Interkulturalität: Baustein der Lehrerbildung

Von Jürgen Lohmann, Juli 2012

Nursen Gülbeyas ist Teilnehmerin der diesjährigen Ausbildungsgruppe des schulpraktischen Jahres am Hamburger Seminar für Waldorfpädagogik, wo sie sich als Lehrerin der in Gründung befindlichen interkulturellen Waldorfschule in Hamburg-Wilhelmsburg auf ihre Aufgabe vorbereitet.

Nursen Gülbeyas, Teilnehmerin der Ausbildungsgruppe des schulpraktischen Jahres am Hamburger Seminar für Waldorfpädagogik

Nursen Gülbeyas ist türkischer Herkunft. Durch sie und ihr Engagement ist der interkulturelle Impuls in der Studentengruppe präsent, was wiederum die Kursleitung motivierte, »Interkulturelle Pädagogik« in den Themenkanon aufzunehmen. In unserem Kurs diskutieren wie eine ganze Reihe von Fragen:

• Welche Bedeutung hat die Muttersprache für die Identitätsentwicklung des Menschen?

• Wie vereinbart eine Pädagogik die Ansprüche von Individuum und Gemeinschaft?

• Wie und wann bin ich als Lehrer vor dem Hintergrund der eigenen Kulturalität unbewusst hierarchisierend tätig?

• Worin liegt die Stärke der Unterschiedlichkeit?

• Was ist Heimat?

• Welche Rolle spielt die Religionszugehörigkeit und was ist das Verbindende der verschiedenen Religionen?

Im Verlauf der Auseinandersetzungen wurde den Studierenden bewusst, dass ihr pädagogisches Handeln neue Formen finden muss, die sich ausschließlich an den Schülern orientieren. Dabei sind die Vorstellungen des Lehrers nachrangig; sie sind aber vorhanden und beeinflussen das pädagogische Tun unbewusst. Wie entwickelt der Lehrer also eine vorurteilsbewusste Begegnungsfähigkeit? Damit werden Fragen der emotionalen Selbstführung und inneren Schulung des Lehrers gestellt. Nursen Gülbeyas schrieb ihre Seminar-Abschlussarbeit zum Thema »Interkulturalität«.

Sie verwies in ihrem Referat auf die Geschichte der Interkulturellen Pädagogik, die zu einer weiteren Erkenntnis der Studierenden führte und für ihr zukünftiges Lehrersein auch einer allgemeinbildenden Waldorfschule relevant ist: von »Ausländerpädagogik« über »transkulturelle Pädagogik« hin zu einem Ansatz, der die individuellen und gesellschaftliche Differenzen nicht nur als Ausdruck oder Folge von ethnischen, religiösen oder nationalen Kulturen versteht, sondern die sozialen, geschlechts- und altersspezifischen Aspekte in die »Identitätskonstruktionen und Lebensstile« (Brater) einbezieht. Dieser neue »Diversity«-Begriff prägt zur Zeit die erziehungswissenschaftliche Forschung zum Thema Interkulturalität; sie eröffnet eine Perspektive, die im Grunde eine genuin waldorfpädagogische ist, denn die Kernaufgabe dieser Pädagogik ist es, individualisierend zu erziehen.

Die Beschäftigung mit der interkulturellen Waldorfpädagogik führte den Studierenden vor Augen, dass eine exklusive Pädagogik verwandelt werden muss in eine im weitesten Sinne inklusive.

Zum Autor: Jürgen Lohmann ist Dozent am Seminar für Waldorfpädagogik in Hamburg

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