Internetabhängigkeit

Von Edwin Hübner, Februar 2016

Wann liegt eine Onlinesucht vor und was können wir tun, um unsere Kinder vor ihr zu schützen?

Foto: © Charlotte Fischer

»Ich habe einen 22 Jahre alten Sohn, der seit über drei Jahren am Computer sitzt und spielt, alles andere ist nur noch Nebensache. Ich bin mit meinen Nerven völlig am Ende und weiß nicht mehr, was ich noch machen soll, komme nicht mehr an ihn ran« – so beginnt der verzweifelte Bericht einer Mutter. Ähnlich ging es einem Elternpaar, das glaubte, sein Sohn würde studieren, um dann festzustellen, dass er sich in seinem total verwahrlosten Zimmer praktisch Tag und Nacht mit dem Online-Rollenspiel »World of Warcraft« beschäftigte. In diesem Fall gelang es den Eltern in einem jahrelangen Kampf, ihrem Sohn zu helfen, sich aus der Abhängigkeit zu befreien. Die Eltern ihrerseits gründeten eine Selbsthilfegruppe für betroffene Familien, die mittlerweile eine große öffentliche Resonanz erfährt.

Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit ist dieses Phänomen verbreitet. Vor allem aus asiatischen Ländern gibt es Berichte extremer Beispiele von Spielsucht, die bis zur tödlichen Erschöpfung führen. Durch staatliche Regelungen versucht man dort, Onlinesucht bei Kindern vorzubeugen. Südkorea erließ beispielsweise 2011 ein Gesetz, das Kindern unter 16 Jahren das Onlinespielen zwischen Mitternacht und 6.00 Uhr morgens verbietet. Eine 13-stellige Identifikationsnummer, die man bei der Anmeldung zum Spiel eingeben muss, soll sicherstellen, dass dieses Verbot eingehalten wird. Weltweit gibt es mittlerweile viele Anlaufstellen und stationäre Therapieplätze für Menschen, die von ihrer Onlinesucht loskommen wollen.

Suchtkriterien

Das Phänomen des extremen Umgangs mit Computern existiert, seitdem es Rechner gibt. Der bekannte Computerpionier und -kritiker, Josef Weizenbaum (1923-2008), beschrieb bereits in den 1970er Jahren junge Männer, die tagelang vor ihrem Computerterminal saßen und sich selbst vernach­lässigten. Als eine Art psychopathologisches Phänomen bezeichnete er dieses zwanghafte Programmieren.

Der New Yorker Psychiater Ivan Goldberg (1934-2013) brachte den Begriff der »Internetsucht« ins Gespräch. Er meinte es allerdings noch spöttisch-ironisch, um die damals entstehende Interneteuphorie zu charakterisieren. Die amerikanische Hochschullehrerin Kimberly S. Young führte, durch Erlebnisse in ihrem privaten Umfeld aufgeschreckt, die ersten Untersuchungen durch und publizierte die ersten Veröffentlichungen zur Internetabhängigkeit. Auf sie gehen im wesentlichen die Kriterien zurück, durch die eine krankhafte Internetnutzung diagnostiziert werden kann.

Bezüglich der Computerspielabhängigkeit herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass diese als Sucht aufgefasst werden kann.

Die »American Psychiatric Association« hat 2013 in ihrer fünften Ausgabe des »Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders« (DSM-V) für die weitere Erforschung der Onlinespielsucht die folgenden Kriterien vorgeschlagen:

1. Andauernde gedankliche Beschäftigung mit dem Internet, auch wenn man nicht online ist.

2. Entzugssymptome: Unruhe, Gereiztheit, Aggressivität, Ängstlichkeit oder Antriebslosigkeit, wenn man den Computer nicht benutzen kann.

3. Toleranzentwicklung: Im Laufe der Zeit dehnt sich die Nutzungszeit immer mehr aus.

4. Kontrollverlust: Alle Versuche, die Internetzeit zu begrenzen, scheitern.

5. Negative Konsequenzen durch den exzessiven Internetgebrauch (gesundheitliche, psychische und soziale Folgen) werden in Kauf genommen.

6. Verengung der Interessen: Alle vorherigen Interessen oder Hobbys gehen verloren.

7. Regulierung von Gefühlen: Man nutzt die Beschäftigung mit dem Computer, um unangenehme Gefühle, wie Schuldgefühle, Hilflosigkeit und Angst zu verdrängen.

8. Verheimlichung: Man täuscht sein soziales Umfeld über das wahre Ausmaß der Onlinezeiten.

9. Gefährdungen und Verluste: Um der Onlinezeiten willen gefährdet der Betroffene wichtige menschliche Beziehungen, Karrieremöglichkeiten oder gar den Arbeitsplatz.

Wenn mindestens fünf dieser Symptome über eine Periode von zwölf Monaten vorliegen, dann kann nach DSM-V von einer »Internet Gaming Disorder« gesprochen werden. Andere Stimmen, wie der Fachverband Medienabhängigkeit plädieren allerdings dafür, bereits nach drei Monaten die Diagnose Internetabhängigkeit zu stellen.

Die Onlineabhängigkeit tritt hauptsächlich in drei Formen auf:

Online-Kommunikationsucht

Online-Spielsucht

Online-Sexsucht.

Erfahrungswerte der Beratungsstellen zeigen, dass Online-Sexsucht und Online-Spielsucht vor allem bei Männern auftreten, während die Online-Kommunikationssucht haupt- sächlich bei Frauen festgestellt wird.

Verbreitung

Wie verbreitet ist die Onlinesucht? Seit Ende der 1990er Jahre gibt es weltweit eine Reihe von Studien, die allerdings nur eine Schätzung des realen Ausmaßes ermöglichen, da ihre Ergebnisse nicht einheitlich sind: Je nach Studie liegt der festgestellte Anteil der Abhängigen zwischen ein Prozent und 15 Prozent (Hongkong). Die 2011 veröffentlichte Studie zur Prävalenz der Internetabhängigkeit (PINTA) stellte fest, dass in Deutschland 560.000 Menschen online-abhängig sind (1 Prozent der 14- bis 64jährigen). Weitere 2,5 Millionen werden nach dieser Studie als problematische Internetnutzer eingestuft. Betrachtet man allerdings die Ergebnisse nach Altersstufen, dann zeigt sich, dass in der Gruppe der 14- bis 16-Jährigen 4,9 Prozent der Mädchen und 3,1 Prozent der Jungen Symptome der Internetabhängig­keit aufweisen.

Eine europaweite Studie über das Internetsuchtverhalten von Jugendlichen, deren Daten zwischen Oktober 2011 und Juli 2012 erhoben wurden, kam zu dem Schluss, dass 1,2 Prozent der gesamten Stichprobe (13.284 Teilnehmer) ein Internet-Suchtverhalten zeigte und weitere 12,7 Prozent ein Risikoverhalten aufwies.

Ein Kulturproblem

Solche Zahlen beschreiben nicht bloß das Problem einzelner Menschen, sondern sind Ausdruck einer kollektiven Herausforderung. Die Entwicklung der Technik ging so schnell, dass wir noch nicht das richtige Verhältnis zu ihr gefunden haben. Die Geräte bestimmen immer mehr unseren Alltag und nicht wir selbst. Die Onlineabhängigen sind bloß die Spitze eines globalen kulturellen Problems, das sich mit dem Aufkommen der Smartphones weiter verschärft. Es zeichnet sich ab, dass sich die Onlineabhängigkeit gegenwärtig verlagert. Der Informatiker Alexander Markowetz entwickelte eine App für Smartphones, die akribisch aufzeichnet, was man wie oft mit seinem Gerät macht. Die Auswertung der Daten von 60.000 Anwendern dieser App zeigte, dass im Schnitt jeder pro Tag sein Gerät 88mal aus der Tasche zieht und auf das Display schaut. 53mal macht er dann etwas damit, was auf einen 16-Stunden-Tag verteilt bedeutet, dass im Durchschnitt die Nutzer alle 18 Minuten ihr Gerät bedienen. Die Gesamtdauer der Nutzung addiert sich den Tag über auf rund zweieinhalb Stunden. Davon – so stellt Markowetz fest – werden rund zwei Stunden für Spiele und vor allem für Whatsapp und Facebook verwendet. In der restlichen halben Stunde werden Informationen abgefragt oder telefoniert (sieben Minuten). Bei Jugendlichen liegen die Zahlen etwas höher: Die gesamte Nutzungsdauer liegt bei drei Stunden und es wird etwa hundertmal am Tag auf das Gerät geschaut. Angesichts solcher statistischer Ergebnisse verwundert es nicht, wenn bereits jetzt vielfach von einer »Smartphonesucht« und von »Smombies« gesprochen wird. In asiatischen Ländern wie Südkorea gibt es bereits staatliche Aktionen, die für das zeitweise Ausschalten des Smartphones werben, wie beispielsweise in Seoul die Kampagne 1-1-1: Innerhalb einer Woche an einem Tag, eine Stunde lang das Gerät ausschalten.

Auszeiten tun Not

Die uferlose Überwältigung unseres Alltags durch die vernetzten Geräte fordert von uns, dass wir lernen, Grenzen zu setzen. Das gilt zum einen für Kinder und Jugendliche. Zu ihrem Schutz müssen Erzieher darauf hinwirken, dass sie durch klare Regeln lernen, eine festgelegte tägliche oder wöchentliche Onlinezeit nicht zu überschreiten. Aber auch wir Erzieher und Pädagogen stehen vor der Frage: Wie gehen wir ökonomisch mit unserem »Technikpark« um?

Die vernetzten Techniken bringen uns dazu, auch die kleinen Ruhepausen im Alltag mit Geschäftigkeit auszufüllen. Sie verführen uns zum Multitasking, das heißt, dass wir zwei oder vielleicht mehr Tätigkeiten gleichzeitig betreiben. Das mindert die Kraft, überhaupt etwas richtig zu machen und vor allem zerstört es unsere Fähigkeit zur Konzentration. Wenn die Geräte unsere Aufmerksamkeit aufsaugen und von wichtigen Aufgaben ablenken, dann ist es höchste Zeit, über Strategien nachzudenken, wie man den Informationstechnologien ihren sinnvollen Platz im Leben zuweist und sich Zeiten der Besinnung schafft.

Man kann damit beginnen, wenigstens einen Raum in der Wohnung »medienfrei« zu halten und andere zu haben, in denen die Geräte »zu Hause« sind. Viel wichtiger noch ist es, bewusst Zeiten einzurichten, in denen alle Geräte ausgeschaltet sind, beispielsweise wenn man an einer anspruchsvollen Aufgabe konzentriert zu arbeiten hat. Aber auch bei den Mahlzeiten zusammen mit den Kindern oder bei gemeinsamen Unternehmungen mit ihnen sollte man die Apparate abschalten. Man kann auch damit experimentieren, regelmäßig einen halben, vielleicht sogar einen ganzen Tag in der Woche oder gar ein Wochenende »offline« zu sein. Die Erfahrung zeigt, dass sinnvoll genutzte »Aus-Zeiten« eine Kraftquelle für den elektronischen Alltag der übrigen Woche sein können. Man findet dort die Konzentration und Ruhe wieder, die man braucht, um die großen Vorteile der Informationstechnologien sinnvoll zu nutzen.

Zum Autor: Prof. Dr. Edwin Hübner war Lehrer für Mathematik, Physik und Religion an der Freien Waldorfschule Frankfurt/Main. Seit 2001 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Pädagogik, Sinnes- und Medienökologie (IPSUM) in Stuttgart. Derzeit Dozent an der Freien Hochschule Stuttgart. Autor mehrerer Sachbücher zum Thema Medienerziehung.

Weiterführende Literatur und Links: B. te Wildt: Digital Junkies. Internetabhängigkeit und ihre Folgen für uns und unsere Kinder, München 2015; A. Markowetz: Digitaler Burnout. Warum unsere permanente Smartphone-Nutzung gefährlich ist, München 2015; L. Rosen: Die digitale Falle. Treibt uns die Technologie in den Wahnsinn? Berlin, Heidelberg 2013

http://www.aktiv-gegen-mediensucht.de/

http://www.fv-medienabhaengigkeit.de/

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