Funkenflug. Zu Fuß in eine bessere Gesellschaft

Januar 2014

Sie werden vom Regen durchnässt und bekommen Blasen an den Füßen. Sie übernachten in Schulen, Heuschobern, Kirchen, auf Wiesen und in Turnhallen. Sie sind wochenlang auf Wanderschaft, jeden Tag bis zu 20 Kilometer. Auf ihrem Weg in eine bessere Gesellschaft sammeln junge Menschen die Wünsche von Schülern und Lehrern im ganzen Land. Und das alles während der Schulzeit.

Funken auf dem Weg

Sie wollen sich aus einem System befreien, das ihr Leben in ein enges Korsett zwängt, und nehmen ihren eigenen Weg selbst in die Hand. Sie setzen sich in Bewegung, um das Bildungssystem und die ganze Gesellschaft zu verändern.

»Funkenflug« nennen die Schüler und Studierenden ihre in ganz Deutschland verbreitete Initiative. Mira, Marcel, Finn, Shari, Johanna, Jonathan und Celina sind solche fliegenden Funken. Sie sind zwischen 14 und 19 Jahren alt und besuchen verschiedene staatliche und private Schulen. Wir haben mit ihnen über ihre Erlebnisse, Träume und Ziele gesprochen.

Erziehungskunst | Was hat euch bei eurem Lauf am meisten beeindruckt?

Jonathan | Ich war erstaunt, dass es total viele Schüler gibt, die auch meine Bedürfnisse haben. Die meisten sind unzufrieden mit der Schule, aber denken nicht, dass sie daran was ändern könnten.

Celina | Als wir an einem Gymnasium in einer Klasse 12 waren, sagte ein Schüler: »Wir stehen unter starkem Druck. Wir müssen funktionieren.« Seine Klassenkameraden nickten zustimmend. Eine Siebtklässlerin fragte mich, warum wir nicht einfach mal kochen oder bügeln lernen, oder wie eine Waschmaschine funktioniert. Warum lernen wir nicht für das Leben, warum immer nur für Tests und Prüfungen?

Mira | Die meisten Schüler wünschen sich ein selbstbestimmtes Lernen; sie wünschen sich eine Art von Unterricht, die sie interessiert, die wichtig ist und lebensnah. Besonders die jüngeren Schüler wünschen sich ein schönes Umfeld mit viel Raum für Bewegung, Natur und Freiheit. Die Schüler wollen ihre eigene Kraft entdecken.

Finn | Die Wünsche sind sehr verschieden, aber im Kern wünschen sich fast alle einen tiefgreifenden Wandel.

Marcel | Beim Lauf habe ich einen Eindruck davon bekommen, wie und wohin sich die Gesellschaft entwickeln möchte. Der Ausgangspunkt dafür sind die Wünsche, die wir gesammelt haben.

EK | Wie seid ihr auf »Funkenflug« aufmerksam geworden?

Jonathan | Ich wollte raus. Ich hatte ein Leben, wo nur Erfolg zählte, wo es darum ging, Dinge zu schaffen und ich habe sie auch alle geschafft. Doch irgendwann hat mich das Gefühl überkommen, da läuft was schief. Ich hatte schon vorher von »Funkenflug« gehört und dann wurde mir klar, ich brauche Zeit, um die Welt neu zu verstehen. Da habe ich meine Sachen gepackt und bin drei Wochen mitgelaufen.

Marcel | Ich konnte der Schule und ihren Methoden immer weniger Sinn abgewinnen, obwohl ich sehr gute Leistungen hatte. Ich habe nach Möglichkeiten gesucht, das zu ändern. Ich kam in Kontakt mit den Initiatoren von »Funkenflug« und seitdem bin ich dabei.

Celina | Meine Direktorin hat einige »Funkenflieger« an unsere Schule eingeladen. Ich fand mich in Aussagen der Schüler wieder und dachte mir, es ist an der Zeit, den Mund aufzumachen und zu sagen, dass sich etwas ändern muss, denn so geht es nicht weiter.

EK | Was ist das Ziel von »Funkenflug«?

Marcel | Wir möchten Freiheitsimpulse in die Menschen setzen und ihre Gabe zum Hoffen wieder aufleben lassen.

Johanna | Die Schüler sollen gerne in die Schule gehen, Spaß am Lernen haben und in der Schule auf das Leben vorbereitet werden. Nicht mit einem Trichter auf dem Kopf, in den ein paar ›Experten‹ Wissen schütten, sondern mit lebendigen Erfahrungen und praxisnahem Unterricht.

Shari | Ich möchte Menschen Mut machen, sie selbst zu sein und einen eigenen freien Weg einzuschlagen, um später Teil einer Gesellschaft zu werden, die von Akzeptanz, Zusammenhalt, Liebe und Freiheit geprägt ist. So trägt jeder seinen Wunsch und seine Ideen in sich und gerade diese Vielfalt bereichert »Funkenflug«.

EK | Wie stellt ihr euch die ideale Schule vor?

Mira | Jeden Tag kommen neue Aspekte in mein Leben – und genau so müsste auch Schule sein. Mit Themen, die die Schüler berühren, sie begleiten und zum eigenen Tun anregen. Dabei erlernen sie nicht nur Fähigkeiten, sondern auch sich selbst schätzen und lieben. Wir müssen lernen, uns gegenseitig Vorbilder zu sein, lernen, in Gemeinschaft zu leben und alle Menschen in diese Gemeinschaft zu integrieren. In der Natur, im Unterricht, durch viele selbstbestimmte Projekte und emotionale Begleitung beim Lernen. Für ältere Schüler soll es Seminare mit vielen Diskussionen, mit Raum für persönliche Entfaltung, Weltoffenheit und Toleranz geben. Eine solche Schule kann der neue Mittelpunkt der Gesellschaft werden.

Finn | Die ideale Schule ist für mich eine, in der die Schüler nicht mehr nur theoretisches Fachwissen in allen möglichen Fächern lernen, sondern eine, in der man als Schüler das gemeinsame Miteinander lernt. Das ist viel wichtiger als ein gegenseitiges Ausbooten und Zurück-Schubsen.

Marcel | Es gibt nicht die ideale Schule, sondern Werte, die man beim Wort nehmen sollte: Freiheit, Gerechtigkeit und vor allem Demokratie. Die neuen Schulen werden auf Mitbestimmung, Sinnhaftigkeit und Lebensbezug basieren.

Johanna | In eine ideale Schule gehen die Schüler nicht, weil sie müssen, sondern weil sie wollen. Sie gehen dort hin und werden individuell unterstützt, lernen, was sie interessiert, und werden auf das Leben vorbereitet. Sie lernen nicht nur Mathe, Deutsch und Englisch, sondern auch, wie man sein Leben organisiert, wie man kocht oder wie man Verantwortung übernimmt.

Shari | Ich stelle mir einen Ort vor, in dem die Kinder und Jugendlichen frei für ihr Leben lernen. In dem sie ihre natürlichen Begabungen und Interessen ausleben dürfen und sich selbst aussuchen können, wann, wo, von wem und was sie lernen möchten. Für mich ist es besonders wichtig, dass es viel Raum gibt, um sich selbst zu finden und sein Tun und Handeln zu hinterfragen.

Celina | Ein Schritt in Richtung ideale Schule wäre eine Schule, die sagt, du bist okay, so wie du bist. Fehler sind gut, du brauchst keine Angst zu haben, dein Abi zu versauen oder dass irgendwelche Noten dich verurteilen.

EK | »Funkenflug« versteht sich als Graswurzelbewegung, nicht als Kritik am Bildungssystem. Wie soll sich dieses System dann aber verändern?

Mira | Das System soll gar nichts. Ändern tut es sich von allein, und zwar durch die Einstellung und Lebensweise der Menschen. Denn wenn sich immer mehr Leute »anstubsen«, berühren, dann springt der Funke über und eine Gesellschaft beginnt anders zu denken, zu handeln. Viele Menschen an vielen verschiedenen Orten können viele kleine Dinge tun. Und es sind die kleinen Dinge, die weitergetragen werden, die bereits in uns allen stecken und früher oder später die Flamme entzünden werden. Es geht darum, dass jeder bei sich selbst anfängt, jeder hat diese Kraft, darum ist auch jeder Mensch ein »Funkenflieger«.

Finn | Wir müssen nicht mehr warten, bis die Veränderung von oben abgesegnet wird, sondern wir beginnen bei uns selbst, sprengen dadurch die Grenzen des Bisherigen und schaffen so Platz für etwas Neues.

Marcel | Zunächst ist eine Bewusstmachung und Sensibilisierung der Menschen nötig, dass sie selbst ihre Systeme, in denen sie leben, gestalten können – dass es der Mensch ist, der seine Lebenswirklichkeiten schafft.

Shari | In so vielen Menschen steckt der Wille, etwas zu verändern, doch die meisten sind mutlos und frustriert. Wir sind diejenigen, die andere emotional berühren können, indem wir ihnen den Mut geben, anders zu sein. Auf dem Lauf habe ich gemerkt, wie wir in den Menschen durch unseren Funken das Licht der Hoffnung wieder entfacht haben. Wir haben ihre Begeisterung wieder wecken können und ihnen den Mut gemacht, etwas zu verändern.

EK | Was wäre, wenn ihr einen Termin mit Angela Merkel bekämt und euch bliebe eine Minute Zeit, eure Vision zu vermitteln. Was würdet ihr dann fordern?

Mira | Liebe Angela, was braucht ein Mensch, um glücklich zu sein? Hast du Lust, mit vielen Menschen, die sich Veränderung wünschen und sie leben, zusammenzuarbeiten und wieder eine gesunde, solidarische Gesellschaft aufzubauen? Wir sind dabei.

Finn | Ich glaube nicht, dass es darum geht, etwas zu fordern, denn auch Angela Merkel kann die Gedanken der Nation nicht ändern. Ich würde sie fragen, ob sie nicht auch glaubt, dass die Zeit der Ellenbogengesellschaft vorbei ist. Die Schulen brauchen Freiräume, um den Schülern die Möglichkeit zu geben, die Kraft der eigenen Einstellungen und Gedanken zu erleben.

Marcel | Eine Forderung zu stellen, würde bedeuten, ich gebe die Verantwortung an jemand anderen ab. Ich würde darum nichts fordern, sondern ihr sagen: Schauen Sie sich an, was die jungen Menschen dieses Landes bewegt, was sie machen und was sie zu bewegen versuchen. Laufen Sie doch nächstes Jahr einfach mal mit.

Der Lauf 2014

Du möchtest 2014 dabei sein? Ankunft ist am 23. Juni 2014 in Berlin. Wir werden eine Woche in Berlin bleiben. Wann Du losläufst und wie lange du laufen möchtest, ist Deine Sache. Es starten einfach alle so, dass sie rechtzeitig in Berlin sind. Du kannst Dich einer Gruppe anschließen, alleine laufen oder in Deiner Schule/Uni Leute suchen, die Lust haben, mitzulaufen. Es geht darum, den eigenen Weg selbst in die Hand zu nehmen, Hindernisse zu überwinden, sich frei zu schaufeln, Eltern und Lehrer von der Idee zu begeistern, Verbündete zu finden. Regelmäßig finden Workshops und Treffen statt. Das ist eine gute Gelegenheit Leute kennen zu lernen, bestimmt sind auch schon welche aus Deiner Nähe dabei! Mehr auf: www.funkenflug.de, E-Mail: team(at)funkenflug.de. Oder vernetz Dich mit anderen Funken in der facebook-Gruppe »Funkenflug-Bewegung«.

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