Fahrende Gesellen

Von Nadja und Ronja Schneller, Januar 2015

Als in Australien geborene Waldorfschüler mit deutschen Eltern war für uns klar: Wir wollten reisen, die Welt entdecken und dabei in unser Geburtsland zurückkehren. Doch mitten in der Schulzeit fünf Monate unterwegs?

Wer sind die Wayfarers?

Die einzigartige Möglichkeit, die Welt zu entdecken, ergab sich, als wir 2012 eine australische Theater- und Musikgruppe kennenlernten. Inspiriert von deren Offenheit, Freundlichkeit und dem Musikprojekt, das wir innerhalb einer Woche in Form von Workshops auf die Beine stellten, kam ein intensiver Kontakt zustande. Dann, im Frühjahr 2013, die Einladung: Wollt ihr mit uns als Wayfarers auf die nächste Tour nach Asien kommen? Die Frage war für uns nicht ob, sondern wie. Mit selbst verdientem Geld und der Hilfe von Freunden und Bekannten wurde es langsam realer. Ein Jahr Planung mit einigen Rückschlägen und Hindernissen brachten uns schließlich doch ans Ziel: eine fünfmonatige Reise nach Taiwan, Japan und Australien.

Als einzige Teilnehmer aus Europa wurden wir beide Teil einer seit 1997 bestehenden Gruppe aus musikliebenden Waldorfschülern, -lehrern und -freunden, genannt: »Wayfarers Australia«. Ein Chor für Menschen jeden Alters, verbunden durch die Liebe zur Musik, zum Reisen und zum Theater. In Australien gegründet, kommen nun durch verschiedene Projektreisen durch Asien und Europa immer mehr Menschen zu einem internationalen und interkulturellen Chor zusammen.

Die Gründerin, Leiterin und Organisatorin der Wayfarers Australia, Judith Clingan, ist Musiklehrerin und Komponistin. Sie schrieb mehrere Chorlieder und -versionen aus Texten und Liedern anderer Länder und zahlreiche andere Arrangements. Mit ihrem Musical »Herr der Ringe« gingen die Wayfarers 2012 auf Tournee, in diesem Jahr mit der Oper über das Leben Marco Polos, die in Taiwan und Japan aufgeführt wurde.

Tournee in Taiwan

Wir landen in Taiwan. Alles sieht grau aus. Ein breiter Küstenstreifen mit Industriegebäuden. Im Flughafen stoßen wir auf die ersten drei Wayfarers, mit denen wir die nächsten fünf Stunden auf die anderen aus Australien, China und Indien warten. Etwa 50 internationale Wayfarers treffen und umarmen sich herzlich – die meisten haben wir noch nie gesehen. Doch eines verbindet uns alle: Musik. Im Tourbus, in dem wir von der Hauptstadt Taipeh zwei Stunden nach Yilan (einem an der Ostküste liegenden Bundesstaat) zur Ci-Xin Waldorfschule fahren, herrscht ausgelassene Kennenlern-Laune. Dann werden wir auf Waldorf-Gastfamilien verteilt.

In der ersten Woche proben wir zum ersten Mal zusammen und lernen auch die Gruppe der taiwanesischen Wayfarers kennen. Neben der Oper studieren wir zahlreiche Chorkonzerte ein, ein Mix traditioneller Lieder aus Israel, Afrika, Indien, Amerika, Taiwan und Australien. Es ist eine anstrengende, aber unglaublich bereichernde und intensive Probenzeit. Gemeinsam schaffen wir es, in dieser kurzen Zeit mehr als 90 Kostüme, ein riesiges und aufwändiges Bühnenbild sowie selbstgebaute Kulissen vorzubereiten. In den Gastfamilien sind wir auf Tuchfühlung mit Taiwans Kultur. Dann geht es auf Tournee durch Taiwan. In verschiedensten Waldorfinitiativen und interessierten Schulen geben wir Konzerte und veranstalten Musik-Workshops für Kinder von zwei Jahren bis hin zu Erwachsenen im Alter von 70 Jahren. Überall werden wir herzlich empfangen und trotz der sprachlichen Schwierigkeiten entsteht ein großartiger musikalischer und menschlicher Austausch. In Taiwan finden wir Freunde fürs Leben.

Oper in Japan

Auf der letzten Etappe geht es nach Hokkaido. Auch dort kam der Kontakt durch eine Waldorfschule zustande. Die zehn- bis 18-jährigen unter uns Wayfarern besuchen vormittags mit den japanischen Schülern die Schule. Nachmittags arbeiten wir dann gemeinsam an einer Kulturen- und Musikaufführung. Es ist interessant zu sehen, welche grundlegenden Unterschiede es zwischen Taiwan und Japan in Sprache, Essen, Kultur und Klima gibt, obwohl diese beiden Länder nur zwei Flugstunden voneinander entfernt liegen. Schon allein die durchschnittliche Tagestemperatur ist in Japan mindestens um 20 Grad geringer und der Tag beginnt mit einer warmen Mahlzeit – meist Miso-Suppe. In Taiwan legt man sehr großen Wert darauf, dass man nicht mit Straßenschuhen in ein Haus eintritt; sogar innerhalb verschiedener Räume wechselt man sie! In Japan hatte man sehr auf Pünktlichkeit und Höflichkeit zu achten.

Perfekt aufeinander abgestimmt führen wir die letzte Oper und das letzte Chorkonzert auf. Das Gefühl, mit 90 Menschen aus über zehn Nationen auf der Bühne zu stehen, ist bewegend!

Bei den Eingeborenen in Australien

Unser Weg führt uns noch weiter in unser Geburtsland Australien. Wir besuchen dort drei Wochen lang eine staatliche Highschool, Nadja macht ein Landwirtschaftspraktikum auf zwei verschiedenen Farmen (einer Milchkuhfarm und einer Bio-Gemüse-Farm). Wir besuchen den Uluru (Ayers Rock) und leben für eine Woche in einer Eingeborenengemeinschaft, der wir in der Schule helfen. Wir sind erschüttert von der Lebensrealität der Aborigines und ihrem kulturellen Verlust. Was haben deren Kinder mit dem steifen englisch-staatlichen Schulsystem, das man ihnen aufdrückt, zu tun? Die Situation scheint beklemmend ausweglos, aber sie regt uns dazu an, uns Gedanken zu machen, wie eine »andere« Schule aussehen könnte.

Eine solche Reise während der Schulzeit? – Ja, unbedingt! Sie schenkte uns Lebenserfahrung, Selbstständigkeit und Reife, die wir in keiner Schule hätten besser erlernen können.

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