Jede Kunst braucht Regeln

Von Dora Vinzenz, Juli 2010

Leserbrief zu dem Beitrag »Expressiv, existenziell und konventionsfern« von Eduardo Jenaro in Heft 5/2010

Den Aufsatz von Eduardo Jenaro habe ich mit Interesse gelesen. Der Autor fordert eine zeitgemäße Form des Eurythmie-Unterrichts für die Oberstufe. Er hat ein Konzept entwickelt und Erfahrungen damit gesammelt. Zeitgemäßer Unterricht ist gut und wichtig. Aber der Weg, den Jenaro geht, ist äußerst fragwürdig. Er entfernt sich bei seinen Experimenten weit von dem, was Eurythmie eigentlich ist. Außerdem enthält der Artikel Behauptungen, denen widersprochen werden muss.

Jenaro schreibt: »Jugendliche werden krank, wenn sie eine Eurythmie voll bürgerlichem Harmoniebedürfnis machen müssen … dieses Krankwerden drückt sich im Extremfall als Hass aus.« Der klassische Eurythmie-Unterricht der Oberstufe ist nicht nur brav und harmonieorientiert. Er kennt sehr wohl Spannung, Auseinandersetzung, Tempo und Dramatik, und die Gesetze der Eurythmie, die Rudolf Steiner entdeckte, sind freilassend genug, um die ganze Bandbreite der Gefühlswelt auszudrücken. Als langjährige Eurythmie-Begleiterin konnte ich oft begeisternde Stunden und Aufführungen miterleben. Die Jugendlichen waren mit viel Einsatz dabei. Es herrschte eine Atmosphäre voller Freude und Kreativität, von Hassgefühlen war keine Spur. Natürlich setzt das voraus, dass der Lehrer selbst mit Enthusiasmus hinter seiner Arbeit steht. Dann springt der Funke über. Aber das gilt schließlich für jedes Unterrichtsfach. Die Frage nach dem Sinn der Eurythmie wird tatsächlich gestellt. Aber ist das ein Fehler? Der »Nutzen fürs Leben« ist bei Fächern wie Sprachen oder Naturwissenschaften viel offensichtlicher als bei der Eurythmie. Deren verborgene Wirkung kann im Gespräch gezeigt werden: ihr Einfluss auf die Lebenskräfte, auf das soziale Verhalten, auf die Bewusstseinsbildung. Solche Informationen werden von den Jugendlichen dankbar aufgenommen. Sie wollen wissen, was sie tun.

Jenaro schreibt: »Eine Eurythmie für die Jugend ist erst dann sinnvoll, wenn die allgemeinen Bewegungselemente der Eurythmie im künstlerischen Sinne zerschlagen werden …« Jede Kunst und jede Wissenschaft braucht Gesetze und Regeln. Die Musik hat die zwölf Töne und die Intervalle, die Architektur die Statik und die Malerei die Farbenlehre. Diese Gesetze sind zeitlos, mit ihnen umzugehen, gehört zum Handwerkszeug des Künstlers. Ebenso ist es mit den Gesetzen, die Rudolf Steiner der Eurythmie mit auf den Weg gab. Wer diese Gesetze »zerschlägt«, kann aus den Scherben keine Eurythmie aufbauen. Es entstehen persönlich gefärbte Gebärden, vielleicht eine Art Ausdruckstanz, im schlimmsten Fall chaotische, sinnlose Bewegungen. Das alles hat nichts mit Eurythmie zu tun und sollte deshalb auch nicht so bezeichnet werden. Dass die Schüler dieses Spiel mitmachen, ist nicht verwunderlich. Sie durchschauen ja nicht, was wirklich geschieht und fühlen sich »frei«. Aber eine Freiheit, die keine geistigen Gesetze anerkennt, ist Willkür. Das ist nicht mit dem Lernziel der Waldorfschulen zu vereinbaren.

Vergleiche den Beitrag von Eduardo Jenaro in Heft 5/2010.

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