Jeder Bürger ist ein Banker. Warum Banken unverzichtbar sind

Von Alexander Schwedeler, Januar 2012

Staaten stehen vor dem Bankrott, das Finanzsystem kommt ins Schleudern. Weltweit regt sich der Protest gegen Banken, die im Mittelpunkt der Krise stehen. Wut und Ohnmacht mischen sich bei den Bürgern, wenn »Finanzjongleure« ihr Geld verspielen. Die komplexen Finanzmärkte sind kaum zu durchschauen, selbst Experten stoßen an Grenzen. Alexander Schwedeler, Geschäftsleiter der weltweit führenden nachhaltigen »Triodos Bank« wirft einen Blick auf die eigentlichen Aufgaben der Banken und ihre verantwortungsvolle Funktion in der Gesellschaft.

Foto: Wolfgang Schmidt

Banken halten den Wirtschaftskreislauf in Schwung. Diesen Kreislauf beschrieb als erster der französische Arzt Francois Quesnay (1694-1774), der sich durch die Forschungen des Engländers William Harvey (1578-1657) inspirieren ließ. Harvey gilt als Pionier der modernen Medizin, weil er den Blutkreislauf beim Menschen entdeckt hat. Das Konzept des Kreislaufs wendete Quesnay auf die Wirtschaft an – ein revolutionärer Schritt, da sich die Menschen bis dahin nur mit einzelwirtschaftlichen Aktivitäten beschäftigt hatten. Quesnays grundlegende Ideen haben nichts an Aktualität verloren, auch wenn sich die Wirtschaft seit dem 18. Jahrhundert stark verändert hat. Die Studenten der Volkswirtschaftslehre lernen auch heute noch, dass der Wirtschaftskreislauf aus fünf Bereichen besteht: Haushalte, Unternehmen, Staat, Ausland und dem so genannten »Vermögensänderungspol«, zu dem auch die Banken gehören.

Um die Darstellung zu vereinfachen, ist ab jetzt nur von Haushalten, Unternehmen und Banken die Rede. Zwischen diesen drei Sektoren entstehen Geld- und Güterströme, die sich in einem Kreislaufschema wiedergeben lassen. Der realen Arbeitsleistung der Haushalte stehen entsprechende Lohn- und Gehaltszahlungen gegenüber, die von den Unternehmen kommen. Auch dem realen Strom der Konsumgüter entspricht ein monetärer Strom, der denselben Wert hat. Geld- und Güterströme verhalten sich spiegelbildlich (siehe Graphik in der Printausgabe).

Entscheidend ist dabei eine bestimmte Funktion der Haushalte. Sie beziehen von den Unternehmen Einkommen, das sie zweifach verwenden: Sie kaufen bei ihnen Konsumgüter – und sie sparen einen Teil des Geldes. Würden die Haushalte ihre Ersparnisse einfach unter die Matratze legen, wäre dieses Kapital für die Gesellschaft verloren. Dieses Phänomen nennen Ökonomen »Geldhortung«. Sie lässt sich auch am Beispiel eines Menschen verdeutlichen, der durch eine Verletzung verblutet – sein Blutkreislauf bricht einfach zusammen. Blut und Geld müssen weiter zirkulieren, um das gesamte System am Leben zu erhalten. Diese Aufgabe übernehmen im Wirtschaftskreislauf die Banken, sie sind das schlagende Herz einer Ökonomie. Ohne Banken geht es heute nicht mehr. Denn eine Wirtschaft kann nicht allein auf Basis von Konsum funktionieren. Die Zirkulation von Geld über Banken ist essentiell: Privatpersonen müssen sparen können (so zum Beispiel für die Altersvorsorge) und Unternehmen können nicht allein aus Umsätzen und Gewinnen Investitionen tätigen.

Wie kamen die Banken zu dieser großen Verantwortung?

Dazu hat der Ökonom Richard Douthwaite 2002 in seinem Buch »Die Ökologie des Geldes« eine beispielhafte Geschichte erzählt: Im Mittelalter brachten die Menschen Münzen aus Gold und Silber zu ihrem Goldschmied, um sie sicher bei ihm zu deponieren. Er gab ihnen dafür Quittungen, die mit der Zeit ein Eigenleben entfalteten. Wer eine Ware kaufen wollte, tauschte nicht mehr seine Quittung gegen die entsprechenden Münzen ein. Vielmehr bezahlte er direkt mit seiner Quittung, auf der nicht nur seine Name stand, sondern später auch die Formulierung »oder Überbringer«. »Weil Münzen schwer und mit einem hohen Transportrisiko behaftet sind, entwickelten sich die neuen Quittungen schnell zur bevorzugten Methode, Rechnungen zu begleichen«, schreibt Douthwaite. Das geschah etwa seit 1670.

Goldschmiede erfinden den Kredit

Dann machten die Goldschmiede eine Entdeckung: In ihren Tresorräumen lagerten viele Münzen, die kein Eigentümer zurückhaben wollte. Sie konnten als Deckung dienen, um weitere Quittungen in Umlauf zu bringen – die Goldschmiede gewährten Kredite und verdienten an den Zinsen. Das Kunststück bestand darin, das richtige Verhältnis zwischen Kreditvolumen und Einlagen zu bestimmen. »Falls nämlich mehrere Besitzer von Quittungen in kurzer Zeit zu ihm kamen, und der Goldschmied nicht genug Gold und Silber in seinem Safe hatte, um sie auszubezahlen, war er gezwungen, sein Geschäft in Schimpf und Schande aufzugeben«, so das Ende von Douthwaites Geschichte.

An diesem Sachverhalt hat sich nichts geändert, denn auch heute ist für jedes Kreditinstitut der »Bank Run« eine große Gefahr: In einer Krisensituation wollen viele Kunden gleichzeitig ihr Geld abheben, doch die Bank hat längst nicht genug Bargeldreserven, um diesen Wunsch zu erfüllen. Eine Pleite droht … Genau das ist 2007 der britischen Bank »Northern Rock« passiert: In wenigen Tagen hoben die Kunden etwa zwei Milliarden Pfund (rund 2,9 Milliarden Euro) ab. Sogar die Öffnungszeiten der Schalter wurden verlängert, um den Ansturm ängstlicher Anleger zu bewältigen. Um die Situation zu beruhigen, übernahm der britische Staat eine Garantie für die Einlagen.

Banken schließen den Geldkreislauf

Die Geschichte von Douthwaite zeigt, wie auch heute das Mindestreserven-System der Geschäftsbanken arbeitet – als Basis für das traditionelle Kerngeschäft der Banken: Auf der einen Seite sammeln sie Ersparnisse ein, auf der anderen Seite vergeben sie mit diesen Mitteln Kredite. Auf diese Weise schließen sie den Geldkreislauf in der Wirtschaft – und die Ökonomie kann nicht »verbluten«, weil immer genug Geld im Umlauf ist. Das ist die zentrale Aufgabe des gesamten Bankensektors, der damit eine hohe Verantwortung in modernen Gesellschaften übernimmt. Denn die Unternehmen sind erst durch die Vermittlerrolle der Banken in der Lage, alle nötigen Investitionen zu finanzieren. Sie schaffen das in der Regel nicht aus eigener Kraft, daher muss der Geldkreislauf immer geschlossen sein.

Und welche Aufgabe hat der Zins? Die traditionelle Ökonomie betrachtet ihn als Anreiz, Ersparnisse bei einer Bank anzulegen. Die Einleger verzichten auf Konsum in der Gegenwart, weil ihr Geld erst nach einer Weile wieder zur Verfügung steht. Dafür wollen sie eine Entschädigung. Außerdem riskieren sie den Verlust ihres Geldes, was zum Wunsch nach einer Risikoprämie führt. Als dritte Zinskomponente kommt ein Inflationsausgleich dazu, damit die Geldanlage nicht an Kaufkraft verliert. Der Zins zieht also das Geld der Anleger zurück in den Wirtschaftskreislauf – sonst würde ein hoher Anreiz bestehen, Geld einfach zu horten. Auch dann »verblutet« die Ökonomie, weil nicht genug Geld im Umlauf bleibt. Fließt das Geld aber in einer ausreichenden Menge, verdienen die Banken an der sogenannten Zinsdifferenz: Sie zahlen an ihre Einleger geringere Zinsen, als sie von ihren Kreditnehmern verlangen. Damit müssen sie ihre Kosten decken, etwa die Gehälter der Mitarbeiter, und einen vernünftigen Gewinn erwirtschaften, den sie zum Teil an ihre Anteilseigner ausschütten und zu weiterem Wachstum nutzen. Doch in den letzten Jahrzehnten waren die Banken mit dieser Zinsdifferenz nicht mehr zufrieden: Sie entwickelten immer neue Finanzprodukte, die höhere Renditen versprachen – und mit größeren Risiken verbunden waren. Gleichzeitig verfolgten die meisten Staaten eine Politik der Deregulierung, weil der Glaubenssatz galt: Finanzmärkte sind besonders effizient, wenn sie weitgehend sich selbst überlassen bleiben. Die Folgen sind bekannt: Seit 2008 ist eine weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise ausgebrochen, inklusive milliardenschwerer Aktionen zur Rettung der Banken, die der Steuerzahler zu bezahlen hat.

Geschäfts- und Investmentbanken gehören nicht zusammen

Angesichts dieser schweren Krise scheint die Forderung vernünftig zu sein: »Back to the Roots!« Die Bankenwelt muss sich auf ihre ursprüngliche Aufgabe besinnen. Denn ihr gesellschaftlicher Auftrag lautet: Einlagen einsammeln und auf deren Basis Kredite vergeben. So sichern die Banken den Geldumlauf und versorgen die Realwirtschaft mit den nötigen Mitteln, um Investitionen zu finanzieren. Dazu ist es nötig, Geschäfts- und Investmentbanken zu trennen: »Risikoreichere Geschäfte müssen dem Investment Banking überlassen bleiben«, sagt Gustav Horn, der Direktor des »Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung« (IMK). Geschäftsbanken müssten sich auf risikoärmere Produkte beschränken, so Horn gegenüber dem Handelsblatt Online. Ein solches Trennbankensystem sei »unerlässlich«, um ein stabiles Finanzsystem zu erreichen.

Eine weitere Forderung: Derivative Produkte sind aufzugeben, wenn sie nicht unmittelbar der Realwirtschaft dienen. Es handelt sich dabei um »abgeleitete« Finanzinstrumente, deren Wert sich u. a. aus der Entwicklung bestimmter Wirtschaftsindizes ergibt, zum Beispiel dem »Deutschen Aktienindex« (DAX). Derivate sind zwar sinnvoll, sobald sie realwirtschaftliche Transaktionen absichern (Warentermingeschäfte) – als Mittel zur Spekulation sind sie aber abzulehnen. Außerdem ist der Eigenhandel der Banken ein­zustellen. Darunter sind Finanzgeschäfte zu verstehen, die eine Bank auf eigene Rechnung verfolgt, um zusätzliche Gewinne zu erwirtschaften – ohne dass ein Zusammenhang mit dem Kundengeschäft besteht. Generell gilt: Jeder Kunde sollte wissen, was mit seinem Geld finanziert wird. Transparenz über die Kreditvergabe ist unverzichtbar.

Öko-soziale Rendite

Auch die Ziele einer Geldanlage sind neu abzuwägen: Liquidität, Rendite und Sicherheit – diese drei Begriffe bilden üblicherweise das »magische Dreieck« einer Geldanlage. In Zukunft ist aber ein »magisches Viereck« gefragt; als weiteres Kriterium kommt eine öko-soziale Rendite hinzu. Nachhaltigkeitsbanken handeln bereits heute in diesem Sinne, indem sie das Konzept »People, Planet, Profit« verfolgen: »People« steht für die soziale Seite einer Gesellschaft, in der alle Mitglieder am gesellschaftlichen Leben teilhaben sollen. Das Wort »Planet« verweist auf den ökologischen Aspekt: Eine nachhaltige Gesellschaft bewahrt eine lebenswerte Umwelt für künftige Generationen, zum Beispiel durch Arten- und Klimaschutz. Der Begriff »Profit« deckt den ökonomischen Aspekt ab: Wer nachhaltig wirtschaftet, beutet keine Arbeitskräfte aus und sorgt für gesellschaftlichen Wohlstand. Das heißt konkret: Banken sollen auf keinen Fall kurzfristig ihre Profite maximieren, sondern im Einklang von Mensch, Umwelt und Wirtschaft handeln. Aus dieser Überlegung ergeben sich klare Ausschlusskriterien: Atomkraft, Rüstung, Pornographie oder Glücksspiel sind zum Beispiel keine Wirtschaftsbereiche, in die eine Nachhaltigkeitsbank investiert. Vielmehr fördert sie Projekte, die aus ethisch-ökologischen Gründen erwünscht sind, wie Schulen, erneuerbare Energie oder Ökolandbau.

Der Anleger entscheidet

»Über Geld redet man nicht« – wegen dieser ungeschriebenen Regel machen sich nur wenige Bürger Gedanken, wie das Finanzsystem funktioniert. Denn sonst würden viele Menschen merken: Jeder Bürger ist ein Banker, ein bewusster Umgang mit Geld ist nötig. Denn es liegt in der Verantwortung der Anleger, welcher Bank sie ihr Geld anvertrauen. Entscheidend ist, ob die Bank damit kurzfristig spekuliert – oder langfristig in nachhaltige Projekte investiert.

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