Buster mit dem nachtblauen Hut

Von Johanna Büttner, Januar 2012

Johanna Büttner. Preisträgerin im Jugendwettbewerb »freispiel«. Foto: Barbara Walzer, Frankfurt

Anna sitzt am Fenster und schaut auf die Straße hinunter. Auf dem schmalen Gehweg spielen viele Kinder. Sie lachen und sind fröhlich, ohne sich um das blasse Mädchen am Fenster zu kümmern. Wie gern würde Anna zu ihnen gehen und mitspielen. Doch sie kann nicht. Ihre Beine sind zu schwach, nicht einmal die Treppe käme sie allein herunter, da ist sie sich sicher. Außerdem will sie mit der klobigen Beinschiene nicht zu den anderen Kindern. Sie will ihre mitleidigen Blicke nicht sehen und das verhaltene Tuscheln hinter ihrem Rücken nicht hören. Sie geht überhaupt nur noch zur Schule nach draußen und flüchtet, sobald sie zu Hause ist, in ihr Zimmer. Sie will kein Mitleid. Es ist schlimm genug, dass die Lehrer sie wie ein rohes Ei behandeln.

In diesem Moment betritt ein Junge die Straße, der ihre Blicke auf sich zieht. Er sieht seltsam aus in seinem roten Pullover, den nackten Füßen und dem Zauberhut mit den silbernen, glänzenden Sternen. Doch Anna ist nicht die Einzige, der er aufgefallen ist. Ein kleiner blonder Junge ruft aufgeregt: »Da ist Buster, Buster ist gekommen!« Alle Kinder lassen, womit sie gerade gespielt haben, stehen und liegen und rennen dem Jungen entgegen. Die Kleinsten springen an ihm hoch, die Großen klopfen ihm freundschaftlich auf die Schulter oder umarmen ihn. Buster nimmt sich Zeit für jedes Kind. Er spricht mit ihnen, fragt sie und streichelt den Kleinen über den Kopf. Nachdem er alle begrüßt hat, hebt er den Kopf und sieht zu Anna hinauf: »Und du?«, fragt er. »Warum kommst du nicht herunter?« Zwei ältere Mädchen beugen sich zu Buster und flüstern ihm etwas zu. Doch Anna weiß genau, was sie sagen: »Das ist Anna, sie kann nicht, sie hat ein lahmes Bein«. Plötzlich wird Anna wütend: »Und ob ich kann«! sagt sie laut und deutlich, ihre sonst so blassen Wangen vor Zorn ge­rötet. Dann wendet sie sich vom Fenster und den verblüfften Kindern ab und geht zur Wohnungstür. »Anna, wo gehst du hin? Anna!«, ruft die Mutter. Anna antwortet nicht. Sie macht sich auf den beschwerlichen Weg die Treppe hinunter. Doch mit jeder Stufe schwindet ihr Mut und sie beginnt, ihren Entschluss zu bereuen. Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Sie beißt die Zähne zusammen, steigt die letzten Stufen hinab und tritt aus dem schummrigen Hausflur auf die Straße hinaus. Kaum ist sie draußen, kommt Buster auf sie zu und sieht sie an. Doch er ist nicht wie alle anderen Leute peinlich darauf bedacht, nicht auf ihre Schiene zu starren, sondern mustert sie eingehend. Dann erst sieht er ihr ins Gesicht und durch ihre blasse Haut direkt in ihre Seele. Sie merkt, wie er spürt, dass sie sich selbst hasst und ihre Seele wie einen Vogel in einem Käfig gefangen hält. Und sie spürt, dass er der Einzige ist, der den Schlüssel zu diesem Käfig finden kann, wenn sie ihm die Erlaubnis gibt. Das Weinen eines der kleinen Kinder durchbricht die Stille. Buster wendet sich ab und nimmt das Kind auf den Arm. Sofort hört es auf zu weinen und schmiegt sich an ihn. »Ich frage mich«, sagt Buster fröhlich und deutet auf das Dach von Annas Haus, »ob man wohl auf dieses Dach hinauf kommt?« Alle sehen hinauf und dann sagt eines der Kinder: »Lass es uns probieren, Buster, bitte!« – »Ja, ja, wir wollen auf das Dach!«, rufen nun auch die anderen Kinder und drängen sich um ihn. »Oh nein«, sagt Buster abwehrend. »Das ist kein Dach, auf das man am Tag klettern kann. Das muss man nachts besteigen. Aber heute Nacht bin ich gern dazu bereit. Begleitest du mich, Anna?« Anna bekommt wieder ein verschlossenes Gesicht. »Ich glaube nicht«, sagt sie bitter, dreht sich um und geht zur Tür. Sie denkt, dass er sie zurückrufen und sich für seine Taktlosigkeit entschuldigen wird. Doch er tut keins von beidem und Anna macht sich, fast ein wenig enttäuscht, daran, die Treppe wieder hinauf zu steigen.

 

Anna liegt in ihrem Bett. Der Mond scheint ins Zimmer und der Fensterrahmen zeichnet sich schwarz an der gegenüber liegenden Zimmerwand ab. Anna schläft nicht. Sie liegt einfach nur da. Einerseits hofft sie, dass Buster kommt, andererseits wünscht sie, dass er es bleiben lässt. Auf einmal hält sie es nicht mehr aus und steht auf. Sie zieht sich eine Strickjacke an, öffnet ihre Zimmertür und lauscht. Kein Laut ist zu hören, außer dem gleichmäßigen Ticken der Uhr im Wohnzimmer. So schnell und leise es eben geht, läuft Anna durch den Flur auf die Tür zu. Sie zieht die Sicherheitskette vom Haken und öffnet leise die Tür. Als sich ihre Augen an das Dunkel im Flur gewöhnt haben, sieht sie, dass jemand auf der Treppe sitzt. Es ist Buster! »Schön, dass du gekommen bist, Anna!«, sagt er und deutet auf die Treppe, die zum Dachboden führt. »Wollen wir?« Sie nickt und so gehen sie los. Auf dem Dachboden angekommen, sieht sich Buster um. Dann fällt sein Blick auf eine Fensterluke. Er geht hin und öffnet sie. Anna erschrickt, als sie merkt, was er vorhat. »Unmöglich! Da kann ich nicht hinaus.« – »Nun, das ist deine Entscheidung. Ich will dich zu nichts drängen, aber ich glaube, du kannst es schaffen.« Sie schweigt einen Moment lang, ringt mit sich. Dann geht sie mit entschlossenen Schritten auf die Luke zu. Buster nimmt ihre Entscheidung kommentarlos hin und schwingt sich vor ihr behände durch die Luke aufs Dach. »Und jetzt du! Ich halte dich«, sagt er und streckt ihr den Arm entgegen. Anna stößt sich ab und versucht, ungelenk sich mit dem Fuß am Querbalken abzustützen, während Buster sie hochzieht. Plötzlich ist sie oben. Die Nachtluft weht angenehm kühl durch ihr Haar. Buster drückt ihre Hand und sagt: »Gut gemacht.« Dann zeigt er ihr, wie sie sich rittlings auf den Dachfirst setzen kann. Er selbst erklimmt den Schornstein. Die Nacht umgibt sie wie ein blaues sternenbesticktes Tuch und plötzlich merkt Anna, dass es das gleiche Blau ist, wie das von Busters seltsamem Hut. Doch sie sagt es nicht, sondern sieht nur zu, wie Buster sich auf dem Schornstein erhebt und beginnt, auf dem Mond zu balancieren, der groß am Himmel steht.

Seine Schritte werden immer gewagter und tollkühner und es hat den Anschein, als ob seine Füße mit dem Mond verwachsen wären. Dann wird er langsamer und springt auf den Schornstein zurück: »Es ist Zeit, nach Hause zu gehen«, sagt er und Anna erhebt sich. »Das war wunderschön«, sagt sie leise. Buster lacht nur und lässt sich durch die Luke gleiten. Anna tut es ihm nach und schließt hinter sich die Luke. Dann geht sie die Treppe hinunter. Buster wartet schon vor ihrer Wohnungstür und gibt ihr die Hand: »Auf Wiedersehen Anna, schlaf gut«, sagt er. Doch ehe sie etwas erwidern kann, ist er schon bei der Treppe und läuft leise hinunter. Anna hört, wie die Tür ins Schloss fällt. Plötzlich fällt ihr etwas ein. Sie geht in ihr Zimmer und sieht aus dem Fenster. Gerade noch sieht sie eine kleine Gestalt mit spitzem Hut um die Ecke biegen.

Johanna Büttner, Waldorfschülerin in Lörrach, erhielt den Sonderpreis beim Jugendwettbewerb »freispiel«. Siehe Heft 9/2011, S. 50–51.

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