Inklusion leben

Von Götz Kaschubowski, März 2021

Ein »Oh je« will sich aufdrängen, schon wieder ein Buch zum Thema Inklusion. Ist denn nicht schon alles hundert Mal gesagt und genauso oft geschrieben worden? Vielleicht ist es das.

Aber Ulrike Barth legt mit ihrem Werk etwas Neues vor: Ein Arbeitsbuch, das uns Lehrer tatsächlich bis zum Ende unseres Berufslebens begleiten kann.

Die Verfasserin stellt Fragen und Aufgaben, die nur wir für uns beantworten können. Verändert unsere Antwort unsere pädagogische Praxis, können wir dieselbe Frage erneut ins Bewusstsein rufen. Und wieder wird die Praxis von einer weiteren Reflexion profitieren. Für eine junge Kollegin geradezu ein wenig frech, fordert sie uns auf, allen Kindern im Miteinander die Möglichkeit eines individuellen Höchstmaßes an Aneignung von Welt zu bieten.

Doch sie tut es nicht als Professorin aus dem akademischen Elfenbeinturm, so wie wir es leider aus vielen Publikationen kennen. Vielmehr wird hier erlebte eigene Praxis reflektiert, in den Zusammenhang der erziehungswissenschaftlichen Theorie gestellt und in Arbeitsvorschläge umgesetzt.

Ulrike Barth hat selbst 15 Jahre lang als Leiterin der Freien Waldorfschule Berlin-Kreuzberg die Umgestaltung ihrer Schule mitgestaltet und mit durchlitten. Sie kennt die Hürden und Freuden der harten Arbeitsprozesse.

Schon Jakob Muth hat aus seinem Essener Schulversuch in den 1980er Jahren über das Scheitern berichtet. Und dennoch hat er an der Idee des Miteinanders aller Kinder festgehalten. Im kommunalen Index für Inklusion findet sich folgender programmatischer Satz: »Inklusion kann jederzeit an jedem Ort beginnen.«

Ulrike Barth steigert ihn zu der Aufforderung: Die Veränderung muss mit Dir und insbesondere in Deinem Bewusstsein beginnen. Also befrage Dich, lieber Leser: Welche Haltung nimmst Du ein? Hast Du Visionen? Kannst Du Dich für Veränderungen begeistern? Welche Bilder leben in Dir? –

Das Buch umfasst neun Kapitel, die in der Kürze hier nicht besprochen werden können. Im Mittelpunkt steht die Waldorfpädagogik als ein dynamisch zu erfassendes Geschehen, das jedem Kind helfen kann, seinen Weg in die Welt zu finden: »In der Waldorfpädagogik«, schreibt sie, »sind die Unterrichtsmethoden vorgängig, da sie Wege beschreiben, Lernen zu initiieren und Lernfähigkeit zu entfalten … Es existieren exemplarisch unterrichtsmethodische Ansätze und durch die anthroposophische Erkenntniswissenschaft ist eine Orientierung für den anthropologisch-entwicklungspsychologischen Rahmen der individuellen Lernbedingungen und der Lehr- und Lernmethoden gegeben.«

Es ist der Verfasserin zu danken, dass sie den alten Streit, ob Förderschulen abgeschafft werden müssen, nicht thematisiert. Er ist so überflüssig, wie wir Inklusion auch immer als Vision verstehen müssen. Denn wer wollte ernsthaft bezweifeln, dass wir mit Konzepten der Heilpädagogik ihrem Anliegen widersprechen. Deshalb muss man Ulrike Barths Buch allen Waldorflehrern ans Herz legen. 

Ulrike Barth: Inklusion leben. Ein Arbeits- und Forschungsbuch zur Inklusion an Waldorfschulen, brosch., 227 S, EUR 21,95, Verlag Beltz Juventa, Weinheim 2020

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