandshöhe mal dies oder jenes praktiziert worden sein soll... Es gibt auch bedenkenswerte Argumente für Sonderschulen! Wie kann es denn sein, dass der Waldorfbewegung (bis auf wenige Ausnahmen) erst am Tag der UN-Konvention plötzlich kollektiv einfällt, dass man ja schon immer eigentlich inklusiv sein wollte? Hat man sich da nicht von einer gutklingenden Idee, die aber leider auch eine ziemliche Abstraktion ist, ein Stück weit mitreißen lassen? Hat man vielleicht weniger pädagogisch geschaut als politisch? Denn das wäre ja auch schlimm, wenn sich nun die Waldorfs, die doch so gerne Vorreiter sein möchten, gegen eine so progressiv sich gebärdende Idee stellen würden oder sie zumindestens hinterfragten!

Eine sehr schönes, differenziert kritisches Statement zu "Inklusion und Waldorfpädagogik" gibt es von der Johanna-Ruß-Schule in Siegen:
http://www.waldorf-net.de/j-r-s/archiv/0000023.pdf

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