Jeder Mensch ein Künstler?

Von Mathias Maurer, Mai 2010

Liebe Leserin, lieber Leser,

bin ich ein Künstler? – Ich sitze am Computer und schreibe das Editorial dieser Ausgabe. Bin ich ein Schreibkünstler, ein Formulierungskünstler? Ich bin mir da nicht sicher. Das einzige, was ich durch Sie als Leser weiß: Manchmal gelingt es mir besser, manchmal schlechter.

Schön wäre das: Jeder Mensch ein Künstler. Erziehungskünstler, Sozialkünstler, Arbeitskünstler, Bewegungskünstler, Gedankenkünstler, Musikkünstler, Lebenskünstler ... Der Künste gibt es viele, und es gibt nur wenig wahre Künstler. Folgt man der kühnen Behauptung von Joseph Beuys, muss man den Künstler wohl erst entdecken, denn einfach vorhanden ist er nicht. Denn der Stoff an sich – Farbe, Stein, Holz, Worte, der Mensch gar – macht noch keine Kunst. Geht man auf Entdeckungsreise, wird man schnell merken: Den Stoff muss man erst gut kennenlernen, das Instrument beherrschen, man muss Meister im Umgang mit dem »Material« sein – eine recht mühevolle Prozedur, um in einen künst­­lerischen Gestaltungsprozess gehen zu können. Und wann ist es dann so weit?

Auch das kleine Kind ist ein Künstler. Es erschließt sich unablässig sein Potenzial. Es entwickelt sich. Es macht sich auf den Weg, gestaltet Stoff, es setzt sich aktiv in Beziehung zu ihm. Das kann sich mit dem Älterwerden schnell verlieren. – Wann waren Sie das letzte Mal begeistert? Heureka! – auch das eine Kunst, die die Welt und den Menschen verändert.

Ein künstlerisches Geschehen ist keine Einbahnstraße: Es ist ein Ereignis, das seinen Schöpfer ver­ändert und denjenigen, der diesem »Kunstwerk« begegnet und sich ihm öffnet. Sonst ist es keine Kunst und der Mensch kein Künstler.

Die künstlerisch wirksamen Kräfte des Kindes greift der Pädagoge auf. Nach einer gelungenen Unterrichtsstunde ist er nicht mehr derselbe – und die Schüler auch nicht. Dann ist es Erziehungskunst.

Aus der Redaktion grüßt

Mathias Maurer

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