Anthroposophie kennenlernen

November 2019

Armin Steuernagel (29), Begründer des Waldorfshop und der Purpose Stiftung, und Rachel Steinmetz (25), Studentin der Medizin in Witten/Herdecke und Waldorfpädagogik in Jena, sind ehemalige Waldorfschüler aus Hannover-Bothfeld und initiierten die Tagung »Anthroposophie kennenlernen«, die vom 1. bis 5. Januar 2020 am Institut für Waldorfpädagogik Witten-Annen stattfindet.

Erziehungskunst | Warum sollte es interessant sein, sich ein eigenes Bild von der Anthroposophie zu machen?

Armin Steuernagel | Wir haben das vor allem bei uns selbst und Freunden bemerkt: Man kauft Weleda Duschgel und Demeter-Kartoffeln, hat ein Konto bei der GLS-Bank, geht zur Waldorfschule oder man hat von den anthroposophischen heilpädagogischen Einrichtungen gehört. Aber über das, was der Waldorfpädagogik oder der Demeter-Landwirtschaft zugrunde liegt, hat man nur ein Halbwissen. Das ist etwas unbefriedigend. Während ich früher das Gefühl hatte, dass Anthroposophie ein Tabu-Thema ist, weil es da um Nicht-Materielles und Geistiges geht, habe ich heute, in Zeiten, in denen Werbung für Meditations-Apps die New Yorker U-Bahnen ziert, den Eindruck, dass dieses Tabu bei der jüngeren Generation nicht mehr existiert.

EK | … also warum sich nicht auch einmal mit anthroposophischer Meditation beschäftigen?

AS | Genau! Warum meint Rudolf Steiner, dass wir ihm kein Wort einfach nur glauben sollten? Welche Angaben gibt er, wie man seine Erkenntnisse überprüfen kann? In der Praxis erweisen sich die Erkenntnisse jedenfalls als überaus fruchtbar.

Rachel Steinmetz | Dass es inzwischen 20.000 Demeter-Bauernhöfe, über 1.000 Waldorfschulen und große Unternehmen gibt, die auf der Anthroposophie aufbauen, kann einen ja stutzig und neugierig machen: Was steht da für ein Menschenbild dahinter?

EK | Wie kamen Sie auf die Idee, eine Tagung zu organisieren?

AS | Ich war viel mit Freunden im Gespräch über spirituelle Strömungen. Viele fragten: Wo kann ich denn diese Anthroposophie mal kennenlernen? Für diejenigen, die sich vom Goetheanum und anderen oft schon 100 Jahre alten anthroposophischen Institutionen nicht angezogen fühlen, muss ein neuer Ort gefunden werden. Also haben wir beschlossen: Wir machen selbst eine Tagung – elternfreundlich mit kompletter Waldorf-Kinderbetreuung.

EK | Welche Themen wird die »Kennenlern-Tagung« abdecken?

AS | Wir wollen die große Vielfalt und Weite der Anthroposophie erlebbar machen. Es gibt Vorträge zur Medizin, zur Pädagogik, zum Schulungsweg, zur Landwirtschaft oder zur Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie und mehr. Mit dabei sind unter anderem Michaela Glöckler, Peter Heusser oder Matthias Girke. Es werden Unternehmer wie Wolfgang Gutberlet mit uns darüber ins Gespräch kommen, was Anthroposophie für sie bedeutet. Es gibt Workshops, Eurythmie, Sprachgestaltung und Bothmer-Gymnastik sowie Ausflüge zu anthroposophischen Einrichtungen.

EK | Warum sollte sich jemand, der sich noch nie mit Anthroposophie beschäftigt hat, durch die Tagung angesprochen fühlen?

AS | Weil man hier interessante Menschen kennenlernen kann. Welche Rolle spielt für einen Grünen-Politiker, ehemaligen Bundestags- und Europaparlamentsabgeordneten wie Gerald Häfner, einen Bauern wie Martin von Mackensen oder einen Großunternehmer die Anthroposophie? Warum und wie meinen sie, dass die Anthroposophie einen Beitrag zur Bewältigung der Herausforderungen der Gegenwart leisten kann?

EK | Die Tagung ist auch ein Angebot an ehemalige Waldorfschüler. Hätten die Waldorfschulen mehr Anthroposophie vermitteln sollen?

AS | Nein, und wenn, dann nur auf Nachfrage in der Oberstufe. Waldorfschulen wollen zur Freiheit erziehen. Das heißt auch, selbst entscheiden zu können, ob man sich mit der Anthroposophie beschäftigen will oder nicht.

Die Fragen stelle Mathias Maurer

Weitere Informationen www.anthroposophie-tage.de

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