Ein Tag in der Waldorfschule der Zukunft

Von Marlene Malyk, Leena Haux, September 2020

Im Sommer-Spezial 2019 der erziehungsKUNST riefen wir zu einem Schreibwettbewerb auf: Wie stellen sich Lehrer, Schüler oder Eltern die Zukunft unserer Pädagogik und ihrer Welt vor?

Auffallend war, dass einige Zukunftsvisionen innerhalb weniger Jahre umsetzbar wären – zum Beispiel dass Oberstufenschüler ihren Tagesablauf selbst gestalten oder Schulen, die ganz projektbezogen arbeiten – von den Autorinnen aber ins kommende Jahrhundert verlegt werden. Geben wir den Eindruck, dass sich bei Waldorf Veränderungen zu langsam vollziehen?

In den Beschreibungen sind die Lehr- personen entweder längst abgeschafft oder sie unterrichten genauso wie heute. Darin ließe sich ein Auftrag erkennen: Sehe ich meine Hauptrolle als Pädagoge im Oberstufenbereich darin, Wissen zu vermitteln? Erziehe ich die jungen Menschen, und wenn ja, wodurch? Wie unterscheiden sich meine Unterrichtsinhalte, meine Didaktik und vor allem meine Intentionen von gut produzierten Lernvideos?

Manche Einfälle brachten uns zum Schmunzeln, so zum Beispiel die Flug­eurythmie, die in zwei Waldorfschulen auf dem Mars gegeben wird. Dass – wie in einem Beitrag geschildert – Waldorf­lehrer im Jahr 2120 die Welt regieren werden, ist vielleicht noch unrealistischer als Schulen im All, aber dass man sich virtuell am Unterricht jeder Waldorfschule auf der Welt beteiligen kann und mit den Mitschülern global an sozialen Projekten arbeitet, ist doch ein wünschenswertes Ziel.

Hier zwei der Siegerbeiträge.


Marlene Malyk, 9. Klasse, Freie Georgenschule Reutlingen

Die Zeit, sie reist, die Gegenwart weicht der Zukunftsferne, naht im Rennen.
Im Rennen gegen Raum und Zeit.
Im ewigen Eis lange vereint.
Zur Schule empor, die Leute im Chor den Segen zerlegen und der Ferne entgegentreten.
Der Stein, er weicht, das Metall tut‘s gleich dem Himmel, es naht wie ein Schiff auf Fahrt.
Die Schule droht zur Brechung und Berstung durch Strahlungshand.
Langsam entwand.
Dem Segen, Frieden auf langen Wegen muss man langsam entgegentreten.


Leena Haux, 10. Klasse, Freie Georgenschule Reutlingen

Ein kleiner Roboter kommt in mein Zimmer. Er spielt mir mein derzeitiges Lieblingslied ab. Als er sieht, dass ich wach bin, liest er meinen Kalender vor und fragt mich, wie es mir geht. Es ist der 5.5.2050, ein Donnerstag. Ich gehe in die Küche, wo ich schon den Mixer höre, der mir meinen Smoothie macht. Mein Kühlschrank sagt mir, welches Vesper ich heute mitbekomme. Ich ziehe Sportkleidung an und mache mein Workout. In der Dusche riecht es nach Rose, wie jeden Donnerstag. Ich ziehe die Schuluniform an, vor der Tür wartet schon meine Drohne, die mich zur Schule fliegen wird.

In der Schule logge ich mich mit meinem Tablet in das System ein. Sofort bekomme ich alle meine Aufgaben und Fächer aufgelistet. Ich setze mich an meinen üblichen Platz, einen gemütlichen Sessel an einem der großen Fenster. Um mich herum kommen immer mehr Menschen, die sich auch in einen der Sessel oder an einen der Tische setzen. Manche arbeiten in Gruppen, andere alleine. Ich fange mit Mathe an, meinem Hass-Fach, und arbeite mich dann durch die Fächer, wie zum Beispiel Umwelt und Soziale Medien. In der Mittagspause esse ich meinen Heuschreckensalat und unterhalte mich mit meinen Freunden. Durch die Lautsprecher kommt leise Musik und ich sehe, wie draußen die Menschen zu Fuß oder mit den Fahr­rädern über die Staßen eilen, oder unter großen Bäumen sitzen. Ich weiß, dass vor etwa 30 Jahren die Welt an einem ihrer Tiefpunkte war. Doch zum Glück haben die Fridays-For-Future-Demos geholfen und die Politik hat etwas geändert. Trotzdem müssen wir noch sehr auf unseren Planeten achtgeben.

Auf die nächste Stunde freue ich mich schon besonders. Wir haben Yoga. Zusätzlich zu Sport kann man, wenn man will, noch Yoga machen. Generell sind alle Fächer freiwillig. Man wird aber später besser bezahlt, wenn man einen Abschluss hat. Ich gehe zwar auf eine Waldorfschule, aber das Konzept hat sich im Vergleich zu früher komplett verändert. Es gibt keine Klassen mehr, sondern jeder hilft jedem. Wenn man gar nicht mehr weiter kommt, kann man sich ein Video über das zu bearbeitende Thema anschauen. Eurythmie gibt es nicht mehr, sie wurde durch die Fächer Soziales und Politik ersetzt.

Mein Schultag geht jeden Tag von 8:00 bis 15.30 Uhr. In dieser Zeit habe ich zwei Stunden, um mich mit Freunden zu treffen und an sozialen Projekten zu arbeiten, die Armut und Welthunger beseitigen sollen.

Als um 15:30 Uhr endlich die Schule vorbei ist, freue ich mich schon auf meinen freien Nachmittag, den ich mit dem Packen meines Koffers für das Feldmesspraktikum auf dem Mars verbringen werde. Am Abend gebe ich noch schnell meine gesundheitlichen Daten in mein Tablet ein, wodurch ich am nächsten Tag ein perfekt auf mich abgestimmtes Schulprogramm haben werde.

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