Schule auf dem Weg. Die Freie Waldorfschule Kreuzberg

Von Ulrike Barth, Juli 2013

Die Freie Waldorfschule Kreuzberg war ursprünglich eine einzügige Schule. Als man sich entschieden hatte, zweizügig zu werden, wurde gemeinsam mit Eltern und Mitarbeitern ein integrativer zweiter Zweig begründet.

© Katrin Zillmer

Das liegt jetzt elf Jahre zurück. Mittlerweile sind wir eine sehr große Schule mit einem für Regel-Waldorfschulen üblichen Zweig, in dem die Klassen im Schnitt 34 Kinder haben und von einem Klassenlehrer und einem Fachlehrerteam begleitet werden. Parallel dazu haben wir einen zweiten Klassenzug, mit Klassen von höchstens 20 Kindern ohne und fünf bis sechs Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Diese Klassen werden idealerweise die ersten acht Jahre von einem Team aus Klassenlehrer und Heilpädagogen oder Sonderpädagogen begleitet.

In der Oberstufe ab Klasse 9 ändert sich die Zusammensetzung des Lehrerteams. Ein Sonderpädagoge bleibt möglichst für die Stufe der beiden Parallelklassen zuständig und begleitet beide Klassen in den Kernfächern, in den Epochen jedoch die integrativ / inklusiv arbeitende Klasse. Teilweise gibt es aber auch Epochenprojekte beider Klassen gemeinsam.

Die Fachlehrer stärken das Team der Klassen- oder Fachlehrer. Regelmäßige Stufenkonferenzen sind hierfür vorgesehen.

Seit diesem Jahr gibt es eine Elterngruppe, die die Schule auf ihrem Entwicklungsweg unterstützt. Die Eltern haben den Arbeitskreis Inklusion an der Schule gegründet und stehen mit ihrem spezifischen Wissen den Kollegen und Kolleginnen bei. Damit knüpfen sie an die Grundidee unserer Einrichtung an, die 1985 als Eltern­initiative gegründet wurde: Schule für alle am Standort Kreuzberg.

Die Schule lebt seit vielen Jahren von und mit einem Unterstützernetzwerk. Es gibt fast seit der Gründung einen spezifisch therapeutisch / förderpädagogischen Bereich und seit vielen Jahren nun auch einen engagierten Schularzt. Aber auch außerhalb der Schule besteht ein gutes Netzwerk und insbesondere die Gestaltung der Integration und der Wandlungsprozess zur inklusiven Schule wird durch Fachwissen von außerhalb, wie zum Beispiel die umgebenden Universitäten und das Integrations- und Inklusionsforschernetzwerk gestärkt.

Mittlerweile sind wir Ausbildungsschule für die zweite Phase der Lehrerbildung, das Referendariat für Sonderpädagogen. Wir haben viele Partner, die uns helfen, einen berufsorientierenden Zweig aufzubauen. Wir haben zum Glück viele Räume. Wir haben eine interessierte und höchst flexible Kollegenschaft, die sich mit Engagement um das Thema »Schule für alle« bemüht.

Methoden und Strukturen müssen überdacht werden

Aber es gibt Fragen: Inklusion bis Klasse 12 will gestaltet werden. Uns fehlen noch zwei Jahre, bis unsere Pilotklasse die Waldorfschulzeit abschließt. Wir legen Wert auf Unterricht für alle und mit allen. Wir stellen uns aber gleichzeitig ernsthaft die Frage, inwiefern dieser Unterricht nach den Maßgaben Rudolf Steiners entwicklungsgemäß für alle Schülerinnen und Schüler umgesetzt werden kann. Daraus entstehen Prozessforschung und Fortbildungsideen.

Tatsächlich, wir empfinden uns auf dem Weg. Schwierigkeiten entstehen hierbei durch das Wachstum der Schule: Wir haben uns innerhalb der vergangenen zehn Jahre bereits mehr als verdoppelt und werden noch ein bisschen mehr. Es ist nicht leicht, die Selbstverwaltungsstrukturen in dieser Entwicklungszeit adäquat umzusetzen, neue Ideen müssen hierfür durchdacht werden.

Auch ist es nicht immer leicht, Pädagogen zu finden. Diese müssen sich nämlich auf die spezifischen und teilweise während des Tuns entstehenden Aufgaben, die dieses Projekt mit sich bringt, einlassen können.

Wir müssen uns von manch lieb gewonnener Besonderheit verabschieden: Auch das fordert ein derartiges Projekt. Manche Strukturen und Methoden müssen überdacht werden, wenn man allen gerecht werden will, wenn alle willkommen sind.

Die Frage der Abschlüsse, der Finanzierung der politischen Umgestaltung in Berlin …: Es gibt viele Fragen, die auch von außen auf uns zukommen, mit denen wir uns auseinandersetzen, auf die wir Antworten finden müssen und für deren Umsetzung wir wiederum neue Partner brauchen.

Die größte Herausforderung, vor der wir derzeit stehen, ist, die Waldorfpädagogik während unseres Tuns weiter zu entwickeln.

Eine wichtige zukünftige Fragestellung an unserer Schule ist: Wie werden wir inklusiv? Daran geknüpft sind schulorganisatorische (Gleichgewicht zwischen A- und B-Klassen) und sonderpädagogische Fragen (Gutachten trotz Inklusion, Entwicklungspläne für alle), die Beobachtung der politischen Entwicklung, die damit einhergehende Positionierung der Schulen und letztlich auch die Aus- und Weiterbildung zukünftiger Waldorfpädagogen.

Es gibt für uns Momente, in denen wir erschöpft sind, aber letztlich zählt, was wir an unseren Schülerinnen und Schülern erleben. Sie zeigen uns, dass dieser Weg in die Zukunft von ihnen aus gesehen richtig ist.

Dr. Ulrike Barth ist Waldorflehrerin und Sonderpädagogin an der Freien Waldorfschule Kreuzberg. Sie ist Mitinitiatorin und -entwicklerin des integrativ / inklusiven Schulzweiges dieser Schule.

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