Irritiert

September 2020

Gerne habe ich Ihr Editorial, Herr Maurer, in der Septemberausgabe gelesen, vielen Dank dafür! Umso irritierter war ich, dass ich im mehrfachen Durchblättern der Zeitung keinen weiteren Artikel fand, der diesen Standpunkt im Ansatz aufgegriffen hätte – im Gegenteil.

Ein langer Artikel »Vom Wachsstift zum Laptop« möchte zeigen, wie genial doch die Digitalisierung ist und welche enormen Vorteile wir sogar über die »Coronazeit« hinaus mit in unseren Schulalltag nehmen können, indem kranke Kinder auch in Zukunft am Bildschirm mitgenommen werden können.

An und für sich habe ich kein Problem damit, dass auch dieser Standpunkt dargestellt wird und dazu dienen soll, Perspektiven aufzuzeigen oder Möglichkeiten vorzustellen. Aber da der Druck in diese Richtung gesamtgesellschaftlich schon ohnehin riesengroß ist, hätte ich mir gewünscht, dass ein deutlicher Artikel erscheint, der vielleicht gerade zeigt, dass Schüler auch auf anderem Wege (auf dem nicht digitalen, und das auch in der Mittelstufe) gut erreicht und versorgt worden sind.

Toll wäre ein Artikel gewesen, der Mut macht, den Bildschirm wegzulassen und eben diesen scheinbar so einfachen und Verbindung suggerierenden Weg nicht mitzugehen. So bleibt der Artikel alternativlos stehen. Es ist gerade im Moment unglaublich schwer, Eltern gegenüber Position in Bezug auf digitale Medien zu beziehen, auch diese lesen nun den Artikel und fühlen sich noch wesentlich mehr in ihrer Meinung bestärkt, wenn sie nur von diesem Beispiel lesen.

Ich bin der Meinung, dass es für Kinder keinen Gewinn darstellt, wenn ein Distanzunterricht in Zukunft auch an Waldorfschulen vor der Oberstufe auf digitalem Wege stattfindet. Wir alle kennen die Folgen von Bildschirmarbeit. Nicht wenige betrachten mit Sorge die zunehmende Zeit, die Kinder und Jugendliche vor ihren Handys und Computern verbringen. Kein Elternteil wird seinem Kind sagen, dass es, wenn es am Vormittag schon zwei Stunden am Laptop »gelernt« hat, für den Tag seine Laptopzeit aufgebraucht hat und nun leider dem »Zocken« nicht mehr nachgehen darf. Also kommt die Zeit noch obendrauf.

Aber ist das vielleicht der zu tolerierende Preis, wenn dafür Beziehung gepflegt wird? Ich denke: Nein. Es ist ja nur die Illusion einer Begegnung, eine wirkliche Begegnung kann auf diesem Wege ja gar nicht stattfinden.Ich diesem Sinne würde ich mich freuen, wenn andere Standpunkte zu diesem Thema erscheinen würden, die Anregungen für gangbare Alternativen zum Digitalunterricht aufzeigen. 

Mit freundlichen Grüßen

Sarah Traupe, Klassenlehrerin einer 6.Klasse, Freie Waldorfschule Dinslaken

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