Integration ist keine Einbahnstraße

Von Sabine Marmitt-Glass, Juli 2016

An der Waldorfschule im saarländischen Walhausen wird Integration gelehrt und gelebt. Ein Modellprojekt soll jugendlichen Zuwanderern die Chance auf eine selbstständige und selbstbestimmte Zukunft eröffnen.

Im Rahmen des Erasmus-Programms, an dem die Waldorfschule Saar-Hunsrück in Walhausen mit vier weiteren europäischen Schulen teilnimmt, griffen Oberstufenschüler die Flüchtlingsproblematik auf, um sich während eines Workshops in England intensiv mit dem Thema zu beschäftigen. Zurück kamen sie mit der einen zentralen Frage: Wie können wir als Schule jungen Menschen, die durch Krieg und Zerstörung aus ihren Ländern vertrieben wurden, einen neuen Ort der Sicherheit und des Aufgehobenseins ermöglichen?

Der Impuls wurde von einer Gruppe von Lehrern aufgegriffen. Umfassende Recherchen vor Ort folgten. Am Ende gab es ein Konzept, das Kollegium, Vorstand und Schulleitungskonferenz gleichermaßen überzeugte: Das Projekt »Alle sind gleich verschieden« war geboren.

Die Umsetzung erfolgte prompt. Matthias Valentin und Redouane Lify, ein Kollege, der ursprünglich aus Marokko stammt und Arabisch spricht, nahmen zusammen mit einigen Schülern Kontakt zum Max-Braun-Zentrum in Steinberg-Deckenhardt auf. In dem Feriendorf waren damals rund 50 männliche Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren untergebracht. Die Abordnung aus Walhausen stellte ihre Schule vor und lud zum Kennenlerntag ein. »Das Aufnahmeverfahren erfolgte analog zu unserem Verfahren zur Aufnahme von Quereinsteigern«, berichtet Valentin. »Erst fand eine zweiwöchige Hospitation statt, dann wurde über die Aufnahme für ein Probejahr entschieden.« – So kam es, dass die Schule plötzlich durch 19 Schüler bereichert wurde, erinnert sich Ursula Kirchdörfer, die für Deutsch als Fremdsprache qualifiziert ist und den Stundenplan für die Neuankömmlinge entworfen hat. Die »Neuen« nehmen zurzeit nur teilweise am Regelunterricht teil, nämlich in den Fächern, in denen die sprachliche Kommunikation nicht im Vordergrund steht, wie zum Beispiel in den künstlerischen und handwerklich-technischen Fächern, in Musik, Mathe und Sport. Im Hauptunterricht und in den übrigen Fachstunden findet »Deutsch intensiv« und Kleingruppenarbeit zur Vertiefung des Gelernten statt. Sobald die neuen Schüler in der deutschen Sprache fit sind, werden sie vollständig am Regelunterricht teilnehmen und in die bestehenden Klassen integriert. Das Projekt sieht vor, dass Schulplätze für ein bis vier Migranten pro Klasse zur Verfügung stehen.

Die Elternvertretung war zwar von Anfang in den Prozess einbezogen – trotzdem gab es auch kritische Stimmen. »Und wer bezahlt das alles?«, lautete die Frage, die einige Eltern stellten. Valentin und seine Mitstreiter können Entwarnung geben. Ihre intensive Lobbyarbeit hat sich gelohnt. Die Finanzierung steht, denn die neuen Schüler werden staatlich bezuschusst wie andere Schüler. Auch die Kosten des zusätzlichen Sprachunterrichts werden vom saarländischen Bildungsministerium erstattet. Für Transport, Schulverpflegung und Unterrichtsmaterialien kommt das Jugendamt auf. Die Flüchtlinge wohnen inzwischen in einem Wohnhaus der Stiftung Hospital in Sankt Wendel und in einer Wohngruppe des Pallotti-Hauses in Eiweiler. Beide Standorte haben die zuständigen Jugendämter so gewählt, dass die Jugendlichen weiterhin ihre neue Schule erreichen können.

Adham (16) hat den wahrscheinlich kürzesten Schulweg. Er wohnt seit ein paar Wochen bei einer Gastfamilie in Walhausen. Für Adham ist die Waldorfschule »die erste richtige Schule«, die er in Deutschland besucht. »In Syrien waren wir 50 Schüler in einer Klasse. Fächer wie Kunst und Sport hatten wir nicht. Und wir hatten auch weniger Zeit zum Nachdenken.« Mahmud (12) erzählt, dass er die Schule in Deutschland nicht anders findet als die in Syrien vor dem Krieg. Khalil (17) hatte acht Monate keinen Unterricht mehr. Mudasser (16) ist noch nie zur Schule gegangen. Vor seiner Flucht aus Afghanistan arbeitete er als Holzfäller. Das lange Sitzen am Vormittag fällt ihm schwer. Aber Mudasser will lernen – »Schritt für Schritt«, zitiert er seinen Lehrer – und »Bitte nur in Deutsch!«

Keine Frage: Die neuen Schüler sind ehrgeizig, lernwillig und hochmotiviert. Ihre Erwartungen sind groß – auch wenn sie immer noch Angst haben, Fehler zu machen. Jonas (17) aus der zwölften Klasse sieht das Ganze eher pragmatisch. »Wenn Probleme auftauchen, muss man sie in die Hand nehmen. Bei Missverständnissen im Unterricht sind lange Belehrungen oft weniger effektiv. Da ist es besser, mit einem Spaß zu reagieren.«

Der Umgang zwischen Migranten und Einheimischen ist herzlich und höflich. Es ist schön, zu sehen, wie viel entspannter und offener die Zuwanderer geworden sind. Nach und nach haben sich Freundschaften entwickelt, gemeinsame Interessen herauskristallisiert. So wurde beispielsweise eine Fußball-AG ins Leben gerufen, in der regelmäßig zehn bis 15 Jungs trainieren.

Ursula Kirchdörfer und Matthias Valentin sind überzeugt vom Erfolg des Projekts. Sie wollen ihre Schüler zu »Weltbürgern« erziehen. Indem sie Flüchtlinge an der Schule integrieren, geben sie auch den eigenen Schülern die Chance, ihre Perspektive auf die Welt zu erweitern. Integration ist keine Einbahnstraße.

Zum Autorin: Sabine Marmitt-Glass ist Schulmutter an der Waldorfschule Saar-Hunsrück.

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